Heiße Eisen im Kalten Krieg

Alljährlich ruft die Pflicht: Mit "Black Ops - Cold War" erscheint ein weiterer Ableger der ebenso populären wie Milliarden-Dollar-schweren "Call of Duty"-Reihe. Activision will damit an den Beginn der Legende anknüpfen, die mit dem ersten "Black Ops" vor zehn Jahren begann. Dazu kommen neue Ideen.

Neues Kanonenfutter für PC- und Konsolenkrieger: Mit "Black Ops Cold War" feiert die meistverkaufte Serie der "Call of Duty"-Marke ein aufsehenerregendes Comeback - und ein technisch beeindruckes Debüt auf den neuen Konsolen PS5 und Xbox Series X/S. Inhaltlich knüpft "Cold War" an das erste "Black Ops" an, das vor zehn Jahren erschien. Der Beiname "Cold War" - auf deutsch: Kalter Krieg - verrät es bereits: Die angespannte geopolitische Lage zwischen der Sowjetunion und dem Westen in den frühen 1980er-Jahren dient als Kulisse für eine packende Tour de Force, die im Stil eines Verschwörung-Thrillers hautnah erlebt werden kann. Dabei begegnen PC- und Konsolenspieler sogar historischen Persönlichkeiten wie US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, bevor Letzterer zum Staatspräsidenten der Sowjetunion avancierte.

Wer ist die Hauptfigur?

Nachdem die Handlung von "Black Ops Cold War" an den zehn Jahre alten ersten Teil von "Black Ops" anknüpft, gibt es ein Wiedersehen mit Charakteren wie Woods, Mason und Hudson. Dazu kommen neue Figuren wie CIA-Profi Russel Adler. Die Hauptrolle des Agenten "Bell" übernimmt der Spieler selbst. Mit der CIA-Akte, die man zu Beginn anlegt, individualisiert man Bell - mit Namen, Geheimdienst-Zugehörigkeit (CIA, MI6, Ex-KGB), Hautfarbe und Geschlecht. Zudem stehen für ein psychologisches Profil 15 Eigenschaften zur Wahl. Jede dieser Eigenschaften bringt eine individuelle Bonus-Fähigkeit mit sich. So kann der "Ungeduldige" präziser aus der Hüfte feuern, während der "Unnachgiebige" eine um 25 Prozent erhöhte Feuerrate hat.

Wie originell ist die Kampagne? Und worum geht's überhaupt?

Auf Geheiß des hervorragend digitalisierten US-Präsidenten Ronald Reagan und des kompromisslosen Robert-Redford-Lookalike-Einsatzleiters Russel Adler jagen die verdeckten Operateure einen Spion rund um den Globus. Es geht um nicht weniger als das Schicksal der Welt. Denn der geheimnisvolle Perseus ist in den Besitz von Atomwaffen gelangt und plant ein Feuerwerk, das die Erde ins geopolitische Chaos stürzen würde. Der Dritte Weltkrieg schwebt über allem. Schon mehrmals waren die Elite-Agenten Perseus und seinen Schergen dicht auf den Fersen, doch ihn endgültig zu stoppen, bleibt ein Wettrennen gegen die Zeit.

Wie bei jedem Thriller gilt auch in der von Autor David S. Goyer ("The Dark Knight") mit entwickelten Story von "Cold War": Nichts ist, wie es scheint. Das Herzschlag-Finale mit überraschender Wende ist ein würdiger Abschluss der Kampagne. Dennoch: All das ist nicht neu, alle Zutaten sind Standard-Utensilien aus dem Thriller-Genre. Immerhin: Die Story wird so bildgewaltig und filmreif inszeniert, dass der Mangel an Originalität nicht weiter auffällt. Nach sechs bis acht Stunden Spielzeit ist der "Agentenfilm" zum Selberspielen vorbei. Wer nicht genug davon kriegen kann: Es stehen fünf Schwierigkeitsgrade zur Wahl.

