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Der Mann, der das Kino verzauberte

Der Sender ARTE feiert den Kinopionier Georges Méliès mit einer Retrospektive in seiner Mediathek. Die Filme des Franzosen sind genau das Richtige gegen den Corona-Blues.

Im vergangenen Jahr kamen nicht viele Filme in die Kinos, und so gab es auch nicht viele Szenen, die sich ins Gedächtnis einprägen konnten. "Tenet" aber, der Science-Fiction-Thriller von Christopher Nolan, bot dann doch einige unvergessliche Momente. Vor allem jene, in denen Nolan eine Boeing 747 in einen Flugzeughangar krachen und in Flammen aufgehen ließ. Dass die Szene derart echt wirkte, hatte einen Grund: Sie war echt. Angeblich, so der Regisseur, sei das günstiger gewesen als ein Spezialeffekt aus dem Rechner. Eindrucksvoll war es allemal.

Effekte, die das Publikum staunen lassen, sind so alt wie das Kino selbst. Schon 1895, im Geburtsjahr des neuen Mediums, entstand die erste Szene, die einen Spezialeffekt beinhaltet: In "The Execution of Mary Stuart" wurde mithilfe des Stopptricks das Köpfen der Schottenkönigin nachgestellt - zum Entsetzen des Publikums, das angeblich glaubte, hier habe ein Mensch tatsächlich seinen Kopf verloren. In Wirklichkeit freilich hatte Regisseur Alfred Clark eine Methode entdeckt, die nur das Medium Film bietet: Er ließ den als Mary Stuart verkleideten Schauspieler Robert Thomae vor einem Scharfrichter niederknien. Dann hielt er die Kamera an, tauschte den Schauspieler gegen eine Puppe aus, startete seine Kamera erneut - und schon konnte der Kopf vom Leib getrennt werden, ohne dass ein Mensch zu Schaden kam. Eine Revolution.

Produziert wurde diese nur 18 Sekunden lange Szene von Thomas Edison, einem der großen Pioniere des Kinos. Edison war eigentlich keiner, der sich mit derartigen Spielereien aufhielt - in seinen frühen Filmen ging es ihm darum, die Wirklichkeit nicht zu manipulieren, sondern sie so zu zeigen, wie sie ist. Dass Kino mehr sein kann als ein Abbild der Realität, dass es einen ganz eigenen Zauber entfalten kann, das bemerkte ein anderer: Georges Méliès. ARTE widmet dem Pionier des Films in seiner Mediathek derzeit eine kleine Retrospektive - gezeigt werden eine Dokumentation sowie mehrere Kurzfilme des 1861 geborenen Kinomagiers.

Überwindung von Raum und Zeit

Seinen ersten Film sah Méliès am 28. Dezember 1895, an jenem Tag, der gemeinhin als Geburtsstunde des Kinos gilt (auch wenn es bereits zuvor einige erst Vorführungen gab). An diesem Dezembertag vor 125 Jahren luden die Brüder Auguste und Louis Lumière in den indischen Salon des Grand Café im Zentrum von Paris. Rund 40 Menschen waren der Einladung gefolgt und nahmen, gegen ein geringes Entgelt von einem Franc, auf einfachen Klappstühlen Platz. Unter ihnen: Méliès. Er sei einer Einladung der Lumières gefolgt, weil sie ihm versprochen hätten, er werde etwas zu sehen bekommen, "das sogar Sie verblüffen könnte", erzählte Méliès Jahre später. Und in der Tat: Als auf der Kinoleinwand ein Zug scheinbar mitten ins Publikum raste, war es um ihn geschehen.

Méliès, in wohlhabenden Verhältnissen in Paris aufgewachsen, betrieb zu jener Zeit ein Theater - Schuhfabrikant wie sein Vater zu werden, das konnte sich der fantasiebegabte junge Mann nicht vorstellen. Ihn interessierten vielmehr die Zaubershows, wie er sie etwa in London gesehen hatte. Nach dem Tod seines Vaters erwarb er also das Théâtre Robert-Houdin, in dem er Magier auftreten ließ und verschwenderisch ausgestattete Feenmärchen auf die Bühne brachte. Nach jenem Tag Ende Dezember 1895 begann er schließlich, auch erste Filme zu drehen und sie in seinem Theater vorzuführen.

In diesen ersten Tagen des Kinos entdeckte Méliès auch den Stopptrick - angeblich, so erzählte er es später, stockte seine Kamera, als er vor der Pariser Place de l'Opéra gerade eine Alltagsszene drehte. Auch die Möglichkeiten von Doppelbelichtung und Zeitraffer machte er sich zunutze. Mit winzigen Tricks, das wurde Méliès damals klar, konnte man der Wirklichkeit ein Schnippchen schlagen. Damit gelang dem Kino das, was die Malerei schon einige Jahre zuvor geschafft hatte: Méliès überwand den reinen Naturalismus und setzte ihm, gleichsam wie Impressionismus und Expressionismus in der Malerei, eine neue Wirklichkeit entgegen. Raum und Zeit waren auf einmal keine zwingenden Kategorien mehr.

Fantastische Reise zum Mond

Fortan nutzte er diese technischen Spielereien in vielen seiner Filme, die er in den neuen Kinos, aber auch auf Jahrmärkten zeigte. In "Der diabolische Mieter" spielt Méliès einen Mann, der eine neue Wohnung bezieht und sein gesamtes Hab und Gut, Frau und Kinder inklusive, aus einer Tasche zieht. "Die angeheiterten Plakate" erweckten Werbefiguren zum Leben, "Die lebendigen Karten" die Herz-Königin. Als "reproduzierte Theaterstücke, die sich von den bisher üblichen kinematographischen Aufnahmen unterscheiden", bewarb Georges Méliès seine kleinen Meisterwerke.

Rund 500 Filme drehte er, die meisten davon sind längst verschollen. Am bekanntesten ist wohl "Die Reise zum Mond", ein 16-Minüter, der mit seiner kindlichen Freude am Abenteuer noch heute begeistert. Erzählt wird von einer Truppe bärtiger Wissenschaftler, die mit einer Rakete zum Mond fliegen und schließlich im Auge des Erdtrabanten landen. Von finsteren Mondbewohnern verjagt, treten sie die Flucht zurück zur Erde an. Um Filme wie diesen drehen zu können, gründete Méliès schon 1896 in Montreuil, östlich von Paris, ein Filmstudio - eines der ersten der Welt. In der gläsernen Konstruktion, die wie ein großes Gewächshaus aussah, hatte er die perfekten Bedingungen, um für seine "Star-Film" einen Streifen nach dem anderen zu drehen und sogar nach Amerika zu exportieren - Hollywood war damals kaum mehr als eine Ansammlung versprengter Häuser inmitten von Feldern.

Doch um das Jahr 1912 herum begann Méliès' Stern zu sinken. Das Publikum wollte ernstere, komplexere Filme sehen - Spielfilme, wie sie etwa die Italiener produzierten oder Méliès' großer Widersacher, Charles Pathé. Auch war der Film längst ein ernsthafter Wirtschaftszweig geworden, mit festen Strukturen, die das Jahrmarkt-Kino des Pariser Filmzauberers veraltet wirken ließen. Nach dem Ersten Weltkrieg war Méliès ein verarmter, gebrochener Mann. Sieben Jahre lang betrieb er mit seiner zweiten Ehefrau einen kleinen Spielzeugladen im Pariser Gare Montparnasse (Martin Scorseses "Hugo Cabret" erzählt davon). Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1938 entdeckte man das Werk von Georges Méliès wieder und feierte ihn als das Genie, das er war.