"Ich muss noch immer sehr viele Geheimnisse hüten"

Der neue "Call of Duty: Black Ops"-Ableger "Cold War" mischt vor der Kulisse des Kalten Krieges reale Geschichte mit Verschwörungstheorien. Jemand, der mittendrin statt nur dabei war, ist Elena Vavilova. Im Interview verrät die ehemalige sowjetische Spionin, wie ihr Undercover-Leben in den USA war -

Ihre Nachbarn und sogar ihre eigenen Kinder hielten sie für die Kanadierin Tracy Lee Ann Foley, die als Immobilienmaklerin arbeitet und ein unauffälliges Leben in Massachusetts führt. Doch ihr wahrer Name ist Elena Vavilova. Die sowjetische Spionin führte seit den 1980er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Andrey Bezrukov (alias Donald Heathfield) ein Doppelleben als Teil des streng geheimen "Illegalen"-Programms des KGB.

25 Jahre lang berichtete man unter dem Deckmantel eines langweiligen Durchschnittspaares Informationen über die US-Gesellschaft an die sowjetische Regierung. Erst 2010 wurden die beiden und weitere "Illegale" (darunter Anna Chapman) enttarnt, inhaftiert und im Rahmen eines spektakulären Agentenaustauschs (unter anderem gegen Sergej Skripal) nach Moskau gebracht. Für Elena Vavilova war das der Beginn eines neuen, dritten Lebens. Ihre Geschichte inspirierte nicht nur die Macher der Serie "The Americans", sondern auch ihren eigenen Roman "A Woman Who Can Keep Secrets". Nun greift das aktuelle Videospiel "Call of Duty: Black Ops Cold War" die Thematik auf und bietet Einblicke in die Unterwanderungs- und Destabilisierungsbemühungen während des Kalten Krieges. Wie das Leben als Spionin wirklich wahr, verrät Elena Vavilova im Interview.

teleschau: Können Sie uns mehr über das "Illegals"-Programm erzählen, in dem Sie tätig waren? Wie kann man sich so ein Netzwerk von Undercover-Agenten vorstellen?

Elena Vavilova: Ich habe in diesem Programm seit der Zeit des Kalten Krieges in den 1980er-Jahren gearbeitet - und bis zum Jahr 2010 dazu beigetragen. Soweit ich weiß - und glauben Sie mir, ich kenne nicht alle Geheimnisse meines Landes - existierte das "Illegals"-Programm seit der Gründung der Sowjetunion. Russland entschied sich dazu, weil es keine diplomatischen Beziehungen mit anderen Ländern unterhielt und es wichtig war, politische Informationen zu erlangen und mögliche Bedrohungen gegen die noch junge Sowjetunion zu erkennen. Deshalb begann die Sowjetunion, Menschen zu benutzen, die sich als Vertreter einer fremden Nationalität ausgaben. Das taten die Russen schon immer - und vor allem während des Kalten Krieges. Es war ein effizienter Weg. Die Regierung war der Überzeugung, dass man in anderen Ländern nicht ehrlich gegenüber einer russischen Person sein würde und diesen stets mit Argwohn begegnen würde. Daher benutzten sie Menschen, die mit unterschiedlichsten Pässen in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt tätig waren. Das Programm unterliegt natürlich der höchsten Geheimhaltungsstufe. Einzelne Agenten wie wir kannten nicht andere Spione, die undercover im gleichen Land aktiv waren. Jede Person hatte ein individuelles Training. Und ihre Missionen waren völlig unabhängig von denen der anderen.

teleschau: Beim Thema Spione denkt man als Laie sofort an Klischees aus Filmen wie "James Bond" oder "Mission Impossible". Wie weit sind Realität und Fiktion voneinander entfernt?

