Ich werde lebendig bleiben

Das Wort zum Sonntag von Evi Köhler

Wenn man in die Jahre kommt, desto öfter stellt man sich die Frage: Was ist eigentlich das Wesentlichste? Wo kann ich meine Lebendigkeit ausleben? Ist wirklich manchmal kein Ausweg zu sehen? Als ich in einem Buch der Schriftstellerin Christa Wolf mit einem Briefwechsel von Franz Fühmann (1922-1984) las, wo oft von der Suche nach Sinn und von der Hoffnung auf ein authentisches Leben gesprochen wurde, stellte ich mir diese Fragen. Christa Wolf schreibt: "In mir ist seit einiger Zeit eine große Sehnsucht nach dem Positiven, nach dem, was bleibt." Fühmann antwortet: "Christa, wie die Dinge jetzt liegen, wird es wohl an uns beiden liegen, eine Würde der Literatur zu repräsentieren, die nicht verloren gehen darf." Die Literatur, die Kunst und auch die Religion haben die Aufgabe, in Zeiten von Unfreiheit, von Überwachungen und Repressalien, die Widersprüche in der Gesellschaft zu thematisieren, Konflikte aufzudecken und Veränderungen einzuklagen. Manchmal steht man dabei auf verlorenen Posten. Was bedeutet das für mich? Das heißt, identisch mit mir zu leben und in Verantwortung vor Gott und den Menschen nach Lebensmöglichkeiten zu suchen, auch wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe. Mich begleitet eine innere Stärke, die ich mir auch nicht nehmen lasse. Ich werde lebendig bleiben.