Bitte recht aufmerksam

Der Job als Model ist Tarnung, eigentlich ist sie Attentäterin. Aber für wen? Und wann - und warum? Luc Besson experimentiert mit diesen Fragen in "Anna" eher klug und kühn als brutal. Der Actionthriller an sich steht hier auf dem Prüfstand, mit einer höchst begabten Newcomerin in der Titelrolle.

Anna (Sasha Luss) löst sich aus ihrer Pose, ergreift eine schwere Kamera und streckt damit einen sadistischen Fotografen nieder. Sie setzt sich rittlings auf ihn und ohrfeigt ihn, bis er bereit ist, für die Kamera hübsch zu lächeln und das Hündchen zu geben. Luc Besson zeigt so im Kalter-Krieg-Actionthriller "Anna", wie die Welten von Killerin und Model, in denen die Titelheldin lebt, allmählich durcheinandergehen. Wie nebenbei zitiert Besson ironisch Antonionis Filmklassiker "Blow up" - mit militant feministischer Pointe.

Der Regisseur ("Das fünfte Element") sah sich privat im vergangenen Jahr mit Anschuldigungen sexueller Übergriffe konfrontiert. Für Branchenblätter wie den "Hollywood Reporter" schwächen die Vorwürfe das Amerika-Geschäft von Bessons Produktionsfirma Eurocorp noch über die existenzgefährdenden Desaster von "Valerian und die Stadt der tausend Planeten" und "Kursk" hinaus. "Anna", lange wegen einer (mittlerweile abgewiesenen) Vergewaltigungklage gegen Besson auf dem Regal, läuft sehr mau in den USA. Aber Kunst, Leben und Geld gehen eben manchmal verschiedene Wege. Besson experimentiert mit "Anna", so wie er es auf andere Weise mit "Lucy" tat. Das Ergebnis ist durchaus faszinierend, auch dank Sasha Luss, und gerade wegen der vielen Zeitsprünge des Films, die manchen nerven mögen.

Wie "Nikita", nur anders

Ein Staat bildet eine junge Frau mit krimineller Vita zur Killerin aus: Darin gleicht "Anna" Bessons fast 30 Jahre altem Klassiker "Nikita". Der Autor und Regisseur scheut das Selbstzitat nicht, wenn Anna wie Nikita düster Stirn und Waffe vorstreckt und als tödlicher Brummkreisel zerhackt und zusammenschießt, was in ihren Radius gerät. Aber Nikita musste sich in einer linearen Bäng-Bäng-Nummernrevue zur empfindsamen Frau entwickeln, während Anna menschlich von Anfang an ganz in Ordnung ist. Nur ist ihr kein gerader Weg gegönnt.

Anna wird 1990 in Moskau als Model entdeckt, geht nach Paris und erschießt dort einen zwielichtigen Geschäftsmann. Nachweisen kann ihr CIA-Mann Miller (Cillian Murphy) aber nichts. Tatsächlich hat der KGB Anna ein paar Jahre zuvor als Attentäterin ausgebildet, um ihr "eine Chance" zu geben, aus ihrem Junkie-Dasein etwas zu machen, und nun ist sie für die kauzige Olga (Helen Mirren) tätig. Aber warum erschießt sie dann Olgas Chef? Und wieso ist sie nach einem Anschlag auf einen deutschen Diplomaten so durcheinander?

Zeit, die sich verzweigt

Die Antworten liefern - weitere Zeitsprünge. Mikroeinheiten ("drei Monate früher") spreizen sich ab, immer neue Zeitfragmente treten hinzu, eingeführt mit Überlappungen. Wie oft bewegt sich Anna bei Pariser Morgensonne auf das Auto von Olga zu? Jeder Zeitabschnitt liefert seine eigenen Informationen darüber, wo Anna gerade steht. Doch insgesamt ist alles dunkel und widersprüchlich. Manche Hinweise lesen die Akteure im Film richtig, andere völlig falsch. Der Zuschauer dürfte bei dieser "Detaction", dieser Kontraktion aus Action- und Detektivfilm, so gut wie alles übersehen. Dabei gibt es genug Zeit und Gelegenheit für das Publikum, selbst Detektiv zu spielen.

Einzelne vermögen gegen die Zeit sich selbst oder gar die Welt zu retten: Diesen Lockruf des Actionfilms stellt Besson infrage. Die Grausamkeit des Fashion-Business dient als kühne Metapher für das Agenten-Hamsterrad der Fremdsteuerung und gebrochenen Versprechen. Revolte ist äußerst riskant. Sasha Luss, selbst Model, lässt eindrucksvoll Erschöpfung und Enttäuschung von ihrer Figur Besitz ergreifen. "Anna" ist weder ganz Arthouse noch bloßer Blockbuster. Aber es lohnt sich, diesen Film aufmerksam zu verfolgen.

Trailer "Anna"