Elena Vavilova: Der offensichtlichste Unterschied: Die echte Arbeit eines Spions bietet deutlicher weniger Action. Man arbeitet im Stillen. Filme oder Videospiele wie "Call of Duty Black Ops: Cold War" dagegen bietet viele Schießereien und Verfolgungsjagden. Die Absicht ist es, die Menschen eintauchen zu lassen in eine fiktionale Erzählung über den Kalten Krieg. Manches ist etwas überzeichnet, doch eine Person wie der Charakter des sowjetischen Spions Perseus im Spiel hatte wohl ähnliche Trainings wie wir - wie man mit Leuten arbeitet, wie man mit codierten Nachrichten geheim mit seinen Auftraggebern kommuniziert. Das haben wir auch gelernt - ebenso wie Fremdsprachen. Es gab zwei Haupt-Fremdsprachen, die wir auf Muttersprachler-Niveau meistern mussten. Das zu erreichen war die wohl zeitintensivste Aufgabe unseres Trainings.

Wir waren auch vertraut damit, mit Waffen umzugehen. Allerdings mussten wir sie nie benutzen während unserer Mission. Das ist auch so ein Unterschied zum Spiel. Gamer wollen die aufregende Erfahrung haben, jemanden zu jagen. Aber wir waren nur mit Selbstverteidigung vertraut. Und wir lernten natürlich auch, wie man mit Leuten umgeht und sie studiert - auch um sie als Agent zu rekrutieren.

teleschau: Welche Art von Informationen sollten Sie sammeln und in welchem sozialen Umfeld?

Elena Vavilova: Wir mussten so sein wie die Leute um uns herum. Also mussten wir uns völlig normal verhalten, nicht auffallen, einfach ein gewöhnliches Leben leben. Auf der anderen Seite hatten wir eine geheime Mission, Informationen vor allem politischer Natur zu sammeln und unserer Regierung zugänglich zu machen, damit sie dieses Wissen in ihre Entscheidungen miteinfließen lassen konnte. Dazu kamen gewisse zusätzliche Missionen, die nur für eine kurze Zeitspanne angedacht waren.

teleschau: Auf welche Art haben Sie mit Ihren Auftraggebern kommuniziert, ohne Aufsehen zu erregen?

Elena Vavilova: Das nennt sich Spionagekunst. Es gibt verschiedene Wege, um mithilfe verschlüsselter Botschaften zu kommunizieren. Ich kann Ihnen natürlich nicht alles darüber verraten. Ich muss noch immer sehr viele Geheimnisse hüten. Aber hauptsächlich ging es um verschlüsselte Nachrichten, Funktechnik und sogenannten Backdrops. Gemeint ist, wenn man etwas beispielsweise im Wald versteckt und eine andere Person es abholt, um es der sowjetischen Seite zu überbringen. Es gibt viele Varianten und jeder Spion kennt gewisse Techniken. Manche davon wurden im Kalten Krieg benutzt, manche werden noch heute angewandt, wenn auch technologisch weiterentwickelt.

teleschau: Ihr Alter Ego Tracey Lee Ann Foley zu sein, erforderte sicher mehr als nur ein Schauspieltalent. Gab es Zeiten, in denen Sie sich fühlten, als wären Sie wirklich zu dieser anderen Person geworden?

Elena Vavilova: Wenn man über Jahre hinweg lebt und denkt wie diese erfundene Person, ist man irgendwann an dem Punkt, an dem man glaubt: Ich bin diese Person. Ich kann Ihnen verraten, dass ich am Ende meiner Mission wirklich glaubte, dass meine Kindheit an völlig anderen Orten stattfand als im echten Leben. Es gibt also diese Verwandlung in eine andere Person. Wir sprachen ja nicht einmal in unserer Muttersprache. Du hörst nur, dass du dahin gehörst, wo du bist. Und umso länger man in diesem Land lebt, desto mehr fühlt man sich heimisch. Man lässt in gewisser Weise sein altes Ich zurück. Man denkt nicht mehr nach über die Person, die man einmal war. Das ist nicht nur mein persönliches Empfinden, so fühlen sich viele Undercover-Agenten.

