Kampf gegen die Mobbing-Monster

Schul- und Mobbing-Angst als Motiv für ein Horror-Spiel mit Tim-Burton-Schlagseite: "Gylt" von "Rime"-Macher Tarsier verwandelt Kinder-Alpträume in ein gruseliges Adventure-Szenario, das aktuell exklusiv über Stadia zu haben ist und Indie-Fans auf Googles Streaming-Dienst locken soll.

Schul- und Mobbing-Angst als Motiv für ein Horror-Spiel mit Tim-Burton-Schlagseite: "Gylt" von "Rime"-Macher Tarsier verwandelt Kinder-Alpträume in ein gruseliges Adventure-Szenario, das aktuell exklusiv über Stadia zu haben ist und Indie-Fans auf Googles Streaming-Dienst locken soll.

Langatmige Installationszeiten, nervige Updates und teure Gaming-Hardware will Google mit seinem neuen Streaming-Dienst "Stadia" überflüssig machen. Denn die Spiele laufen auf Servern, das Ergebnis bekommt der User über das Internet zugespielt. Voraussetzung sind nur eine schnelle Internet-Verbindung - und ein dicker Geldbeutel. Rund 10 Euro kostet das "Pro"-Abo von Stadia derzeit, das die technische Infrastruktur finanziert. Spiele müssen - bis auf wenige Ausnahmen - zu regulären Preisen hinzugekauft werden. Darunter befinden sich zahlreiche bekannte Blockbuster wie etwa "Red Dead Redemption 2" oder "Assassin's Creed: Odyssey", aber nur ein Exklusiv-Titel: "Gylt".

Zwar ist das auf Animations-Grusel getrimmte Spuk-Abenteuer von Tequila Works kein Titel auf Blockbuster-Niveau - aber mit bekannten Indie-Games wie "Deadlight", "The Sexy Brutale" oder dem grandiosen "Rime" stehen die Spanier für clevere Unterhaltung mit dem gewissen Design-Dreh. Und damit will Stadia jetzt Kunden in sein Streaming-Ökosystem locken.

Für "Gylt" orientiert sich das in Madrid ansässige Kleinst-Studio an der Ästhetik moderner Computer-Animations-Filme und durchmischt sie mit einem wunderbar morbiden Spuk-Szenario. Das lässt die Spieler allerdings nicht mit Splatter- und Schocker-Horror aus dem Sessel fahren. Vielmehr ist märchenhaftes und kinderfreundliches Gruseln im Stile von Tim Burtons "Nightmare before Christmas" oder "Corpse Bride" angesagt.

Das Anti-Mobbing-Spiel

Mit "Gylt" will Tequila Works nicht in erster Linie die Herzen der Spieler aussetzen lassen, sondern vielmehr ihren Verstand anregen. Die ins Gruselige und Absurde verzerrte Kinderwelt, durch man mit der kleinen Protagonistin Sally bei vorgehaltener Taschenlampe rätselt und schleicht, ist das Abbild ihrer eigenen Ängste: Vom Mobbing durch Gleichaltrige bis hin zur notorischer Noten- und Versagens-Angst wird so ziemlich alles aufgearbeitet, was Kinder die Schule fürchten lässt.

Die Entwickler vermitteln diese Furcht durch Wand-Schmierereien, über die Spielwelt verteilte Schriftstücke sowie Erinnerungsfetzen und natürlich vor allem durch starke Bilder: Bei der Suche nach ihrer verschwundenen Cousine reist Sally durch eine groteske Parallelwelt, in der fast jeder Raum und jede in den Schatten lauernde Monstrosität Bezug auf die Ängste des gar nicht so einfachen Kinder-Alltags nimmt - mit einer Taschenlampe, mit der man zunächst geschickt ausmanövrierte Kreaturen zu Staub zerstrahlt, als einziger Waffe. Zumindest so lange die Batterien reichen.

Zwar geht "Gylt" dabei nicht immer sonderlich subtil vor und stolpert der Spieler immer wieder über kleine Game-Design-Hänger wie die ärgerlich hakelige Schleich-Steuerung - aber wer kindlichen Grusel vor dem Hintergrund noch immer aktueller Probleme erfahren möchte, ist hier genau richtig. Die Klasse von "Rime" erreicht Tequila mit "Gylt" leider nicht und ein Stadia-Pro-Abo ist der Exklusiv-Trip allein auch nicht wert. Aber wer den Dienst bereits nutzt, der sollte unbedingt einen Blick riskieren. Sallys mit meist seichten Rätseln versetzter Horror-Trip ist mit um die 30 Euro kein sonderlich günstiges Indie-Adventure, sorgt aber immerhin über ein Wochenende für eine angenehm anspruchsvolle Gänsehaut und bietet einen gelungenen Einblick in geplagte Kinderseelen.