Kicken in Käfigen, Staunen im Stadion

Kicken auf Kleinfeldern und in Käfigen, Mann gegen Frau - und am Ende siegt der Style. Das Spannendste in "FIFA 20" findet nicht zwangsläufig auf dem Stadionrasen statt.

Stadion trifft auf Straße: Wer "FIFA 20" kauft, bekommt im Grunde mehrere alte Spiele in einem neuen. Zum einen ist da die klassische Fußballsimulation, die dem alljährlichen Feinschliff unterzogen wurde. Zum anderen hat EA den 1997 einmalig eingeführten und schwer gefeierten Hallen-Modus mit der zuletzt 2012 veröffentlichten Ableger-Reihe "FIFA Street" vermengt. "Volta" heißt die ebenso trickreiche wie äußerst unterhaltsame Spielvariante, die die größte und umfangreichste Neuerung in diesem Jahr darstellt und gleichzeitig eine neue Story bietet, nachdem die dreiteilige "Journey" in "FIFA 19" auserzählt war.

Vom Bordstein Amerikas zur Skyline von Hongkong

In der From-Zero-to-Hero-Geschichte dreht sich alles um den Straßenkicker "Revvy", den der Spieler nach Belieben gestalten darf. Zusammen mit seiner bunt gemischten Crew "Jay10" will er nach ganz oben - von den Parkplatz-Bordsteinen Amerikas über die Skyline von Hongkong bis nach Buenos Aires, wo die Weltmeisterschaft im Street Soccer stattfindet. Auf dem Weg dorthin erwarten die Nachwuchshoffnung jede Menge Stolpersteine in Form von verletzten oder krankhaft egoistischen Teamitgliedern, schier unüberwindbaren Legenden des Straßenfußballs, schwer zu lernenden Tricks und bergeweise Klamotten.

Zwischen Trainingsübungen, Turnieren, Sonderherausforderungen und Liga-Spielen wird geshopped und gestyled, was das durch Erfolge gefüllte Volta-Punkte-Konto hergibt. Die Flut an Hosen, Shirts, Sneakern und anderes Accessoires ist enorm (zeitraubend) und zum Glück mehr ein Kann als ein Muss. Blöd nur, wenn bei einer Begegnung zufällig mehrere Spieler/innen dasselbe Shirt tragen ...

Wichtiger als der Fashion-Style ist eher der Ausbau von "Revvys" Skills über eine Art Talentbaum, was ebenso für Spieltiefe sorgt wie die Vielzahl von "Volta"-Match-Arten und Regelwerken: 3-gegen-3, 4-gegen-4, 5-gegen-5, Futsal, mit und ohne Türhüter, Banden, Zeit- und Torlimits - alles dabei und immer ein bisschen anders, was Taktik, Aufstellung und Möglichkeiten betrifft.

Das haben jedoch alle gemein: Gekickt wird in der Regel auf dem Asphalt von Park- und Bolzplätzen, Lagerhallen und Hochhausdächern. Frauen und Männer treten gleichberechtigt gegeneinander an. Und: Obwohl die Tore deutlich kleiner sind, klingelt's fortwährend im Kasten. Bei schönen Treffern - Übersteiger, Hacke, Heber, Fallrückzieher - gehen die Kicker auch mal die Wände hoch. Buchstäblich! Übertrieben cool oder überzogen ist das Ganze dennoch nicht. Vielmehr ist's eine Hommage an den Straßenfußball, wo viele Profi-Karrieren ihren Anfang nahmen. Das soll auch die Namenswahl verdeutlichen: "Volta" ist Portugiesisch für "zurück" - zurück zu den Wurzeln.

Wer möchte, kann auch mit den Kickern der Profi-Vereine im Modus "Volta Anstoss" antreten - was die Gameplay-Unterschiede zwischen Straße und Stadion noch deutlicher macht. Die allzu ballverliebten, aber nicht völlig abgehobenen Käfig-Manöver und blitzschnellen Kurzpass-Stafetten führen auf Rasen schnell zu herben Ballverlusten, Hochgeschwindigkeitskontern und im schlimmsten Falls zu Gegentoren.

