"Das Kino wird eine Renaissance erleben"

Weil die Kinos noch immer geschlossen sind, sind auch die Filmverleiher von der Corona-Krise betroffen. Tobias Lehmann von Alamode Film erklärt, was das konkret bedeutet.

Weil die Kinos noch immer geschlossen sind, sind auch die Filmverleiher von der Corona-Krise betroffen. Tobias Lehmann von Alamode Film erklärt, was das konkret bedeutet.

Tobias Lehmann ist einer der beiden Geschäftsführer des Filmverleihers Alamode. Im letzten Jahr brachten die Münchner Arthaus-Filme wie den Überraschungserfolg "Nurejew - The White Crow" und das in Cannes gefeierte Drama "Porträt einer jungen Frau in Flammen" in die deutschen Kinos, zuletzt feierte der Alamode-Film "Exil" auf der Berlinale Premiere. Und jetzt? Momentan ist erst einmal Zwangspause angesagt. Wie die Filmverleiher mit der Corona-Krise umgehen, erzählt Lehmann im Interview.

teleschau: Herr Lehmann, wie stark sind Sie als kleiner Filmverleiher von der Krise betroffen?

Tobias Lehmann: Wir hatten vier Filme komplett für einen Kinostart vorbereitet, mussten sie aber teilweise verschieben. Im Herbst sollten dann eigentlich die nächsten Filme anlaufen, darunter eine deutsche Produktion, die wir auf dem Münchner Filmfest zeigen wollten. Nachdem das nun aber ins Wasser fällt, steht auch hinter diesem Start ein großes Fragezeichen. Wir wissen ja gar nicht, wann die Kinos wieder öffnen werden. Und was ist, wenn es eine Zwischenstufe gibt, wenn Hygienevorschriften eingehalten werden müssen und nur jeder zweite oder dritte Platz verkauft werden darf? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute das gut annehmen werden. Das wäre besser als nichts, aber auch nicht das Umfeld, in dem wir unsere Filme starten wollen. Das Kinoerlebnis ist auch ein Gemeinschaftserlebnis. Diese Unplanbarkeit ist, auch psychologisch, ein Problem.

teleschau: Wie aufwendig ist es, Filme, die jetzt starten sollten, später im Jahr in die Kinos zu bringen?

Lehmann: Wir haben schon früh befürchtet, dass die Kinos schließen werden. Für unsere Filme, die im April und Mai starten sollten, haben wir noch keine Radiospots oder Plakate gebucht. Da hatten wir noch keine großen Ausgaben. Trailer und Plakate können wir ohne Probleme aus der Schublade holen, wenn es weitergeht.

teleschau: Wie sieht die Lage finanziell aus?

Lehmann: Die Kinos sind zu, es kommt gar kein Geld rein. Und die Kinomiete, die jetzt schon fällig wäre, lässt sich nicht eintreiben, weil die Kinos kein Geld haben, um das zu bezahlen. Gleichzeitig ist auch der DVD-Markt eingebrochen.

teleschau: Man sollte meinen, dass die Menschen gerade jetzt fleißig DVDs bestellen ...

Lehmann: Die Läden sind ja alle geschlossen, und der Online-Handel fängt das nicht auf. Das Problem mit Amazon ist, dass der Versand momentan lange dauert; die Leute sind es aber gewohnt, dass alles sofort kommt. Wir hatten die große Hoffnung, dass sich die Menschen unsere Filme als Video on Demand kaufen. Diese Hoffnung wurde aber enttäuscht. Im Augenblick schauen die Leute Netflix und Amazon Prime, Sachen, die sie sowieso schon im Abo haben. Die Deutschen sind offenbar nicht bereit, viel Geld für aktuelle Filme zum Kaufen oder Leihen auszugeben. Bei Top-Hits wie "Die Känguru-Chroniken" mag das anders sein, bei den kleinen Filmen aber nicht.

"Es gibt möglicherweise einen riesigen Film-Stau"

teleschau: Haben Sie das Gefühl, genug staatliche Unterstützung zu erhalten?

