Affenmenschen gegen Fischköpfe: Rassismus à la Lovecraft

Nach "Call of Cthulhu" nun ein Ausflug in die "Sinking City": Der für seine "Sherlock Holmes"-Spiele bekannte Entwickler Frogwares geht dem Horror US-Autor Lovecraft mit einem Open-World-Spiel auf den Grund. Das vereint schaurige Detektivarbeit mit Shootouts gegen eklige Tentakel-Wesen. Gruselig? In vielerlei Hinsicht.

Vielarmige Glibberwesen, Fischmenschen und uralte kosmische Gottheiten mit Tentakeln, die auf dem Grunde des Ozeans vor sich hin träumen: Mit seinem Cthulhu-Mythos gehört der US-amerikanische Autor H. P. Lovecraft zu den Pionieren der modernen Horror-Literatur.

Zahllose Schriftsteller, Filmemacher, Comic-Zeichner und Spiele-Entwickler orientieren sich an den Geschichten, die der introvertierte Sonderling Anfang des 20. Jahrhunderts auf Papier gebannt hat. Sogar die "Conan"-Storys von Robert E. Howard sind von Lovecrafts finsteren, kosmischen Göttern - den "Große Alten" - durchdrungen, denn beide Fantastik-Autoren pflegten eine enge Brieffreundschaft.

Doch Lovecraft hatte auch abseits von seinen morbiden Grusel-Geschichten eine dunkle Seite: Angeblich war der Autor Rassist und sympathisierte mit den Nazis - beides Umstände, die seinen von schaurigen, fremdartigen Wesen bevölkerten Kosmos in einem anderen Licht erscheinen lassen. Denn die beklemmenden Szenarien des auch selber von Ängsten zerfressenen Schreiberlings waren vor allem Gleichnisse für die Furcht vor dem Unbekannten.

Affenmenschen gegen Fischköpfe

Umso sympathischer, dass sich der ukrainische Entwickler Frogwares - bisher bekannt für seine detektivischen Sherlock-Holmes-Adventures - des Lovecraft-Themas annimmt, um ein Statement gegen genau die Werte zu setzen, die sein Schöpfer womöglich vertreten hat: Das in Küstennähe gelegene Oakmont ist nicht nur der Schauplatz übernatürlicher Ereignisse, obendrein wird es von zwei miteinander im Clinch liegenden Fraktionen dominiert. So erinnert die wohlhabende Industriellen-Familie der Throgmortons mit ihrer ungewöhnlichen Physis an Affen, die aus dem nahen Innsmouth (Lovecraft-Fans horchen bei diesem Namen auf) in die Stadt strömenden Humanoide dagegen sind offenbar mit Fischen verwandt. Diskriminierungen und Fremdenhass sind deshalb an der Tagesordnung - zumindest solange wie man den umfangreichen Dialogen lauscht. Denn in der zwar offenen, aber auch leider viel zu unbelebten und statischen Spielwelt ist von diesen Spannungen kaum etwas zu spüren.

Solide Detektivarbeit, nervige Ballereien

Tatsächlich ist "Sinking City" der erste Gehversuch, den Entwickler Frogwares in Richtung Open-World-Genre wagt: Entsprechend holperig sind die technische und spielerische Ausführung des zusehends in den Fluten versinkenden Oakmont - ausgesprochene Freunde des Cthulhu-Mythos wiederum freuen sich darüber, dass es in der großen Spielwelt viel zu entdecken gibt. Besonders die deutlich von den "Sherlock Holmes"-Spielen des Studios inspirierten Untersuchungen sind hier hervorzuheben: Weil Protagonist Charles W. Reed - wie so viele Helden im Cthulhu-Fach - seine Brötchen als Privatschnüffler verdient, ermittelt er in den verschiedensten Fällen. Dafür nimmt er Objekte von allen Seiten in Augenschein, pflegt umfangreiche Hinweis-Listen und greift auf übernatürliche Fähigkeiten zurück, die ihm schematische Darstellungen der Vergangenheit zeigen.

Weniger souverän gibt sich das Abenteuer, wenn scharf geschossen statt kombiniert wird: Weder darf Charles bei der Bedrohung durch übernatürliche, vielgliedrige Kompost-Wesen in Deckung gehen noch ihren Attacken ausweichen - stattdessen ballert oder prügelt er hektisch ins Blaue und hofft auf den einen oder anderen Zufallstreffer.

Würde "Sinking City" nicht dermaßen intensiv auf seinen Kampf-Anteil setzen, um die Erforschung des Schauplatzes voranzutreiben, wäre das halb so wild - aber im Angesicht von unzähligen Monstrositäten und angriffslustigen Bewohnern ist der mangelhafte Action-Betrieb des Spiels ein echtes Ärgernis.

Für echte Lovecraft-Fans

Wer sich bei der Ankündigung von "Sinking City" erhoffte, endlich ein rundum gelungenes Lovecraft-Spiel serviert zu bekommen, wird demnach ein wenig enttäuscht. Trotzdem hat der Trip durch das von durchgeknallten Kultisten und bizarren Kreaturen bevölkerte Oakmont auch seine starken Seiten: Die Geschichte um den schleichenden Wahnsinn von Held Charles und das facettenreiche Ermittler-System sorgen für viele spannende Momente - trotz seiner dürftigen Inszenierung und den steifen, emotionslos chargierenden 3D-Darstellern.

Außerdem dürften sich solche Adventure- und Open-World-Freunde für den Grusel-Trip erwärmen können, die eine echte Herausforderung suchen: "Sinking City" verzichtet weitgehend darauf, den Spieler so intensiv bei der Hand zu nehmen, wie es die meisten modernen Open-World-Titel heute tun. Wem mit Markern und Missions-Anzeigen überladene Spielwelten ein Gräuel sind, der wird sich darüber freuen, dass er seinen Weg hier alleine finden und zwecks Orientierung Karten studieren muss. Hat man bei der Open-World-Orientierung dagegen eine nur niedrige Frust-Toleranz, lässt man diese Reise ins lovecraft'sche Grauen besser aus.

The Sinking City | Launch-Trailer [USK]