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Das Leben ist ein Gefängnis

In vier Episoden erzählt "Doch das Böse gibt es nicht" von der Todesstrafe im Iran. Dass Mohammad Rasoulof seinen Film überhaupt drehen konnte, ist ein kleines Wunder.

Zweihunderteinundfünfzig: So viele Menschen wurden 2019 im Iran hingerichtet. Mindestens. Wegen Vergehen wie Mord und Vergewaltigung, aber auch wegen Ehebruchs und Gotteslästerung. Nur in China wurden noch mehr Menschen durch die kalte Hand des Staates getötet. Der Episodenfilm "Doch das Böse gibt es nicht", im Februar letzten Jahres in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, blickt auf diese grausame, archaische Form der Bestrafung. Doch nicht die Opfer stehen im Mittelpunkt der vier kurzen Filme, die der in Schiras geborene Regisseur Mohammad Rasoulof zu einem beeindruckenden Ganzen zusammengefügt hat: Rasoulof blickt auf die Täter.

Indem er von den Henkern erzählt und nicht von denen, die gehenkt werden, stellt er universelle Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen innerhalb eines Systems, das derartige Grausamkeiten nicht nur legitimiert, sondern auch zum Teil seiner eigenen Existenzberechtigung erhebt. Machen sich jene Menschen, die anderen das Leben nehmen, schuldig - auch dann, wenn sie keine andere Wahl haben, als das zu tun, was der Staat von ihnen verlangt? Oder haben sie doch eine Wahl, ergreifen sie nur nicht?

Die Banalität des Bösen

Wie banal das vermeintlich Böse sein kann, dessen Existenz der Filmtitel vorsorglich in Abrede stellt, erzählt die erste der vier Episoden. Da braust der Familienvater Heshmat (Ehsan Mirhosseini) durch den dichten Verkehr von Teheran, er holt seine Frau von der Arbeit ab, fährt mit ihr auf die Bank, später steigt die Tochter zu. Man geht einkaufen, versorgt die alte Oma, streitet sich. Und irgendwann fährt dieser brave, normale Mann an seinen Arbeitsplatz in einem Gefängnis und richtet mehrere Menschen hin. Töten als Arbeit, nicht anders als jeder andere Job?

Der Protagonist des zweiten Films kann das nicht. Pouya (Kaveh Ahangar), ein Wehrdienstleistender, wurde dazu verpflichtet, einen Straftäter hinzurichten. In einem kleinen Raum eines Gefängnisses wartet er nachts auf das Unvermeidliche, das ihm den Schlaf raubt. Schließlich fasst er einen Plan, der zwar wahnsinnig ist, ihm aber helfen wird, kein Mörder werden zu müssen. Was es heißt, sich dem Staat entgegenzustellen, hat der Protagonist des letzten Films bereits erfahren. Bahram (Mohammad Seddighimehr) hat sich geweigert, zur Marionette eines falschen Staates zu werden, und dafür gezahlt. Dafür aber hat er seinen Frieden gefunden.

Die dritte Episode ist die berührendste und schönste. Sie handelt vom jungen Soldaten Javad (Mohammad Valizadegan), der ein paar Tage Urlaub genommen hat, um seine Freundin zu besuchen, die mit ihren Eltern in den Bergen wohnt. Es ist Nanas (Mahtab Servati) Geburtstag, er will ihr einen Heiratsantrag machen. Doch zum Feiern ist niemandem zumute: Wenige Tage zuvor wurde ein enger Freund der Familie hingerichtet, und aus einer zarten Liebesgeschichte wird ein Drama von Shakespeare'scher Wucht.

"Wie in allen totalitären Systemen gibt es Schlupflöcher"

"Wie gelingt es autokratischen Herrschern, Menschen in bloße Zahnräder ihrer autokratischen Maschinen zu verwandeln?" Diese Frage, sagt Regisseur Rasoulof, wolle er mit "Doch das Böse gibt es nicht" diskutieren. Rasoulof selbst ist einer, der sich dem System immer wieder verweigert hat. In "A Man of Integrity - Kampf um die Würde" etwa erzählte er von einem Fischzüchter, der sich gegen die Korruption, die ihm das Leben schwermacht, zur Wehr setzt. In Cannes wurde der Film 2017 ausgezeichnet, dem Regisseur aber wurde nach der Rückkehr in den Iran der Pass entzogen. Seitdem steht er unter ständiger Überwachung, kann das Land nicht mehr verlassen. Dass es ihm dennoch gelang, "Doch das Böse gibt es nicht" zu drehen, grenzt an ein Wunder.

"Wie in allen totalitären Systemen gibt es Schlupflöcher", erklärte Rasoulof vor einiger Zeit dem "Tagesspiegel". "Ich halte es für ein Grundrecht, dass ich meiner Arbeit nachgehen darf, und ich mache davon Gebrauch." Bei den Behörden meldeten Freunde von ihm vier Kurzfilme an - dass Rasoulof hinter dem Projekt stand, bemerkte offenbar niemand. Autoritäre Systeme können nicht nur grausam sein, sondern glücklicherweise auch sehr dumm. Noch während der Dreharbeiten von "Doch das Böse gibt es nicht" wurde Rasoulof allerdings zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, noch sitzt er aber nicht in Haft. Verlassen kann er das Land aber freilich nicht - seine Rolle als Juror bei der diesjährigen Berlinale nahm er aus der Ferne wahr.

"Doch das Böse gibt es nicht" ist trotz alldem kein hasserfüllter Film geworden, auch kein Pamphlet. Es ist ein berührender, mitunter hoch spannender Film, der einmal mehr zeigt, welche Kraft das iranische Kino besitzt. Und dass auch ein brutales Regime es nicht schafft, diese Kraft zu unterdrücken.