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Deutschlands großer Medienskandal als Satire: Das sind die Kino-Highlights der Woche

Neustarts "Im Westen nichts Neues", "Rex Gildo - Der letzte Tanz" und "Tausend Zeilen", ein Film von Michael "Bully" Herbig in Anlehnung an den Fall Relotius: Das sind die Kino-Neustarts am 29. September.

Er ist hoch angesehener Redakteur, ein vielfach ausgezeichneter Journalist, dessen fesselnde Reportagen zeitweise zu einem Aushängeschild des "Spiegel" wurden - und dann war alles nur erfunden? Nicht alles, aber vieles, wie man inzwischen weiß. Aus dem Fall Relotius erwuchs 2018 der größte deutsche Medienskandal der jüngeren Vergangenheit, der Schaden wird noch lange nachwirken - Stichwort "Lügenpresse". Ein Thema, über das es sich leicht scherzen lässt? Wohl kaum. Und dann kommt ausgerechnet ein Spaßvogel wie Michael "Bully" Herbig und macht einen Film daraus: "Tausend Zeilen".

Neben "Tausend Zeilen" erwarten das Kino-Publikum in dieser Woche auch noch zwei weitere spannende Neustarts: Die gefeierte Neuverfilmung von "Im Westen nichts Neues" ist vor dem Netflix -Start in ausgewählten Kinos zu sehen, in "Rex Gildo - Der letzte Tanz" porträtiert der umstrittene Filmemacher Rosa von Praunheim den großen Rex Gildo.

Tausend Zeilen

Michael Herbig wurde zuletzt natürlich vielfach befragt zu "Tausend Zeilen", unter anderem auch vom "Spiegel". "Für mich war sofort klar: Das ist Unterhaltung, da steckt Satire drin, aber eben nicht nur", erklärte er da unter anderem. Der Stoff sei "besonders spannend, weil er relevant ist und in eine sehr fragile Zeit fällt, in der einige der Presse ohnehin schon sehr kritisch gegenüberstehen". Herbig betonte gleichzeitig, dass es ihm um eine "sensible" Annäherung gegangen sei und dass er "kein Journalisten-Bashing" betreiben wolle.

Die Geschichte, die Herbig nun also im Kino erzählt, baut in erster Linie auf dem Buch "Tausend Zeilen Lüge" auf, einem Tatsachenbericht von Juan Moreno. Er war es, der Relotius als Erster offen infrage stellte und die Sache dann auch trotz massiver Widerstände aufdeckte. Im Film, der mit leicht abgewandelten Namen arbeitet (das Magazin "Spiegel" heißt hier auch nicht "Spiegel", sondern "Chronik"), wird dieser Juan Moreno zu Juan Romero, gespielt von Elyas M'Barek. Claas Relotius heißt nun Lars Bogenius, er wird verkörpert von Jonas Nay.

Bogenius ist mit seinen Reportagen so etwas wie ein Star in der Redaktion des "Chronik"-Magazins. Dieser Ausnahme-Journalist, ein dreister Lügner? Niemand glaubt Juan Romero, als er erstmals auf Unstimmigkeiten in Bogenius' Texten hinweist. Zu ungeheuerlich wirken seine Anschuldigungen. Doch Romero lässt nicht locker, recherchiert auf eigene Faust weiter, stößt auf neue Ungereimtheiten - bis zu dem Punkt, an dem auch die "Chronik"-Chefetage nicht mehr wegsehen kann.

Übrigens: Der echte Claas Relotius soll nach "Spiegel"-Informationen versucht haben, Kontakt zu Michael Herbig aufzunehmen. Darauf angesprochen, erklärte der Regisseur im Interview, er habe so ein Treffen "von Anfang an ausgeschlossen". "Ich wollte mich auf das Buch von Juan Moreno konzentrieren, seine Sichtweise, seine Geschichte." Er habe zudem Sorge gehabt, "dass der Stoff verwässert wird, wenn ich mit Relotius rede, weil man als Erzähler in einen Zwiespalt gerät".

Im Westen nichts Neues

"Nach dem literarischen Meisterwerk, welches das wahre Gesicht des Krieges offenbarte", heißt es im Trailer. Das "wahre Gesicht des Krieges" zeigen? Viele Werke haben genau das schon versucht, filmisch und literarisch, in seiner Eindrücklichkeit bleibt "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque aber wohl einzigartig. 1929 erschien der legendäre Roman, bereits 1930 kam eine große Hollywood-Verfilmung ins Kino, die zwei Oscars gewann - die Nazis haben beides gehasst und als "verräterisch" verdammt; der Film war aufgrund seiner Brutalität auch später lange nur in gekürzter Fassung zu sehen. Nun kommt "Im Westen nichts Neues" zurück ins Kino - eine Netflix-Neuauflage.