Lehmann: Wir haben neun Angestellte. Wir haben Kurzarbeitergeld beantragt, das wir momentan auch noch aufstocken. Das ist natürlich eine gute Möglichkeit. Außerdem haben wir vom Land Bayern relativ schnell Soforthilfe bekommen und beim Bund Aufstockung beantragt, darauf warten wir aber noch.

teleschau: Das dürfte aber sicher nicht ausreichen ...

Lehmann: Nein, das ist nicht genug. Es müsste schon noch was kommen, vor allem von der Filmförderung. Sonst wird es langfristig schwierig. Auf nationaler Ebene funktioniert das ganz gut, aber die europäische Filmförderung ist mit extrem viel Bürokratie verbunden. Wir wären schon froh, wenn wir da die Mittel bekommen würden für die Filme, die wir längst schon herausgebracht haben. Da warten wir noch auf 500.000 Euro für Produktionen, die schon im letzten Sommer in den Kinos liefen.

teleschau: Das Filmfestival von Cannes wird in diesem Jahr nicht wie geplant stattfinden. Betrifft Sie das?

Lehmann: Das hat für uns keine Auswirkungen, da wir noch relativ viel Filme haben, auch, weil sich vieles auf Herbst verschiebt. Außerdem kaufen wir Filme teilweise schon auf Drehbuchbasis. Manches ist jetzt im Schnitt, anderes noch im Dreh. Das könnte sich aber auch alles verzögern. Ruben Östlund, der Regisseur von "The Square", hat seinen neuen Film erst zur Hälfte gedreht und musste nun pausieren, wie das weitergeht, wissen wir nicht. Und der neue Film von "Körper und Seele"-Regisseurin Ildikó Enyedi sollte in Venedig gezeigt werden. Fällt auch das aus, verschiebt sich alles weiter. Dann gibt es möglicherweise irgendwann einen riesigen Film-Stau. Die Frage ist, ob alle Filme dann im Herbst oder im nächsten Jahr geballt in die Kinos kommen, oder ob wir es schaffen, das zu steuern.

"Normalerweise ist sich jeder Verleih selbst der nächste"

teleschau: Wird es einen Kampf geben unter den Verleihern um die besten Veröffentlichungstermine?

Lehmann: Normalerweise ist sich jeder Verleih selbst der nächste. Ich hoffe, dass es in diesem Jahr eine Art von Kooperation gibt, das wäre im Interesse aller. Die Kinos werden dringen auf Einnahmen angewiesen sein, aus Solidarität wird es schon wichtig sein, das zu steuern. Normalerweise ist das in der Branche aber schwierig. Es weiß momentan außerdem keiner, was der beste Termin ist. Vieles hängt vielleicht davon ab, ob und wann ein Impfstoff auf den Markt kommt. Die großen Verleiher machen aber eh ihr Ding und nehmen keine Rücksicht.

teleschau: Manche Verleiher bringen Ihre Filme derzeit statt ins Kino direkt zu den Streaminganbietern. Ist das für Sie eine Option?

Lehmann: Dafür sind kleine Filme wenig geeignet, die brauchen Mundpropaganda. Ich glaube nicht, dass wir das machen werden, es kommt aber darauf an, wie lange die Krise noch dauert. Ich denke auch nicht, dass das Streaming wirtschaftlich das abfangen kann, was eine Auswertung im Kino bringen würden. Außerdem wollen die Filmemacher das auf keinen Fall.

teleschau: Glauben Sie, dass die Krise den Filmmarkt nachhaltig verändern wird?

Lehmann: Es kann gut sein, dass Präzedenzfälle geschaffen werden. Es bleibt abzuwarten, ob sich das auf das neue Filmförderungsgesetz auswirkt. Ich glaube aber, dass die Menschen nach der Krise wahnsinnig große Lust auf Kino haben und in die Kinos strömen werden. Kino wird eine Renaissance erleben. Durch das Kino werden Filme erst zu dem, was sie sind. Arthaus-Produktionen wie "Systemsprenger" oder "Parasite", die zu Überraschungshits wurden, hätten das ohne das Kino nie geschafft. Ich befürchte aber, dass sich der Kinomarkt weiter konzentrieren könnte. Die Leute gehen schon jetzt sehr selektiv ins Kino, sie wollen etwas Besonderes - oder den großen Blockbuster. Die mittelgroßen Filme haben schon jetzt kaum mehr eine Chance, und das wird sich noch weiter verstärken.