Twitch-Boss erwägt Ausschluss europäischer Nutzer

Wer sich auf Twitch gerne eine Live-Partie "League of Legends" oder "Fortnite" ansieht, könnte in spätestens zwei Jahren statt spannender Action nur noch Schnee sehen - dem neuen EU-Urheberrechts sei Dank.

Gerade erst hat das EU-Parlament das umstrittene neue Urheberrecht mit dem viel bestreikten Artikel 17 (ehemals 13) und seine nicht weniger kritische Paragraphen-Entourage durchgewunken. Der Abstimmung im Parlament vorausgegangen waren erhitzte Debatten und Demonstrationen abertausender Menschen. Kurz nach der Abstimmung machte ein Bericht die Runde, in der Twitch-Geschäftsführer Emmett Shear mit der Überlegung zitiert wird, euroäpäische Twitch-Zuschauer von solchen Video-Inhalten auszuschließen, die außerhalb der EU entstehen.

Das neue Urheberrecht sieht nämlich vor, dass bald nicht nur die jeweiligen Video- oder Stream-Produzenten, sondern auch die Betreiber der entsprechenden Vertriebs- beziehungsweise Hosting-Plattformen (wie Twitch, Youtube oder Vimeo) für eventuelle Urheberrechtsverletzungen haftbar gemacht werden können. Um dieses Risiko zu umgehen, müsste man mutmaßlich bedenkliche Angebote aus EU-Ländern mithilfe spezieller Software herausfiltern, noch bevor sie vollständig hochgeladen und auf der Plattform eingestellt werden können. Theoretisch bedeutet das aber auch, dass Programme aus Ländern außerhalb der EU ebenfalls gefiltert werden müssten, bevor sie von Usern innerhalb der EU konsumiert werden. Oder - und diese Lösung scheint man bei Twitch zu bevorzugen - die entsprechenden Übertragungen und Kanäle (wie zum Beispiel aus den USA) lassen sich gar nicht erst innerhalb der EU aufrufen. Für die Fans von eSports-Turnieren würde das unter Umständen bedeuten, dass sie keinen Zugang mehr zu Live-Übertragungen aus Ländern außerhalb der EU bekommen.

Allerdings stellte der Twitch-Chef diese Überlegungen bereits in einem Interview vor der Abstimmung an - es ist also keinesfalls sicher, ob die Plattform tatsächlich zu solchen Maßnahmen greifen wird. Aktuell stellt Twitch sogar einen Ausbau seines europäischen Engagements in Aussicht: So zeigt man sich in einem offiziellen Statement zwar enttäuscht über die Entscheidung des EU-Parlaments und kritisiert die Qualität von Artikel 17, der schlimmstenfalls "negative Auswirkungen auf Millionen Creators sowie ihre Zuschauer und Fans haben könnte". Dennoch wolle man sich "weiterhin dafür einsetzen, über Artikel 17 aufzuklären" und die Interessen der Community zu vertreten, "während die europäischen Mitgliedsstaaten ihre eigenen Implementierungen zur Umsetzung der neuen Urheberrechtsreform entwerfen".

Weiterhin heißt es: "Die Abstimmung ist nicht das Ergebnis, auf das wir hingearbeitet haben. Aber es hat keinen Einfluss auf unsere ambitionierten Pläne, in Europa weiter zu expandieren. Wir freuen uns bereits darauf, nächste Woche die TwitchCon Europe, die erste TwitchCon außerhalb der USA, in Berlin zu veranstalten und noch in diesem Jahr ein neues Büro in Paris zu eröffnen."

Artikel 13 & Co.: Wie schlimm ist die EU-Urheberrechtsreform? | Montalk #22