Festsitzen am Fest

"The Holdovers" Ein pedantischer Lehrer, ein aneckender Schüler und eine Mensaleiterin bleiben über Weihnachten in einem Eliteinternat hängen und müssen sich miteinander arrangieren. "The Holdovers" ist eine famos gespielte, unaufgeregt erzählte Tragikomödie mit einer berührend-melancholischen Stimmung.

Paul Hunham (Paul Giamatti) ist wahrscheinlich der Typ Lehrer, den man in der eigenen Schulzeit zutiefst verachtet hätte. Prinzipien sind diesem Mann heilig. Ständig hat er irgendein kluges Zitat aus dem Altertum parat. Mit Strafen ist er schnell bei der Hand. Und voller Zynismus lässt er sich über die angebliche Dummheit der jungen Menschen aus, die jeden Tag vor ihm sitzen.

Keine Frage, Hunham ist ein seltsamer Vogel, ein Pedant, wie er im Buche steht - und gerade deshalb selbst im Kollegium höchst unbeliebt. Dass er mit seinem Verhalten auch seinem Vorgesetzten (Andrew Garman), einem ehemaligen Schüler (!), Ärger bereitet, stört ihn nicht. Ebenso wenig, dass er als einziger Lehrer über die Winterferien an der altehrwürdigen Barton Academy, einem elitären Provinzinternat im Nordosten der USA, die Stellung halten muss.

Pauls Aufgabe: eine Gruppe von Schülern beaufsichtigen, deren Eltern aus verschiedenen Gründen keine Zeit für ein gemeinsames Weihnachtsfest haben. Als vier der Gestrandeten doch noch in den Urlaub aufbrechen können, bleibt Hunham mit dem schlauen, aber ständig aneckenden Teenager Angus Tully (Dominic Sessa) und der um ihren toten Sohn trauernden Mary Lamb (Da'Vine Joy Randolph) zurück, die die Internatsmensa leitet. Das Klima ist zunächst eher unterkühlt. Mit der Zeit lockert es allerdings auf.

Optisch aus der Zeit gefallen

Was auffällt: Regisseur Alexander Payne ("Downsizing") tut alles, um seiner Anfang der 1970er-Jahre spielenden Tragikomödie einen nostalgischen Anstrich zu verleihen. Die Vorspannlogos sind auf alt getrimmt. Und in den grobkörnigen, farblich entsättigten Bildern des winterlichen Kleinstadtsettings tauchen regelmäßig falsche Filmkratzer auf - ganz wie in früheren Zeiten. Diverse musikalische Weihnachtsklassiker, darunter eine auf Deutsch gesungene Version von "Stille Nacht, heilige Nacht", sorgen für eine dezente Weihnachtsatmosphäre. Von Begann an zieht die Stimmung jedoch ins Melancholische. Wenig verwunderlich, immerhin sitzen die Figuren ausgerechnet am sogenannten Fest der Liebe, in der Zeit, wo viele Familien zusammenkommen, an einem alltäglichen Ort wie der Schule fest. Quasi vergessen von der Welt!

Payne, der für einen genauen Blick auf seine oft schrulligen Charaktere bekannt ist, bleibt sich auch dieses Mal treu. "The Holdovers" schlägt ein entspanntes Tempo an, ist deutlich weniger plotgetrieben als viele andere zeitgenössische US-Filme und beschreitet immer wieder Seitenwege, um die einzelnen Figuren zu konturieren. Ihre Marotten, ihre Zweifel und ihre Ängste stehen im Mittelpunkt. Und aus ihnen ergibt sich ein skurriler Humor, der nicht auf plumpe Schenkelklopfer setzt.

Gelegentlich steuert das Geschehen geradewegs auf ein Klischee zu. Meistens bekommt das von David Hemingson verfasste Drehbuch aber die Kurve und überrascht mit kleinen, feinen Beobachtungen. Während langsam brüchige Biografien zum Vorschein kommen, erzählt der Film auch etwas über seine Handlungszeit. Das Trauma des Vietnamkrieges und der Umgang mit schweren Verlusten sind ebenso präsent wie die Ungleichstellung von Weißen (besonders Männern) und Afroamerikanern.

Giamatti in seinem Element

Prinzipienreiter Hunham durchläuft zwar eine Wandlung, lernt, Vorurteile abzulegen. Zu den Stärken von "The Holdovers" gehört es aber, dass der Lehrer am Ende nicht völlig weichgespült daherkommt. Nach wie vor steckt ein Kauz in ihm, der seine Scharfzüngigkeit behält.

Dass Paynes nachdenkliche, bittersüße Mischung aus Drama und Komödie trotz einer Laufzeit von 133 Minuten kein bisschen langweilt, liegt nicht zuletzt an den großartigen Hauptdarstellern. Dominic Sessa, der hier sein Kinodebüt gibt, versieht Angus mit einer aufregenden Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit. Die mit einem Golden Globe ausgezeichnete Da'Vine Joy Randolph bringt Mayas Trauer und Gutherzigkeit wunderbar auf den Punkt, zeichnet die Mensaleiterin als menschlichen Ruhepol.

Paul Giamatti, der in seiner Karriere schon einige verschroben-neurotische Figuren verkörperte, geht völlig in seiner Rolle auf. Das Timing bei Hunhams fiesen Urteilen sitzt. Gleichzeitig lässt er die Sehnsüchte und die Verunsicherung hinter der zynischen Fassade des Lehrers hervorscheinen. Etwa, wenn in Pauls Gesicht für einen kurzen Moment die Hoffnung auf eine Romanze mit der Schulsekretärin Lydia (Carrie Preston) aufblitzt. Große Schauspielkunst, die zuletzt bei den Golden Globes völlig zurecht mit einem Preis belohnt wurde.

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