Vor 65 Jahren: Eberhard Riedel und das Wunder von Adelboden

Oberwiesenthaler Ski-Ass gewann 1961 als erster Deutscher den Riesenslalom am Chuenlisbärgli – ein Triumph für die Ewigkeit

Oberwiesenthal, Kurort

Die FIS-Ski-Weltcup-Rennen im Schweizer Adelboden zählen zu den traditionsreichsten, schwersten, populärsten überhaupt. Am kommenden Wochenende feiert die Sportwelt dort die 70. Auflage. Für uns Sachsen bietet das Jubiläum Anlass, von einem Oberwiesenthaler zu erzählen, der dort vor 65 Jahren Alpin-Geschichte schrieb: Eberhard Riedel.

Erster deutscher Weltcup-Sieg am Chuenlisbärgli

Was Rang und Namen hat im alpinen Skisport trifft sich in Adelboden – im Premierenjahr 1956 genauso wie am 6. und 7. Januar 2026. Kaum ein Weltstar, der auf der Piste des Chuenlisbärgli nicht auf dem Treppchen stand. Doch nur zwei Deutsche gewannen den Riesenslalom. Der erste heißt Eberhard Riedel; der Oberwiesenthaler siegte 1961 sensationell. Nie wieder gelang einem DDR-Alpinen Platz eins bei einem Weltcup, der damals FIS-A-Rennen hieß. Und es sollte 56 Jahre dauern, ehe mit dem Bayern Felix Neureuther wieder ein Deutscher den Pokal von Adelboden holte. Der „Riedel-Ebs“ ist heute 87, lebt in der Stadt am Fichtelberg und im Wiesenthaler K3, dem Museum für Wintersport und Stadtgeschichte, sind seine Pokale und Ski ausgestellt.

Vom Barfuß-Fußball in die Slalom-Elite

Jahrgang 1938, spielte Eberhard wie alle „Gunge“ daheim im erzgebirgischen Lauter Fußball. Barfuß und mit der „Flackl-Pflaum“, einer Kugel aus Stoffflecken, denn Lederbälle gab es nicht. Sobald Schnee lag ging es auf die „Bratter“. „Ebs“ begann Skispringen zu trainieren, die Schanze bauten die Kinder selber. 1947 zog die Familie nach Dresden, von wo Eberhard mit dem Zug nach Altenberg fuhr. „Drei Paar Ski besaß ich für die Viererkombination aus Abfahrt und Slalom, Langlauf und Sprung. Mit 13 war ich in Sachsen vorn dabei“, erinnerte sich Riedel in einem Interview, das ich Ende 2023 mit ihm führte. Als sein Vater 1952 die Sportschule in Oberwiesenthal leitete, nahm sein Training Fahrt auf. Er wurde mehrfach DDR-Jugendmeister und 1957 in den Nationalkader berufen. Es war ein Septett mit dem Oberlausitzer Rochus Wagner sowie den Erzgebirgern Karl Süß, Klaus Illing, Peter und Werner Lützendorf, Ernst Scherzer und Eberhard Riedel. Die Abfahrtsläufer vertraten die Heimat bei Weltmeisterschaften und FIS-Weltcups in Europa. Riedels erster Top-Erfolg waren 1959 Siege im Riesenslalom und in der Kombination beim FIS-Rennen im polnischen Zakopane.

Achtungserfolg in Squaw Valley

Eine Empfehlung für die Olympischen Winterspiele 1960 in Squaw Valley, USA. Die Fahrkarte hatte Riedel im Schweizer Wengen und im Tiroler Kitzbühel fast gelöst. „Doch zum Cup nach Val-d‘Isère durfte ich als DDR-Sportler nicht reisen, weil Frankreich ein NATO-Land war. Wir Ostsportler mussten damals, vor dem Mauerbau, nach Westberlin fahren und ob wir dort Pässe bekamen, war jedes Mal eine Wundertüte“, erzählt er später. „Jedenfalls bekamen Ernst Scherzer und ich Plätze in der damals noch gemeinsamen deutschen Mannschaft für Squaw Valley. Ich startete in Kalifornien in der Abfahrt und erkämpfte als viertbester Deutscher Platz 16.“

Pech zur Premiere in Adelboden

1960 startete der Oberwiesenthaler erstmals in Adelboden, kam am Chuenlisbärgli im Slalom unter die ersten zehn. „Tags darauf mussten wir auf Anweisung aus Ostberlin abreisen, weil die Schweizer Veranstalter die DDR-Fahne nicht hissen wollten. Umso motivierter waren wir ein Jahr später für Adelboden“, erinnerte sich „Ebs“ sechs Jahrzehnte später.

