Großes Jubiläum im Erzgebirge: Ein kleiner Ort wird zum Treffpunkt für eine ganze Region

Drei Tage lang stand ein kleines Waldhufendorf im Mittelpunkt des Erzgebirges. Oberscheibe beging sein 625-jähriges Bestehen mit Bergparade, Festumzug, Lasershow und einer Portion Heimatliebe, die man an jeder Ecke spüren konnte.

Oberscheibe

Es gibt Dörfer, die verstecken sich zwischen den Hügeln des Erzgebirges, als wollten sie in Ruhe gelassen werden. Und dann gibt es Oberscheibe. Vom 21. bis 23. August verwandelte sich der Ortsteil in ein einziges großes Wohnzimmer, in dem die ganze Nachbarschaft, alte Bekannte und viele neugierige Gäste zusammenkamen.

Anlass war ein rundes Jubiläum, das man in dieser Form nicht alle Tage feiert. 625 Jahre ist es her, dass Oberscheibe erstmals urkundlich erwähnt wurde, damals noch unter dem Namen „Schybe“.

Ein Dorf mit Geschichte seit 1401

Die Wurzeln des Ortes reichen tief in die Kolonisationszeit des 12. und 13. Jahrhunderts zurück, als deutsche Siedler das sogenannte Waldhufendorf anlegten. Die Höfe reihten sich entlang der Straße und des Abrahamsbachs auf, dahinter zogen sich lange, schmale Flurstücke bis zum Waldrand. Diese Siedlungsform war klug gewählt, sie machte die mühsam gerodeten Flächen optimal nutzbar.

1401 wechselte das Dorf von der Grafschaft Hartenstein an das Kloster Grünhain, ehe es 1406 wieder zurückfiel. 1559 kam der Ort schließlich unter kursächsische Herrschaft. Wer heute durch Oberscheibe geht, läuft also buchstäblich durch mehrere Jahrhunderte sächsischer Landesgeschichte, vorbei an einem Ort, der einst sogar ein eigenes Erbgericht mit Braurecht besaß. Dieses Recht ist bereits für das Jahr 1537 urkundlich belegt.

Ein Dorf verwandelt sich in Festplatz

Wer in den Festtagen durch die Dorfstraße spazierte, erkannte kaum wieder, wie ruhig es hier sonst zugeht. Grüne und weiße Wimpelketten spannten sich über Hecken und Zäune, Bierbänke standen bereit, und aus den Ständen duftete es nach Bratwurst, Krapfen und frisch gezogener Fassbrause. An einem Gartenzaun saß, in karierten Hemd und Kniestrümpfen, eine lebensgroße Puppe mit Strohhut und Bierflasche in der Hand. Solche liebevollen Details erzählten schon vor dem eigentlichen Programm, mit wie viel Herzblut die Bewohner ihr Fest vorbereitet hatten.

Auf einer Wiese am Ortseingang warteten zwei mannshohe Strohfiguren, ein Bergmann mit grünem Hut und eine Bäuerin mit Schürze, direkt neben einer echten Grubenlore mit der Aufschrift „Grüße aus Oberscheibe“. Sie erinnerten daran, dass dieser Ort nicht nur von Landwirtschaft, sondern auch vom Bergbau geprägt wurde. Nicht umsonst trägt das Gemeindewappen Tannenbaum und gekreuzte Schlägel und Eisen.

Von der Bergparade bis zur Lasershow

Den Auftakt am Freitag machten Jagdhornbläser und ein Lampionumzug, bevor am Abend die Musik für Jung und Alt übernahm. Der Samstag gehörte dann ganz der Bergbautradition. Bei der großen Bergparade zogen Trachtenträger in schwarzweißer Bergmannsuniform mit weißen Handschuhen und Federbüschen durch die Dorfstraße, begleitet vom bergmännischen Musikverein Jöhstadt-Grumbach. Am Nachmittag wurde beim Bergmeisterpokal des sächsischen Landesverbandes um Bergmärsche, Hunt ziehen und sogar „Bergziege melken“ gewetteifert, ehe am Abend die Band Seven Up zum Tanz aufspielte und eine Lasershow den Dorfplatz erleuchtete.

Der Sonntag startete ungewöhnlich, aber typisch erzgebirgisch, mit dem Hähnewettkrähen, bei dem der lauteste Hahn des Jahres gekürt wurde. Nach dem Gottesdienst mit dem Posaunenchor der St. Johanniskirche Scheibenberg zog am Nachmittag der große Festumzug durch den Ort, vorbei an Dorfplatz und Hauptstraße. Musikalisch endete das Fest stimmungsvoll mit Schalmeienklängen, volkstümlicher Musik von „dr Paul“ und Live-Musik von George Martin.

Zwischen Handwerk, Hüpfburg und Heimatgefühl

Neben der großen Bühne bot Oberscheibe auch die leiseren Töne des Festes. In der Handwerkermeile am Abrahamstollen zeigten Aussteller ihr Können, in der alten Dorfschule öffnete eine Ausstellung zu „150 Jahre Dorfschule Oberscheibe“ ihre Türen, und der Schnitz- und Krippenverein Scheibenberg präsentierte historisches Ortsleben. Für die Kleinsten gab es Kinderschminken, eine Hüpfburg, Bogenschießen und eine eigene Spielstraße auf dem Mehrgenerationenplatz. Wer lieber schlenderte, fand entlang der Dorfstraße Stände mit Süßigkeiten, Wein, Bubbletea und selbstverständlich frisch gebackenen Waren der Bäckerei Kreißl.

Besonders stolz zeigte sich das Dorf auf seinen „Botschafter des Erzgebirges“, Altbraumeister Christian Fiedler, dessen Familie bereits in fünfter Generation braut. Zur Feier des Jubiläums bekam Oberscheibe zudem eine neue Ortsteilflagge, weiß und grün, mit Tanne sowie Schlägel und Eisen, ein Symbol, das nun offiziell für den Ort steht.

Ein Fest, das lange nachklingt

Am Ende blieb von den drei Tagen mehr als nur die Erinnerung an gute Musik und volle Bierbänke. Bürgermeister Michael Staib und Ortsvorsteherin Heike Flath brachten es in ihrem Grußwort treffend auf den Punkt.

Es sei das Wirken vieler Generationen, ihr Mut und ihre Liebe zur Heimat, denen Oberscheibe seinen besonderen Charakter verdanke. 625 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung zeigte das kleine Dorf im Erzgebirge einmal mehr, dass Tradition und Gemeinschaftssinn hier keine leeren Worte sind, sondern gelebter Alltag, der an solchen Festtagen für alle sichtbar wird.

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