Wie abwechslungsreich ist das Gameplay?

Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Munition: Die Jagd nach Perseus macht die Elite-Agenten zu Globetrottern. Unter anderem geht's in die Türkei, nach Kuba, Ost-Berlin (nebst detailgetreuer Darstellung des Grenzstreifens an der Mauer), Vietnam und Moskau. Der Abwechslungsreichtum ist nicht nur hinsichtlich der Schauplätze groß.

Schießereien bleiben zwar weiterhin das Kernelement des Gameplays, doch werden diese auffällig oft von Stealth-Sequenzen konterkariert. Es gilt, Schlösser zu knacken, Verdächtige mit der Agenten-Kamera zu observieren, Gegner auszuknocken und ihre Leichen zu verstecken. Mal muss man Kameras deaktivieren, mal in falscher Uniform durch einen Sicherheitstrakt spazieren. Eine Alarm-Anzeige zeigt an, wie kurz man vor der Enttarnung steht. Der damit einhergehende Nervenkitzel funktioniert bestens. Insofern erinnert das neue "Cold War" stellenweise an Stealth-Games wie "Hitman" oder "Metal Gear Solid".

Auch die Dialoge, die an das Rollenspiel-Genre erinnern, bieten zwei Antwortmöglichkeiten. Mal geht es um ein Verhör, mal nur um Smalltalk mit den anderen Teammitgliedern. Für eine ausgeglichene Work-Life-Balance sorgen auch die ruhigen Momente im Unterschlupf der Black Ops-Operateure. Dort steht eine große Beweistafel, an der man nicht nur die nächste Mission auswählen, sondern die gesammelten Infos mit detektivischem Spürsinn auswerten kann. Ein optionaler Zeitvertreib, ebenso wie gewisse Zusatzmissionen. Wer gern knobelt wie in einem Adventure, kommt hier auf seine Kosten. Wer sich lieber aufs Ballern beschränkt, kann dieses Spielelement einfach ignorieren.

Wie brutal ist "Black Ops Cold War"?

Mit einer kontroversen Szene in "Call of Duty: Modern Warfare 2" befeuerte Activision seinerzeit die Killerspiel-Debatte. Als Spieler war man in der Mission "No Russian" gezwungen, tatenlos einem Terroranschlag gegen Zivilisten an einem Flughafen beizuwohnen. "Black Ops Cold War" spart sich derlei skandalträchtige Momente in der Kampagne. Dennoch weckt eine Szene Erinnerungen daran: Im Showdown der Mission im KGB-Hauptquartier werden Unmengen von Gegnern, die waffentechnisch unterlegen sind, niedergemäht, ohne dass die Aktion auf einer Metaebene hinterfragt wird. Die USK gab eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Die deutsche Version ist zudem ungeschnitten. Und das, obwohl auch die Nahkampf-Kills drastische Gewalt darstellen. So wird in Nahaufnahme gezeigt, wie Gegner per Genickbruch oder Messer lautlos eliminiert werden.

Ebenso fragwürdig und schon im Vorfeld der Veröffentlichung umstritten: ein Multiplayer-Modus namens "Fireteam: Dirty Bomb". Darin sammeln zehn Vierer-Trupps Uran zunächst für eine schmutzige Bombe, um sie an einem bestimmten Punkt zu zünden - und ganze Bereich der Map zu verstrahlen. Der terroristische Albtraum einer jeden Regierung - hier ein "Online-Spaß", ohne jede Einordnung.

Apropos: Wie gelungen ist der Multiplayer-Modus?