Die gelungene Revanche

Januar 1961. Beim Auftaktslalom in Adelboden schafften die DDR-Fahrer Lützendorf, Scherzer und Riedel die Ränge sechs bis vier. Eberhards Hoffnung wuchs, als er nachts um eins aufs Thermometer schaute. Minus zwei Grad, die Strecke musste frisch gefroren sein und auf Eis war er gut. Riedel feilte und präparierte die Ski exakter denn je. Als der große Rivale Willi Forrer nur Zweitbester in seiner Schweizer Gruppe war, ahnte der Erzgebirger, dass er es packen könnte. „Ebs“ gewann am Chuenlisbärgli und der Junge-Welt-Journalist Hans-Georg Vollbrecht schrieb danach über das „Wunder vom Fichtelberg“.

„Gold“ in Krajnska Gora

Es folgten FIS- und WM-Rennen, die Olympia-Teilnahmen 1964 in Innsbruck

und 1968 in Grenoble. Seinen wichtigsten Erfolg nennt er die Siege im Riesenslalom und in der Kombination in Kranjska Gora in Slowenien, denn: „Kein Deutscher hat das dort wieder geschafft, bis heute nicht. Ich sag‘ gern, das war meine Goldmedaille.“ Nicht zu vergessen die elf DDR-Meistertitel. 1968 in Grenoble gelang die beste olympische Platzierung, Riedel wurde 13. im Slalom. Aber freuen mochte er sich nicht, denn in jenem Jahr beschloss der DDR-Verband den Rückzug aus dem Weltcup. Die Ressourcen sollten auf andere Disziplinen konzentriert werden: Springen, Rodeln, Bob, Eislauf zum Beispiel. Der alpine Leistungssport war fortan passé in der DDR.

Schweizer halten Erinnerung wach

Riedel studierte Sportlehrer an der DHfK in Leipzig. Die Diplomarbeit schrieb er nicht in seinem Metier, sondern zum Thema Skispringen, bestand mit Auszeichnung. Später arbeitete der Erzgebirger in Oberwiesenthal als Skilehrer, organisierte Sportfeste und arbeitete von 1974 bis 1979 als Athletiktrainer beim Oberligisten BSG Wismut Aue.

Ein Novum damals im DDR-Fußball. Im Interview 2023 erinnerte er sich: „Es dauerte eine Weile, bis mich die Wismut-Kicker akzeptierten. Wir trainierten sehr vielseitig und hart, nach Methoden, wie ich sie aus dem Wintersport kannte. Das passte manchem nicht, es wurde Schuhcreme an meinen Spind geschmiert und protestiert: ,Mit uns net!‘ Doch nach und nach zeigte sich, dass es was bringt.“ Ab 1980 setzte Eberhard die Ski-Trainerarbeit in Oberwiesenthal fort. Zunächst beim Nachwuchs des SC Traktor, dann im Männerbereich, wo der Ex-Alpine half, Springer wie Jens Weißflog, Andreas Auerswald, Ulf Findeisen oder Kerst Rölz zu entwickeln. Ab 2000 bis zur Rente 2003 war er Kindertrainer beim ASC Oberwiesenthal.

2006 wurde der Sieger von 1961 nach Adelboden eingeladen, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Weltcup-Rennen. Zusammen mit Sepp Bär aus dem Allgäu übergab „Ebs“ einen Pokal als Dank an die Schweizer, die den Grundstein für den modernen Weltcup legten. Und freute sich, dass die Erinnerung an die DDR-Starter vor sechs Jahrzehnten dort nicht vergessen ist.

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