Mit Halbgas ins Ziel

Ein neuer Spielmodus: In "F1 2020" kann der Spieler nicht nur selbst Gas geben, sondern erstmals ein eigenes Team gründen. Echtes Manager-Feeling kommt dabei aber leider nicht auf.

Ein Saisonstart mit gut dreimonatiger Verspätung, ein verkürzter Rennkalender statt der geplanten 22 Rennen, leere Ränge statt Fan-Party und Fahnenmeer: Es ist, Corona-bedingt, eine komische Saison, in welche die Formel 1 gerade gestartet ist - eine, in der vieles anders ist. Umso mehr dürften Fans der Rennsport-Königsklasse das neue Spiel "F1 2020" begrüßen, mit dem Hersteller Codemasters seine Reihe im gewohnten Jahrestakt fortsetzt. Der Kalender steht auf März, wenn die Meisterschaft beginnt, pixelig-platte Zuschauer bejubeln das PS-Spektakel, und die brandneuen Strecken in Zandvoort (Niederlande) und Hanoi (Vietnam), deren Premieren-Rennen in der echten Welt um ein Jahr verschoben werden mussten, sind natürlich auch dabei. In der virtuellen Formel 1 ist die Welt noch in Ordnung. Und: Diesmal soll auch das Geschehen abseits der Rennstrecke eine größere Rolle spielen.

Das Wichtigste zuerst: "F1 2020" ist eine gute Rennsimulation, so wie auch der Vorgänger 2019 eine gute Rennsimulation war. Man fährt zum ersten Mal aus der Box und hat sofort Spaß, unabhängig vom eigenen Können. Ambitionierte, erfahrene Spieler schalten von der Traktionskontrolle bis zum ABS sämtliche Fahrhilfen ab, was das Beherrschen der F1-Flitzer zu einer echten, authentischen Herausforderung macht.

Das andere Extrem wird mit dem neuen Setup "Gelegenheitsfahrer" bedient, zu dem unter anderem massive Lenk- und Bremshilfen sowie eine eingeblendete Ideallinie gehören - selbst mit einer gebrochenen Hand ließen sich hier noch passable Rundenzeiten erzielen. Zudem erlaubt es "F1 2020" Solo-Spielern, die KI auf einer Skala von 0 ("sehr einfach") bis 110 ("Ultimativ") exakt dem eigenen Können anzupassen - auch diese feine Justierung des Schwierigkeitsgrades ist nicht neu für Codemasters' "F1"-Serie.

Weitere Elemente, mit denen der Hersteller an frühere Spiele anknüpft: Neben verschiedenen Online-Modi bietet "F1 2020" erneut die Möglichkeit, in historische Fahrzeuge zu steigen. Nachdem man 2019 einige Prost-gegen-Senna-Momente "nacherleben" konnte, ist die neue "F1"-Ausgabe auch in einer "Schumacher-Deluxe-Edition" erhältlich - mit dem Jordan 191, also jenem Wagen, in dem Schumi 1991 seine ersten Formel-1-Rennen bestritt, sowie weiteren Autos, in denen der Rekordweltmeister besondere Triumphe feierte.

"Nun zu ein paar Fragen!"

Die größte Neuerung bei "F1 2020" ist der "My Team"-Modus. Hier kann der Spieler erstmals ein eigenes Team gründen, um es gleichzeitig als Nummer-eins-Fahrer und Manager zum Sieg zu führen. Man wählt einen Team-Namen, einen Motor, gestaltet die Lackierung, sucht Sponsoren und verpflichtet einen zweiten Piloten. Es gibt viel zu tun und viel zu lesen. Wer erwartet, in diesem Modus ein neuer Toto Wolff oder Christian Horner zu werden, wird allerdings bald ernüchtert.

Zwar gibt es die Möglichkeit, für die Tage zwischen den Rennwochenenden PR-Termine, Schulungen für die Mechaniker und andere Events zu planen und dabei ein wenig mit dem Budget zu jonglieren. Am Ende läuft aber doch wieder alles auf das gleiche Auto-Weiterentwicklungs-System hinaus, das man schon aus dem ebenfalls wieder enthaltenen Karriere-Modus kennt, und auch bei "My Team" verbringt man die meiste Zeit im Cockpit. Mit dem zweiten Fahrer hat man, sobald die Tinte unter seinem Vertrag getrocknet ist, nicht mehr viel zu tun, und auch auf einzelne Schlüsselpositionen im Team (Chefmechaniker, Chassis-Entwickler, Fahrer-Ingenieure und so weiter) hat man keinen Einfluss. Hier wäre sicher mehr möglich gewesen.

So ist "F1 2020" eine logische und solide Weiterentwicklung des Vorgängers, aber für sich gesehen kein großer Wurf. Auch bei der Grafik, die zuletzt schon von anderen Rennsimulationen abgehängt wurde, gab es keinen spürbaren Fortschritt. Wenn man dann dieselbe mittelmäßig animierte Reporterin wie im Vorjahr wiedersieht, die zwischen den Rennen wieder dieselben beliebigen Fragen stellt, wird klar: So richtig hat der Entwickler Codemasters sich bei der Arbeit an diesem Spiel wohl nicht aus der Komfortzone bewegt. Wahrscheinlich werden die eigenen Ressourcen inzwischen schon an anderer Stelle benötigt: Mit der PlayStation 5 und der X Box Series X sind leistungsstarke neue Konsolen auf dem Weg, und um ein solides Spiel für diese neuen Plattformen auf die Beine zu stellen, braucht man womöglich mehr als die üblichen zwölf Monate.