Die Graffiti-Geister, die er rief

Mehr zauberhaftes Erlebnis als Spiel: In "Concrete Genie" erwachen die Graffitis und Zeichnungen eines Teenagers zu magischem Leben.

Mehr zauberhaftes Erlebnis als Spiel: In "Concrete Genie" erwachen die Graffitis und Zeichnungen eines Teenagers zu magischem Leben.

Games mit alternativen spielerischen oder visuellen Konzepten gibt es reichlich - man muss bloß einen Blick in die seit einigen Jahren florierende Independent-Szene werfen. Allerdings können sich deren "Production Values" - also ihre audiovisuelle und inszenatorische Güteklasse - selten mit dem Kreativ-Output großer, Millionen-schwerer Entwickler-Studios messen.

Etwas anders sieht die Sachlage aus, wenn das betreffende Spiele-Studio zwar wie ein Indie-Entwickler anmutet, aber eigentlich zur Inhouse-Struktur eines großen Publishers wie Sony gehört. Gerade der PlayStation-Hersteller hält sich mehrere derartige Kreativ-Teams, um ehrgeizige Klein-Projekte anzuschieben, die dem Konzern war nicht viel Geld, aber dafür umso mehr Prestige bei den Gamern einbringen.

Zu den Mini-Studios, die sich der PlayStation-Hersteller auf diese Weise hält, gehört auch das in Kalifornien ansässige Team von PixelOpus. Das fiel vor fünf Jahren durch das kunstvolle Licht- und Farbenspiel von "Entwined" auf, seitdem hat die Mannschaft an "Concrete Genie" gearbeitet - einem vergleichsweise aufwendigen Projekt, das komplett mit eigener Spielwelt und nach Art eines Stop-Motion-Films umgesetzten 3D-Protagonisten kommt. Allen voran der schlaksige Teenage-Held und Kunst-vernarrte Außenseiter Ash, der mit einem magischen Pinsel eine triste, graue Hafenarbeiter-Vorstadt wieder zum Leben erwecken will.

Freifahrtschein für Graffiti-Künstler

Dafür darf Ash sogar etwas tun, was normalerweise gar nicht gerne gesehen wird: Er beschmiert sämtliche Hauswände, Brücken, Schuppen und sonstigen Konstruktionen in dem unwirtlichen Nest, ohne das ihn jemand dafür bestrafen würde. Immerhin ist die Siedlung schon seit längerer Zeit verlassen - bis auf Ash und eine Gruppe aus halbstarken Rowdies, vor denen sich der Held immer wieder verbergen muss, traut sich niemand mehr in den einst wunderschönen Ort. Denn vor einigen Jahren wurde der von einer seltsamen, Seuchen-ähnlichen "Finsternis" heimgesucht, die sich nun über die einst idyllischen Anlagen ausgebreitet hat.

Um die scheinbar übernatürliche Verunreinigung zu beseitigen, wählt Ash aus einer ganzen Fülle vorgegebener Motive und Muster, die er seinem stetig wachsenden Skizzenbuch entnimmt: Hat er auf Straßen oder den erklimmbaren Dächern der Stadt eine neue Illustration gefunden, übernimmt er sie in seinen Fundus und verschönert damit die Wände. Besonders wichtig sind dabei die verschiedenen Geister oder "Genies", die Ash sogar halbwegs individuell gestalten darf und die anschließend über die verschiedenartig bemalten Wände wuseln, um Ash bei allerlei Rätsel-Aufgaben zu unterstützen: Energie-Genies versorgen alte Sicherungskästen mit Energie oder schließen sie kurz, Feuer-Genies verbrennen Blockaden und Wind-Genies pusten Kisten oder Hindernisse durch die Gegend.

Interaktives Graffiti-Kunstwerk mit schwachem Finale

Die Bemalung der Hauswände fällt mithilfe des Bewegungs-sensitiven Dual-Shock-Controllers kinderleicht, obendrein kommt "Concrete Genie" mit einem innovativen VR-Modus für Sonys PS4-Headset. Letzterer ist mit einer knappen Stunde zwar reichlich kurz, saugt den Betrachter aber gekonnt in die Genie-Dimension hinter den Wand-Graffitis und ist das Aufsetzen der VR-Brille (wo verhanden) allemal wert.

Indem Ash seinen Genie-Freunden Gemälde nach Bestellung auf die Wände pinselt, sammelt er schließlich die nötige "Superfarbe", die nötig ist, um die finsteren Verunreinigungen von den Bauwerken zu tilgen und neue Spielgebiete wie die Kanalisation freizuschalten. Auf diese Weise verwandelt sich "Concrete Genie" nach und nach in ein wunderschönes, begehbares Graffiti-Kunstwerk, an dem man sich kaum sattsehen kann und dem man die oft viel zu einfachen Rätsel sowie seine kurze Spieldauer von höchstens acht Stunden gerne nachsieht. Schade nur, dass das sonst entspannte Spiel während der letzten Stunde überraschend in den Action-Modus schaltet und den Gamer mit einem frustrierend harten Boss-Kampf konfrontiert, der so gar nicht zum Rest des sonst betont ruhigen Graffiti-Märchens passen will. Ohne diesen Schnitzer hätte "Concrete Genie" das Zeug zum echten Kunstwerk.