Der Multiplayer-Modus erweitert die bereits bekannten und bewährten Online-Modi um drei neue Varianten. Bei "VIP-Eskorte" wechseln sich die Teams ab, einen "Promi" zu evakuieren. Im Moshpit "Verbundene Waffen" treten 6v6-Teams gegeneinander an. Die Maps sind weitläufig genug, um individuelle Laufwege und Strategien zu ersinnen, doch findet man sich gut zurecht, ohne sich zu verlaufen. Zudem muss man gar nicht immer laufen: Bei größeren Arealen sind Fahrzeuge hilfreich. Insgesamt fühlt sich das Multiplayer-Gameplay an wie ein klassischer Run&Gun. Campern dürfte das nicht gefallen. Neu ist das Ping-Sytem, mit dem man Aufgaben, Loot, Feinde und Co für die Mitspieler taggen kann.

Auch die Nazi-Untoten-Schlachtplatte namens Zombies-Modus darf natürlich ebenfalls nicht fehlen. Während es in Kampagne und Multiplayer bierernst zugeht, ist der in einem verlassenen Bunker angesiedelte Zombies-Modus eher augenzwinkernder, teils neongreller Shooter-Trash - inklusive Äther-Kapseln, Elementar-Munition, Tempo-Cola und Todes-Daiquiri als eine Art Zielwasser.

Was hätte man besser machen können?

Einen Kritikpunkt gibt es im Multiplayer-Erlebnis: Das Sammeln von Scorestreaks wird nicht wie bisher unterbrochen, wenn die Spielfigur stirbt. Denn statt Abschusserien werden Punkte gesammelt, die auch nach dem Ableben und Wiedereinstieg weiter gezählt werden. Damit nimmt Activision dem Multiplayer-Modus allerdings einen der größten Nervenkitzel, denn plötzlich muss man nicht mehr bangen, ob man lange genug überlebt, um die Belohnung für die eigenen Leistungen zu kassieren.

Auch was die Dialoge und Entscheidungen in der Kampagne angeht, reizt "Cold War" nicht sein volles Potenzial aus. Denn egal, welche Dialoge man wählt: Die Auswirkungen auf den Spielverlauf und das Ende sind marginal. Hier wäre deutlich mehr drin gewesen!

Hat "Black Ops Cold War" das Potenzial zum Dauerbrenner?

Wie bei "Modern Warfare" will Activision die Dauermotiviation der Spieler mit immer wieder neuen Inhalten hochhalten. Der Publisher verspricht "den größten Umfang kostenloser Inhalte nach der Veröffentlichung in der Geschichte von 'Black Ops'" sowie "einen vollgestopften Terminkalender mit Community-Events im Spiel". Zudem ist der kostenlose "Battle Royale"-Ableger "Warzone" mit "Cold War" vernetzt. Wie bei "Modern Warfare" werden auch bei "Cold War" Fortschritte in "Warzone" übertragen. Das Battle Pass-System bleibt ebenfalls erhalten. Darüber hinaus spricht noch etwas dafür, dass "Cold War" für einen langen Zeitraum das Zeug zum Publikumsmagneten hat. Sowohl Cross Plattform- als auch Cross Generation-Matches sind möglich. Will heißen: Spieler auf PS4 und PS5, Xbox One und Series X/S sowie PC können aufeinander treffen.

Ist "Cold War" das bisher beste "Black Ops"?

Viele Spieler von "Black Ops 4" vermissten schmerzlich eine Kampagne. Der Vorgänger wirkte zudem so, als wären Treyarch und Raven Software voller Ehrfurcht vor angesagten Online-Kracher wie "Fortnite", "PUB" und Co. in eine Kreativblockade geraten. Statt auf Nachahmung setzt "Black Ops Cold War" wieder auf die eigene Tradition. Dass viel Herzblut in der Story steckt, merkt man großen Teilen der Kampagne an. Nur selten schießt man sich durch nichtssagende Gänge ohne konkretes Ziel vor Augen. Auch der Mehrspieler-Modus erinnert in seiner schnörkellosen und tempolastigen Art an die Anfänge, welche die "Black Ops"-Serie zum erfolgreichsten Teil der "Call of Duty"-Marke gemacht haben. Dass die Kampagne darüber hinaus innovative Gameplay-Elemente abseits der Ballerorgien bietet, ist die beste Nachricht.