Eine Frau in Nöten

Mit einer eindrucksvollen Performance meldet sich Michelle Pfeiffer in Andrew Dosunmus Film "Wo ist Kyra?" als Hauptdarstellerin auf der Leinwand zurück.

Den Hollywoodstar lässt Michelle Pfeiffer in dem herzzerreißenden Indie-Drama "Wo ist Kyra?" hinter sich. Sie verschwindet mit einer ausgezeichneten schauspielerischen Leistung hinter ihrer Rolle und wird wie die Protagonistin zu einer Unsichtbaren in einem auch von seiner Bildkomposition düster angelegten Film. "Wo ist Kyra?", das scheint sich der nigerianische Fotograf und Regisseur Andrew Dosunmu ("Mother of George") in jeder Szene zu fragen. Kyra müsste den Film als Titelheldin eigentlich beherrschen, und doch wird sie übersehen, denn sie gehört zu einer Generation älterer, alleinstehender Frauen in New York City, die auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben.

Nach dem Tod ihrer Mutter, die sie bis zuletzt gepflegt hat, beginnt für die sensible, geschiedene Frau eine Abwärtsspirale. Die Kamera ist nah an ihrem Gesicht dran, wenn sie sich mit bemühtem Ausdruck um eine Stelle bewirbt. Doch die Vorstellungsgespräche verlaufen nicht erfolgreich, selbst einen Serviererinnen-Job mit Mindestlohn plus Trinkgeld, auf den sie sich etwas Hoffnung machte, schnappt ihr eine jüngere Frau weg. Deutlich ausgesprochen wird das nicht, aber der Film weiß, wie man mit Bildern davon erzählt. Während die neue Kellnerin innen schon bedient, steht Kyra außen vor dem Laden, vergessen, denn die Gesellschaft scheint keine Verwendung mehr für sie zu haben.

Kein Happy End in Sicht

Die Schulden türmen sich weiter, und die Zwangsräumung der Wohnung, in der Kyra mit ihrer alten Mutter gelebt hat, steht bevor. Der einzige Lichtblick in diesem Leben ist für Kyra jetzt noch der einsame Doug (toll: Kiefer Sutherland), den sie in einer Bar kennenlernt. Vor ihm versucht sie, ihre prekäre Situation und vor allem die Sozialbetrügereien, mit denen sie sich noch etwas über Wasser hält, zu verbergen. Sie vermittelt, dass es ihr gut gehe, auch wenn jeder, der sie betrachtet, das Gegenteil sieht. Auch Doug, der selbst mit zwei Jobs als Taxifahrer und Pfleger ums Überleben kämpft, ahnt, was läuft, und versucht zu helfen. Doch ein Happy End passt nicht zu diesem Film.

Die Spannung dieser Independent-Produktion entsteht durch den Einblick in das Innenleben der Protagonistin, das Michelle Pfeiffer mit ihrer prägnanten Performance, den Gesten und dem Minenspiel, perfekt auf die Leinwand bringt. Starke Kontraste bei der Beleuchtung unterstreichen das hagere, ausgezehrte Aussehen der Heldin. Licht und Schatten bestimmen den Look dieses Films, der einen renommierten Fotografen als Regisseur hat und den meisterhaften Bradford Young ("Arrival") hinter der Kamera. Die handelnden Protagonisten sind oft nur schemenhaft zu erkennen. So entsteht eine beklemmende, von Hilflosigkeit geprägte Atmosphäre.

Keine Lichtblicke in Sicht, so sehr sich Kyra auch abmüht. Sie quält sich sogar so weit selbst, dass sie ihren Ex-Mann auf dem Land aufsucht, dessen neue Frau gerade ein Kind erwartet, und ihn verschämt um Geld bittet. Eine demütigende Situation, die beim Zuschauen großes Unbehagen verursacht, aber die Verzweiflung stärker denn je spüren lässt. Kyras Schicksal geht nah, denn es zeigt uns, wie eine gefestigte, im Leben stehende und liebenswürdige Person in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale geraten kann. In einem Land wie den USA droht als nächstes die Obdachlosigkeit. Die Protagonistin bringt es selbst ganz einfach auf den Punkt: "Es ist hart da draußen." Gut, dass wir dabei nur im Kino sitzen.

Trailer "Wo ist Kyra?"