"Der härteste Teil des Jobs? Meiner Familie die Wahrheit verschweigen"

teleschau: st es wahr, dass nicht einmal ihre eigenen Kinder über das Doppelleben von Ihnen und Ihrem Mann Bescheid wussten?

Elena Vavilova: Absolut. Das geschah zu ihrer und unserer Sicherheit, um geheim zu bleiben und um die Mission zu erfüllen. Du darfst deine wahre Identität niemandem preisgeben. Daher mussten auch meine Kinder komplett im Dunklen gelassen werden. Sie wussten nichts über unseren wahren Hintergrund. Sie wussten nicht, dass wir nicht einfach die normalen, durchschnittlichen Eltern waren, für die sie uns hielten.

teleschau: Für eine Mutter ist es vermutlich der schwierigste Teil der Agententätigkeit, den eigenen Kindern die Wahrheit nicht sagen zu dürfen?

Elena Vavilova: Das war definitiv schwer, aber es war nicht die schwierigste Herausforderung. Denn wenn du dich darauf einlässt, diesen Job zu machen, musst du begreifen, dass du dafür Opfer bringen musst. Dass es Grenzen gibt hinsichtlich dessen, was du tun kannst. Und natürlich musst du mental darauf vorbereitet sein. Was mir wirklich am schwersten fiel, war nicht mit meinen eigenen Eltern sprechen zu können, mit meinen Verwandten. Meine Kinder waren bei mir, ich konnte ihnen Liebe und Aufmerksamkeit geben. Aber ich konnte nicht mit meinen Eltern sprechen. Sie hatten keine Ahnung, was ich tat. Das war der schwierigste Teil meines Jobs.

teleschau: Hatten Sie vor dem Jahr 2010 jemals die Befürchtung, jemand könnte Sie und Ihren Mann im Visier haben?

Elena Vavilova: Wir waren erst kurz vor unserer Verhaftung misstrauisch. Ich kann sagen, dass der amerikanische Secret Service seinen Job gut gemacht hat. Wir haben lange Zeit keinerlei Verdacht gehegt. Erst zwei Wochen vor unserer Verhaftung bemerkten wir ein paar Ungereimtheiten. Möglicherweise wurden sie etwas nachlässiger in ihrer Arbeit.

teleschau: Man sagt, zu viel Wissen sei gefährlich. Sie wissen viele Dinge. Machen Sie sich manchmal Sorgen, in Gefahr zu sein?

Elena Vavilova: Heutzutage? Nein, die Zeiten sind vorbei. Ich wurde enttarnt, daher ist seitdem alles über mich normal und klar. Ich kann jetzt ein normales Leben führen. Ich habe meine Mission erfüllt und bin im Ruhestand. Ich kann jetzt etwas völlig anderes machen. Zum Beispiel habe ich ein Buch geschrieben - eine fiktionale Geschichte, aber mit Bezug zu meiner früheren Tätigkeit.

teleschau: Sie konnten schon früh Eindrücke von dem Videospiel "Call of Duty Black Ops: Cold War" sammeln. Was ist ihr Fazit, was erinnert Sie daran an Ihre eigene Vita?

Elena Vavilova: "Black Ops Cold War" ist fiktionales Werk, das Spieler in die Zeit des Kalten Krieges mitnimmt. Eine Zeit, in der ich mich sehr Zuhause fühle. Ich bin sicher, dass Spieler es sehr unterhaltsam finden werden. Es ist aber auch ein Game, das zum Nachdenken anregt. Man wird in "Black Ops: Cold War" mit vielen Situationen konfrontiert, in denen man entscheiden muss: Was ist Verschwörung, was ist die Wahrheit? Ich bin heute nicht mehr in die Spionage involviert, aber ich schaue mir auch heute noch die Welt sehr genau an und muss - wie alle anderen Menschen auch - entscheiden, welche Theorien wohl wahr sind und welche nur Verschwörungstheorien.