Rasen auf dem Rasen

Apropos High Speed: EA verpasst "FIFA 20" zwar auf dem Platz eine Entschleunigungskur, zollt der allgemeinen Entwicklung in den Top-Ligen der Welt aber auch Tribut, indem es pfeilschnellen und dribbelstarken Flügelspielern und Stürmern wie Kylian Mbappé oder Kingsley Coman die nötigen Freiräume schafft und den Fokus auf Eins-gegen-eins-Situationen legt. Mit dem Ergebnis, dass Zweikämpfe deutlich abwechslungsreicher, weil unvorhersehbarer und damit authentischer ausfallen. Die Schnelligkeit der Angreifer und die Möglichkeit des engen und doch flotten "Strafe Dribblings" können wiederum durch gutes Stellungsspiel, Timing und Körpereinsatz ausgeglichen werden.

Weitere Anpassungen gegenüber der Vorversion "FIFA 19" sind allenfalls im Detail zu suchen: Schüsse und Standards mit Effet sind nun deutlich kniffliger aufs Tor zu bringen. Wer will, kann gewollt holprige Pässe spielen, bei denen der Ball leicht angehoben wird und kurz vor dem Empfänger nochmal auf den Boden dotzt. So lässt sich vielleicht das eine oder andere dazwischengrätschende Verteidigerbein überspielen. Die spaßigen "Hausregeln" fürs schnelle Spiel zwischendurch wurden um ein paar herrlich absurde Variationen wie "Überraschungsball" ergänzt. Und in der Manager-Karriere gibt's nun Pressekonferenzen, die das eigene Standing und die Teamchemie beeinflussen.

Nadelstiche des Konkurrenten und neue Gesichter

Champions League, hunderte offizielle Mannschaften, 1. bis 3. Bundesliga, Frauen-Fußball, und und und: Wie gewohnt ist das Lizenzpaket von "FIFA" so umfassend und umfangreich, dass es spannender ist, darüber zu berichten, was fehlt. So ist beispielsweise der italienische Rekordmeister Juventus Turin in "FIFA 20" nicht mehr dabei. Die "alte Dame" mit Cristiano Ronaldo läuft dank eines Exklusiv-Deals mit dem Konkurrenten Konami nur in dessen "eFootball PES 2020" auf und heißt bei EA deshalb Piemonte Calcio. Auch einige südamerikanische Mannschaften spielen unter "falschem" Vereinsnamen.

Bundesliga-Fans müssen nur einen Lizenz-Abgang betrauern: Die "Allianz Arena" des FC Bayern taucht ebenfalls aufgrund einer Vereinbarung mit Konami nicht mehr in "FIFA 20" auf - dafür neue Fußballtempel wie das "Wohninvest Weserstadion", die "Commerzbank-Arena" in Frankfurt, die "Opel-Arena" in Mainz oder das "RheinEnergie-Stadion" in Köln.

Der famosen Atmosphäre zuträglich ist neben den Fangesängen und allgemeinen Soundkulisse vor allem die beeindruckende Grafik: Die war schon in "FIFA 19" ein echter Hingucker und läuft mit der Rückennummer 20 nun zu Höchstform auf - verfeinerten Animationen und über 180 neuen eingescannten Profis, darunter auch die Youngsters Kai Havertz (Bayer 04 Leverkusen) und Jadon Sancho (Borussia Dortmund), sei Dank.

Ungebrochene Sammelwut

Einst als kostenpflichtiger Zusatzinhalt eingeführt, heute die Cashcow von EA: Der "FIFA Ultimate Team"-Modus, gemeinhin FUT genannt, feierte in "FIFA 19" Zehnjähriges und kommt in "FIFA 20" mit weiteren Optionen daher, die Spieler noch mehr zum Sammeln und letztlich zum Tausch "Geld gegen Lebenszeit" verleiten sollen. Erst vor Kurzem verriet ein schwedischer eSports-Profi auf Twitter, wie viel Geld er in den "FUT"-Modus investiert, um von Anfang an konkurrenzfähig zu sein. Demnach habe er sein Konto zum Start von "FIFA 20" mit 204.000 FIFA-Points aufgeladen hat, was in etwa 1.700 Euro entspricht.

Fazit

"FIFA 20" wirkt auf dem Rasen reifer und ausgefeilter als der Vorgänger. Doch gerade die cool-rasanten und leicht zugänglichen "Volta"-Hinterhofkicks stehlen der Fußballsimulation anfangs gnadenlos die Show. Ist mehr als Party gefragt, wartet immer noch eine prall gefüllte Fußallsimulation mit allem, was man sich wünscht - und vielem, was man wohl nie zu Gesicht bekommt.