Marienberg eröffnet am 21. August sein Welterbe-Besucherzentrum. Bei einem Baustellentermin am Mittwoch gaben Stadt und Welterbeverein Einblicke in ein Projekt, das mehr sein will als ein Museum. Kinder der Kita Buratino durften trotz strömenden Regens schon einmal mit anpacken.
Anpacken der Kita Buratino
Es regnet in Strömen an diesem Mittwochvormittag in Marienberg. Trotzdem knien mehrere Jungen und Mädchen der Kita Buratino im Matsch vor der Fassade des künftigen Welterbe-Besucherzentrums, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Hände voller Erde. Aus orangefarbenen Eimern ziehen sie junge Farne, setzen sie behutsam in frisch ausgehobene Löcher entlang der Hauswand. Ein Erwachsener hält den Spaten, ein Kind drückt die Erde fest, ein anderes schaut mit großen Augen zu, wie das Grün an seinem neuen Platz Wurzeln schlagen soll. Der Regen tropft von den Jacken, die Freude an den kleinen Gesichtern lässt sich davon aber nicht trüben.
Es ist ein Bild, das gut zu dem passt, was hier gerade entsteht. Am Markt 6 in der Marienberger Innenstadt wächst seit Monaten das erste von insgesamt sechs Welterbe-Besucherzentren der Montanregion Erzgebirge heran. Am 21. August soll es seine Türen öffnen, kostenfrei und für jeden zugänglich.
Ein historischer Tag mitten im Regen
„Für uns als Marienberger ist das neben der Grundsteinlegung im Oktober 2024 und dem Richtfest Ende August 2025 schon ein historischer Tag“, sagt Oberbürgermeister André Heinrich bei der Pressekonferenz vor Ort. Dass ausgerechnet Schulanfänger der Kita Buratino an diesem Tag mit anpacken durften, ist für ihn kein Zufall, sondern Programm. „Wir wollen unsere Kinder ein ganzes Stück mitnehmen“, sagt er. Man arbeite dafür eng mit den Grundschulen zusammen, besuche gemeinsam Rathaus und Museen, und auch die Oberstufe des Gymnasiums habe bereits eine ganze Projektwoche dem Welterbe gewidmet und die Grundsteinlegung mit großem Interesse begleitet.
Heinrich erinnert an die Wurzeln der Region. Bevor hier Bergbau betrieben wurde, war das Erzgebirge nach seinen Worten „dunkler Miriquidiwald“, und Holz war ein zentraler Rohstoff, für den Bergbau selbst und zum Heizen. Genau deshalb sei mit den Kindern auch ein Ausflug in den 500 Hektar großen Marienberger Stadtwald unternommen worden, um zu zeigen, wie eng Naturhaushalt und Bergbaugeschichte miteinander verwoben sind.
Wo früher ein Hof stand
Wer heute an der historischen Fassade am Markt vorbeigeht, ahnt kaum, welche Räume sich dahinter auftun. Früher stand hier ein Hof. Eine Mauer im heutigen Gebäude erinnert noch an das alte Bauwerk, das einst für sich allein stand. „Die Voraussetzungen für so ein Welterbezentrum sind natürlich Fläche“, erklärt Heinrich, und genau die habe sich mitten im Zentrum gefunden, weil Planer, Stadt- und Denkmalschutzbehörden sowie Nachbarn am Ende gemeinsam eine Lösung erarbeiteten. Ein Umzug an den Stadtrand sei damit vom Tisch gewesen, was Heinrich wichtig war, schließlich gehört der gesamte historische Stadtkern selbst zum Welterbe.
Rund 3,7 Millionen Euro kostet das Projekt insgesamt. Eine GRW-Förderung übernimmt 90 Prozent der Summe, die verbleibenden 10 Prozent trägt die Stadt Marienberg. „Ein ganz verträgliches Maß, das tun wir gerne“, so Heinrich. Zusätzlich zieht auch die Tourist-Information mit in das Gebäude ein, ein Nebeneffekt, den die Stadt bewusst mitgeplant hat.
Wenn der Ausstellungsraum zum Leben erwacht
Im Inneren herrscht an diesem Vormittag noch reges Baustellentreiben. Eine rote Arbeitsbühne der Firma Vogel steht mitten im künftigen Hauptausstellungsraum, ringsherum in Folie eingepackte, kreisrunde Podeste in sattem Grün, die später einmal die erzgebirgische Landschaft im Modell zeigen sollen. Handwerker sind überall im Einsatz.
