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Revolution wann anders

Karibische Revolution nach Ubisoft-Art: In "Far Cry 6" schlüpfen PC- und Konsolenbesitzer in die Rolle eines Guerilla-Kämpfers. Ziel der auf einer gigantischen, Kuba-ähnlichen Open-World-Insel gelegenen Mission: den gnadenlosen, von "Breaking Bad"-Star Giancarlo Esposito gespielten Diktator Antón Castillo und seine Militärjunta mit viel Feuerkraft und Einfallsreichtum entmachten.

Seit über 16 Jahren steht Ubisofts "Far Cry"-Reihe für ungehemmtes, blitzschnelles Baller-Vergnügen in gigantischen Open-World-Spielplätzen. Ungewöhnlich dabei: Während sich immer mehr Shooter-Marken auf wildes Rudelschießen über das WWW verlegen, verteidigt "Far Cry" geradezu hartnäckig die Single-Player-Bastion. Abgesehen von Koop-Einsätzen hier und da können sich "Far Cry"-Singleplayer darauf verlassen, dass sie ungestört die prachtvolle Wildnis-Kulisse erforschen, an Bord PS-starker Boliden über Stock und Stein brettern, ballern oder jede Menge Spielwelt-Interieur in die Luft jagen können - genügend geladene Schießprügel und hochgetunte Fähigkeiten vorausgesetzt. Denn "Far Cry" - das bedeutet meistens auch ein bisschen Rollenspiel.

Doch mit zunehmendem Serien-Alter wird auch die Kritik an der Marke immer lauter: Zu beliebig ist die Gestaltung der wuchernden Spielwelten, zu austauschbar sind die Missionen - Kritiker und Fans scheinen nach so langer Zeit voll ähnlicher Shootouts allmählich gelangweilt. Für "Far Cry 6" kontert der Hersteller die Vorwürfe mit noch mehr Content, noch mehr Features - und einer ungewöhnlichen urbanen Umgebung.

Das überdeutlich vom kommunistischen Kuba inspirierte Inselreich Yara wartet zwar auch mit der für die Serie üblichen Karibik-Botanik auf. Aber die Bewohner der von einem brutalen Unterdrückungs-Regime geknechteten Insel leben in städtischen Zentren, wie man sie bisher nicht aus der Serie kannte. Zusammen mit einer ordentlichen Dosis Revoluzzer-Flair ergibt sich ein für die Reihe ungewöhnliches Bild, das manchmal eher den "Just Cause"-Games aus den Avalanche Studios als einem "Far Cry" zu ähneln scheint.

Szenario-Chance verspielt

Für das passende Revolutions-Ambiente soll unter anderem der brutal bis übertrieben aristokratisch chargierende Diktator Antón Castillo sorgen - ein wiederum Serien-typisches Element, für das Ubisoft extra den auf Schurken geeichten Hollywood-Schauspieler Giancarlo Esposito ("Breaking Bad", "Mandalorian") angeheuert hat. Umso verblüffender, dass dieser Castillo nicht mehr verfängt als weniger prominent besetzte Schurken-Kollegen - wie etwa Vaas aus "Far Cry 3", Pagan Min ("Far Cry 4") oder Chef-Sektierer Joseph Seed, der in "Far Cry 5" und "Far Cry: New Dawn" gleich zwei Auftritte hatte.

Stattdessen wirkt der Karibik-Diktator wie eine personifizierte Sammlung uninspiriert vorgetragener Klischees, denen weder Esposito noch das dürftige Drehbuch so etwas wie Authentizität einhauchen können. Denn statt das Revolutions- und Unterdrückungs-Szenario des Spiels für düstere bis bissige Satire und Gesellschaftskritik zu nutzen, beschränken sich Ubisofts Autoren allzu oft auf vorpubertären Holzhammer-Humor, während das eigentliche Szenario mehr Kulisse als Rahmenhandlung ist. Frei nach dem Motto: Grafik- und Sound-Abteilung werden schon für das nötige Ambiente sorgen, die Handlung ist eher Nebensache.

"Far Cry" tritt auf der Stelle

Das an sich wäre nicht weiter tragisch, würde sich "Far Cry 6" darauf beschränken, ein launiger Open-World- und Action-Sandkasten zu sein. Stattdessen will es diesmal aber ganz großes Story-Kino bieten - samt zweier wählbarer Charaktere (Guerillera und Guerillero), die in den hölzern gefilmten Sequenzen und einigen Siedlungen zum ersten Mal als sichtbare Charaktere auftreten. Das funktioniert leider ebenso wenig souverän wie das wenig glaubwürdige Guerilla-Kaspertheater rund um die Gruppe Libertad, das den gewohnten Shooter-Sandkasten diesmal - wenigstens gelegentlich - überraschend geradlinig erscheinen lässt aber von der Welt seltsam entkoppelt wirkt. Vom Joch der Bevölkerung merkt man kaum etwas im Karibik-Paradies, eine echte Bedrohungslage durch das Regime mag sich nicht einstellen.

Als wollte man die vertane Chance durch schieren Umfang kompensieren, bietet "Far Cry 6" noch mehr vom Gewohnten: Das Inselreich mit all seinen Dschungeln, Dörfchen, Städten und zu erobernden Kontrollpunkten ist fast schon erdrückend groß und fühlt sich dabei leider mehr nach mechanischem Missions-Abklappern an denn je. Obwohl sich die Entwickler sichtlich Mühe geben, den Baller-Alltag abwechslungsreicher zu gestalten: Da wären unter anderem ...

Ach ja - und die bekannten Greifhaken-Kletter-Manöver sind natürlich auch wieder mit von der Partie - diesmal sogar von Anfang an.

Das fühlt sich in Summe leider alles so sperrig und zäh an, dass sich die Action-Dynamik, für die Ubisofts Shooter-Reihe so beliebt ist, nur selten einstellt. Die Rechnung "mehr von allem gleich mehr Spaß" geht einfach nicht auf. Wer schieren Umfang schätzt und unbedingt die Action-Karibik besuchen will, bekommt immerhin viel Spiel und eine meist angenehm kompetent visualisierte Karibik-Kulisse fürs Geld, aber leider auch einen der schwächeren "Far Cry"-Ableger mit wenig revolutionären Ansätzen.