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Chemnitz

Der Skandalfilm, der Deutschland veränderte

Am 3. Juli vor 50 Jahren wurde "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" auf der Berlinale uraufgeführt. Ohne Rosa von Praunheims einst als "Skandalfilm" tituliertes Werk sähe Deutschland heute womöglich anders aus.

Wenn man sich heute "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" anschaut, 50 Jahre nach seinem Erscheinen, fragt man sich schon, wo er eigentlich sein soll, der Skandal. Als der Film aber am 3. Juli 1971 auf der Berlinale erstmals gezeigt wurde, vor allem aber, als er einige Zeit später im deutschen Fernsehen lief, war der Aufschrei groß. Heterosexuelle sahen sich mit einer Welt konfrontiert, die sie am liebsten weiterhin leugnen wollten, und Schwule fühlten sich enttarnt, bloßgestellt, bisweilen auch beleidigt.

"Nicht der Homosexuelle ist pervers ..." ist kein Spielfilm und auch keine Dokumentation, sondern ein knapp 70 Minuten langes Pamphlet in Filmform, eine Art sozialwissenschaftliche Abhandlung, in der bitterböse Off-Kommentare eine reichlich gestelzte Handlung begleiten. Im Mittelpunkt des Films steht Daniel (Bernd Feuerhelm), ein junger schwuler Mann, der aus der Provinz nach Berlin kommt. Er verliebt sich, führt zusammen mit seinem Partner ein kleinbürgerliches Leben, das ihm bald aber nicht mehr genügt. Erfüllung findet er zunächst im Sex, mit immer häufiger wechselnden Partnern, sowie in der schwulen Szene der Hauptstadt. Aber erst, als er zu einer Schwulenkommune stößt, die politisch engagiert ist, hat er das Gefühl, angekommen zu sein und seinem Leben einen Sinn verliehen zu haben.

"Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen"

Schonungslos - und reichlich klischeehaft - prangert von Praunheim an, dass die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft den Schwulen nur die Wahl lasse zwischen einem angepassten Leben ("Sie wollen so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger") oder bedeutungslosem Sex in Parks und Bahnhofsklos. Frei sein und so leben, wie sie es für richtig halten, können Schwule in der Bundesrepublik der frühen 70-er nicht. Was es brauche, sei eine Befreiung ohne Wenn und Aber. "Werdet stolz auf eure Homosexualität", ruft der Film zum Schluss seinem Publikum zu. "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen - Freiheit für die Schwulen!"

1971 waren das noch unerhörte Forderungen. Erst zwei Jahre zuvor war der berüchtigte Paragraf 175, der einvernehmlichen Sex zwischen Männern unter Strafe stellte, erstmals entschärft worden (aufgehoben wurde er erst 1994). Eine Schwulenbewegung wie in den USA, wo 1970 der erste Gay Pride stattgefunden hatte, gab es in der Bundesrepublik nicht. Und das, obwohl Deutschland vor dem Kriege das Zentrum der schwulen Emanzipationsbewegung gewesen war. In München hatte schon 1867 der Jurist Karl Heinrich Ulrichs das vielleicht erste öffentliche Comingout der Moderne, und das Berlin der 20-er war für Homosexuelle der wohl freieste Ort der westlichen Welt.

Nach 1933 aber lagen all diese Errungenschaften in Trümmern. Erst von Praunheim gelang es mit seinem Film, das schwule Leben in Deutschland wieder öffentlich sichtbar zu machen. Nachdem "Nicht der Homosexuelle ist pervers ..." im Herbst 1971 in die Kinos kam, gründen sich die ersten Homosexuellengruppen, etwa in Frankfurt und (West-)Berlin, auch Frauengruppen entstanden. Rund 40 Vereinigungen seien bundesweit als Reaktion auf seinen Film entstanden, sagte von Praunheim einmal.

Der Bayerische Rundfunk stellt sich quer

Von Praunheims Film war ein Werk von Schwulen für Schwule. Heterosexuelle Männer (und Frauen ganz generell) zeigte der Film nicht. Gesehen wurde er aber freilich auch von Heteros, zumal, als er im Januar 1972 erstmals im WDR-Fernsehen gesendet wurde.

Eine Ausstrahlung in der gesamten ARD war kurz zuvor von der ARD-Programmkonferenz verhindert worden - mit der Begründung, der Film könne Vorurteile gegenüber Homosexuellen bestätigen oder verstärken. Was nicht ganz von der Hand zu weisen war, schließlich tat von Praunheim alles, um Homosexuelle wahlweise als "Pissbudenschwule" oder kleinbürgerliche Möchtegern-Spießer abzustempeln. Freilich aber mit dem Hintergedanken, den Unterdrückten einen (wenn auch schmutzigen) Spiegel vorzuhalten - was nur nicht jeder verstand.

Und überhaupt: Auf heterosexuelle Befindlichkeiten Rücksicht nehmen, das sah von Praunheim, Jahrgang 1942, überhaupt nicht ein. Er habe keinen "Werbefilm für Homosexuelle" drehen wollen, erklärte er in einer Diskussionsrunde, die im Anschluss an die WDR-Ausstrahlung gezeigt wurde (und die sich auf der Blu-ray-Ausgabe des Films nachsehen lässt).

Rund ein Jahr nach der TV-Premiere im WDR-Dritten zeigte die ARD den Film schließlich in ihrem Ersten Programm - nur in Bayern nicht, wo der BR am 15. Januar 1973 stattdessen das finnische Drama "Benzin im Blut" ausstrahlte. "Einfach pervers", urteilte seinerzeit die "Süddeutsche Zeitung" trotzig über den PS-Streifen.

"Die Homos sollen in der Ecke bleiben und gefälligst nicht herauskommen"

Die Reaktion des ARD-Publikums auf von Praunheims Films war allerdings eindeutig. "Die Homos sollen in der Ecke bleiben und gefälligst nicht herauskommen", das sei der Tenor von 95 Prozent der Anrufer gewesen, die nach der Sendung eine eigens eingerichtete Telefonhotline gewählt hatten, schrieb seinerzeit die "Hamburger Morgenpost". In der Ecke aber blieben sie nicht. Schwule Männer, sagte von Praunheim in erwähnter WDR-Diskussion, hätten genau zwei Möglichkeiten, wenn sie seinen Film gesehen hätten: sich weiterhin zu verstecken oder aber sich endlich überwinden und dafür kämpfen, dass sich ihre Lage ändert. Sie taten Letzteres.

Das WDR-Fernsehen wiederholt "Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" am Sonntag, 4. Juli, 23.20 Uhr. Im Anschluss wird auch die Diskussionsrunde von 1972 gezeigt.



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