Wiebke Berkel, Projektmanagerin für Schutz und Erhalt beim Welterbe Montanregion Erzgebirge e. V., führt durch den Raum und erklärt, worum es künftig gehen wird. Das Thema in Marienberg lautet Werk und Kulturlandschaft, also die Frage, wie das Zusammenspiel aus Bergstädten und der Infrastruktur über und unter Tage die Region über Jahrhunderte geprägt hat und zur Welterbe-Anerkennung führte. Herzstück ist ein Showmodus, der sich künftig ein bis zweimal pro Stunde aktiviert. Dann erwacht der Raum um die Besucher herum buchstäblich zum Leben, mit Modellen und Licht wird erzählt, wie der Bergbau einst in die Region kam, wie er sie prägte und wie er bis heute nachwirkt. Ziel sei es, kompakt Appetit auf die echten, authentischen Orte des Welterbes draußen in der Region zu machen.
Ein Wandbild erzählt vom Erzgebirge
Wer sich beim Rundgang umschaut, entdeckt in einem Nebenraum den Künstler René Härtel bei der Arbeit. Konzentriert setzt er mit dem Pinsel Details in eine mehrere Meter breite, gemalte Erzgebirgslandschaft, umgeben von Skizzen, historischen Fotografien und Referenzbildern, die an der Wand kleben. Sein Wandbild zeigt Marienberg mit seinen zahlreichen Ortsteilen, von Lauterbach bis Reitzenhain, von Pobershau bis Gebirge, und macht sichtbar, wie unterschiedlich die Landschaft von Region zu Region geprägt ist. Für Heinrich ist genau das ein Gewinn. Das Bild solle die künftigen Mitarbeitenden der Tourist-Information neugierig machen, damit sie den Gästen Geschichten dazu erzählen können, und am Ende dazu einladen, die Welterbestätten selbst zu besuchen.
Kinder pflanzen die letzten Grüße
Draußen vor dem Gebäude geht derweil die Verschönerungsaktion mit der Kita Buratino weiter. Trotz Dauerregen wird Beet für Beet bepflanzt, Farne und junge Gehölze sollen die neue Fassade begrünen. Zum Dank gibt es für die kleinen Helfer bunte, spitz zulaufende Papiertüten mit dem Logo der Montanregion Erzgebirge, liebevoll mit Schleifen verziert, gefüllt mit kleinen Überraschungen. Ein Mädchen in lilafarbener Regenjacke nimmt ihre Tüte entgegen und strahlt trotz nasser Haare übers ganze Gesicht. Für einen Moment wird aus der Baustelle ein kleines Fest.
Der Blick nach vorn
Steve Ittershagen, Geschäftsführer des Welterbe Montanregion Erzgebirge e. V., nutzt die Pressekonferenz, um sich ausdrücklich für die Zusammenarbeit mit der Stadt zu bedanken. Wie viele Abstimmungsprozesse eine solche Baustelle erfordere, wenn mehrere Akteure gleichzeitig vor Ort planten und bauten, sei enorm, betont er, und lobt insbesondere die konfliktfreie Zusammenarbeit. Genau das habe dafür gesorgt, dass sowohl der Zeit- als auch der Kostenrahmen eingehalten werden konnten, was in der heutigen Baubranche keineswegs selbstverständlich sei.
Marienberg ist dabei erst der Anfang. Als Nächstes sollen die Welterbe-Besucherzentren in Annaberg-Buchholz im Winter 2026/2027 sowie in Schneeberg im Sommer 2027 folgen. Freiberg hält bis zur eigenen Eröffnung mit einem Welterbe-Infopunkt in der Erbischen Straße die Stellung. Auch auf tschechischer Seite entstehen in Jáchymov und Krupka zwei weitere Zentren, was Ittershagen als besonders wertvoll hervorhebt. Schließlich gehe es um ein grenzüberschreitendes Welterbe, das nur gemeinsam mit den tschechischen Partnern lebendig gehalten werden könne.
Für Heinrich ist am Ende vor allem eines wichtig. Das neue Zentrum soll für die Kinder aus Marienberg und der Region zu einem festen Anlaufpunkt werden, an dem Neugier auf die eigene Geschichte geweckt wird, und gleichzeitig Touristen aus aller Welt einen ersten Appetit auf das Erzgebirge machen, bevor sie hinausziehen, um es selbst zu entdecken. An diesem verregneten Mittwoch, mit erdigen Kinderhänden und frisch gepflanzten Farnen vor der Tür, ist davon schon ein kleines Stück Wirklichkeit geworden.
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