Französischem ICE wird in Zschopau neues Leben eingehaucht

Modelleisenbahner nutzen Corona-Pause für ein außergewöhnliches Projekt

Zschopau. 

Zschopau. Alles sollte so schön sein. Zusammen mit Vertretern ihres Partnervereins aus Frankreich wollten die Zschopauer Modelleisenbahn- und Eisenbahnfreunde zunächst an der "Großen Modellbahnschau des Erzgebirgskreises" in Aue teilnehmen. Dann war geplant, bei der Zschopauer Gleichmäßigkeitsfahrt andere historische Fahrzeuge näher unter die Lupe zu nehmen. Doch daraus wurde nichts, denn beide Veranstaltungen fielen der Corona-Krise zum Opfer. Statt mit ihrem Schicksal zu hadern, ergriffen die Modellbahner aber einfach die Initiative und steckten ihre Energie in ein anderes Gemeinschaftsprojekt. Während beim Partnerverein nun an alter Technik aus Zschopau getüftelt wird, richten die Erzgebirger wiederum den Führerstand eines TGV-Zugs her, der mit 300 km/h einst durch Frankreich gerast ist.

Vor der Verschrottung gerettet

"Das ist die französische Version eines Intercity-Express (ICE)", sagt der Zschopauer Vereinsvorsitzende Mirko Caspar über den TGV, dessen Abkürzung für "Train à grande Vitesse" steht. Auf ein ausgemustertes Exemplar dieses Hochgeschwindigkeitszugs stießen Caspar und seine Mitstreiter, als sie im Jahr 2015 Le Mans besuchten. Ihr französischer Gastgeber David Bertin, seines Zeichens erfahrener TGV-Lokführer sowie leidenschaftlicher Modelleisenbahner, hatte sie dorthin geführt. "Der Zug sollte verschrottet werden. Da haben wir den Führerstand sowie einige Sitze aus den Wagons ausgebaut und im Transporter mit nach Hause genommen", berichtet Caspar. Daheim in Zschopau schlummerte das seltene Material, das 1983 gebaut wurde und 30 Jahre lang im Einsatz war, vor sich hin - bis die Corona-Krise den Eisenbahn-Experten nun genügend Zeit zum Restaurieren ließ.

Simulator macht Fahrt lebendig

"Wir arbeiten gerade daran, den TGV-Führerstand wieder gangbar zu machen und an einen Zug-Simulator anzuschließen. Da sich viel in Heimarbeit machen lässt, war es der ideale Zeitvertreib in der Corona-Pause", sagt Mirko Caspar. Insgesamt zehn verschiedene Elemente sollen quasi wiederbelebt werden, damit Besucher der Vereinsräume im Schützenhaus bald die Schalter bedienen können. Dabei soll die Geschwindigkeit von bis zu 300 km/h nicht nur auf dem Tacho angezeigt, sondern auf einem großen Bildschirm auch spürbar gemacht werden. Noch braucht es viel Tüftelei und viele Kabel, damit sich der Nutzer wie im echten Cockpit vorkommt. Doch bald soll der Simulator vor allem der jungen Generation Freude bereiten. "Das gibt es nirgends sonst in Deutschland", so Caspar stolz. Auch David Bertin soll den Simulator bedienen, wenn er 2022 zu Besuch kommt. Der könnte übrigens mit einer MZ TS aufkreuzen, die er gerade restauriert. "Damit kann er dann an der Gleichmäßigkeitsfahrt teilnehmen. Und auch die Große Modellbahnschau in Aue wird nachgeholt", freut sich Mirko Caspar schon jetzt auf den Mai 2022.