Wer weder den Roman noch eine der späteren Verfilmungen kennt: "Im Westen nichts Neues" erzählt in der klassischen Version wie auch im neuen Film von Regisseur Edward Berger die Geschichte des jungen Soldaten Paul Bäumer (Felix Kammerer), der im Ersten Weltkrieg an der Westfront stationiert ist. "Für Kaiser, Gott und Vaterland" wird da gekämpft, wo es gottlos wie sonst nirgends zugeht und das Vaterland unendlich weit weg scheint - zumindest für Bäumer. Der Krieg mit all seinen Schrecken wird den jungen Rekruten und seine Sicht auf die Welt grundlegend verändern.

Parallel zu Bäumers überwältigenden (und überwältigend bebilderten) Erfahrungen an der Front integriert Edward Berger auch noch die Friedensverhandlungen der Deutschen mit den Alliierten - ein Part, den es bei Remarque und in den bisherigen Filmen so nicht gab. Vor allem der liberale Politiker Matthias Erzberger, verkörpert von Daniel Brühl, spielt hier eine Hauptrolle.

Ist das nun also das "wahre Gesicht des Krieges"? Natürlich, die Geschehnisse, von denen "Im Westen nichts Neues" handelt, liegen inzwischen über hundert Jahre zurück. Es war eine andere Welt, eine andere Zeit, auch der Krieg war damals anders. Die ersten Kritiken zu "Im Westen nichts Neues" aber fielen hervorragend aus, der Film geht 2023 sogar für Deutschland ins Oscar-Rennen. Die erste deutsche Verfilmung des Remarque-Klassikers sei "bestürzend aktuell", hieß es in der Begründung der Jury, und sie setze "ein kraftvolles Statement gegen den Krieg". Nach dem Kinostart wird das Drama ab 28. Oktober auch bei Netflix zu sehen sein.

Rex Gildo - Der letzte Tanz

War Rex Gildo schwul? Geht man mit der offiziellen Version, so müsste die Antwort lauten: nein! Gerüchte um seine vermeintliche Homosexualität stritt der große Schlagerstar der 60-er und 70-er stets ab. Nach allem, was man heute weiß, wäre es aber wohl doch eher ein "wahrscheinlich ja". Rosa von Praunheim wiederum hat seine ganz eigene Sicht auf die Dinge - die Tatsache, dass er einen Film über Rex Gildo gedreht hat, ist an sich eigentlich schon Statement genug. Von Praunheim beschäftigt sich in seinen Arbeiten seit jeher intensiv mit der Schwulenszene, man denke etwa an seinen Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971).

Der Titel seines neuen Films, immerhin, wirkt recht harmlos: "Rex Gildo - Der letzte Tanz". Aber Art und Weise, wie Rex Gildo hier dargestellt wird, ist trotzdem recht eindeutig. "Sei nett zu Gitte", bittet ihn sein langjähriger Manager und Freund Fred Miekley (Ben Becker) kurz vor einem TV-Auftritt mit Gitte Haenning. "Ich bin doch immer nett", entgegnet der junge Rex Gildo (Kilian Berger). Nackt, mit rotem Cowboy-Hut. Dann setzt er sich auf Miekleys Schoß.

Nicht jeder Fan findet diesen Film gut, der das Leben von Rex Gildo (in der alten Version: Kai Schumann) ohne Tabu-Denken und mit großer Tragik nachzeichnet. Die Biografin Nessa Notedigo etwa kritisierte, dass der 1999 verstorbene Gildo hier "in eine Rolle gepresst" werde. Nach der Premiere auf dem Filmfest München erntete das schillernde Dokudrama, das Spielszenen mit Zeitzeugen-Interviews und Archivmaterial kombiniert, aber auch viel Lob. "Eine rundum gelungene Dokufiction", urteilte etwa das Portal Queer.de. "Der letzte Tanz" sei ein Film, "der ab der ersten Szene Rosa von Praunheims Handschrift trägt". Hauptdarsteller Kilian Berger war unter anderem auch für den Förderpreis Neues Deutsches Kino nominiert.

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