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Geil auf Autos: Das sind die Kino-Highlights der Woche

"Titane", "The Sparks Brothers" und "Hinterland": Das sind die Kino-Neustarts am 7. Oktober.

Das Filmfestival von Cannes gilt gemeinhin als deutlich progressiver als etwa die Oscars, wenn es um die Verleihung der Trophäen geht. Was die Radikalität der Filme betrifft, die an der Croisette prämiert werden, mag das stimmen. Wenn es aber darum geht, auch weibliche Filmemacherinnen zu ehren, sieht es auch im sonnigen Südfrankreich ähnlich duster aus wie in Los Angeles. Denn als die Französin Julia Ducournau im vergangenen Frühjahr mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, war sie - nach Bodil Ipsen (1946) und Jane Campion (1993) - erst die dritte Regisseurin, die den Hauptpreis des Festivals überreicht bekam, und die erste, die sich den Preis nicht mit einem Mann teilen musste.

"Titane", das Werk, für das die Jury um Filmemacher Spike Lee die 37-jährige Ducournau ausgezeichnet hat, war indes kein Favorit der Kritiker. Weil der Film selbst für Cannes reichlich ungewöhnlich ist: Es geht, kurz gesagt, um eine Frau, die Sex mit Autos hat. "Titane" ist, neben der Musik-Doku "The Sparks Brothers" und dem düsteren Wien-Krimi "Hinterland", eines der Kino-Highlights der Woche.

Titane

Nein, Alexia ist wahrlich kein gewöhnliches Kind. Nach einem Autounfall, an dem sie nicht ganz unschuldig ist, bekommt sie eine Titanplatte in den Schädel implantiert und interessiert sich fortan für Dinge, die andere Mädchen normalerweise keines Blickes würdigen: für Autos. Die Obsession für die Blechkisten steigert sich ins Unermessliche, als Alexia eine junge Frau ist. Dann nämlich tanzt sie halbnackt auf den Karossen, liebkost sie und lässt sich in einer der wohl seltsamsten Szenen der Filmgeschichte gar von einem Auto schwängern. In Alexia wächst etwas heran, etwas, das sie nicht nur körperlich verändert, sondern auch psychisch. Sie wird zur Killerin, muss schließlich vor der Polizei fliehen. Um unterzutauchen, nimmt Alexia eine neue Identität an: Mit abgebundenen Brüsten und abgebundenem Bauch gibt sie sich als Sohn von Feuerwehrmann Vincent aus, dessen Sprössling einst verschwand und der nun Alexia, ohne Fragen zu stellen, akzeptiert.

"Titane", der Gewinnerfilm aus Cannes, ist ein durch und durch bizarres Werk, angesiedelt irgendwo zwischen David Cronenberg und Nicolas Winding Refn. Der zweite Spielfilm der Französin Julia Ducournau ist eine Tour de Force, die verstört und verwirrt. Und die manchmal arg überfrachtet wirkt angesichts dieser Mischung aus Körper-Horror und Gender-Thematik. Gespielt wird Alexia von Agathe Rousselle, die sich selbst als nicht-binär beschreibt und hier ihren ersten großen Auftritt hat, ein Auftritt voller Wucht. Ebenso fantastisch: Kinoikone Vincent Lindon als steroidsüchtiger Feuerwehrmann auf der verzweifelten Suche nach seinem Sohn.

The Sparks Brothers

Die Sparks gelten vielen als am meisten unterschätzte Band der Popgeschichte. Doch so ganz stimmt das nicht: Irgendwo auf der Welt waren Ron und Russell Mael immer populär - nur eben nie überall gleichzeitig. Mal waren sie in der amerikanischen Heimat angesagt, mal in England, mal in Frankreich, dann wieder in Deutschland. Unvergessen sind Songs wie "This Town Ain't Big Enough For Both Of Us", "Change", "Number One Song In Heaven" oder "When Do I Get To Sing 'My Way'". Unter anderen Musikern gelten die beiden Brüder, Jahrgang 1945 beziehungsweise 1948, sowieso als eines der einflussreichsten Pop-Duos überhaupt. "Die Lieblingsband deiner Lieblingsband" heißt es denn auch vollmundig in der Ankündigung zu "The Sparks Brothers", Edgar Wrights Hommage an die beiden Musiker aus Kalifornien.

Der britische Regisseur ("Shaun of the Dead", "Baby Driver") versucht erst gar nicht, seinen Idolen mit kritischer Distanz zu begegnen. Warum auch, wenn Musikgrößen wie Björk, Beck, Flea, Giorgio Moroder, Tony Visconti, Flea oder Nick Rhodes von Duran Duran vor seiner Kamera ins Schwärmen geraten und davon erzählen, wie die kunstvollen Klänge der Sparks ihre eigene Musik beeinflusst haben. Auch die Gebrüder Mael hat Regisseur Wright für seinen Film getroffen und sie ausführlich zu Wort kommen lassen.

Ab 16. Dezember übrigens gibt es noch mehr von den Sparks im Kino zu hören: Dann startet "Annette" in Deutschland, Leos Carax' in Cannes uraufgeführtes Filmmusical mit Adam Driver und Marion Coutillard, für das Ron und Russell Mael nicht nur das Drehbuch schrieben, sondern auch die Musik.

Hinterland

Wien zu Beginn der 1920er-Jahre: Der Weltkrieg ist vorbei, die Spuren aber, die er hinterlassen hat, sind noch überall sichtbar. Verkrüppelte Männer streifen durch die Stadt an der Donau, an Körper und Geist gezeichnet von den Grausamkeiten, die hinter ihnen liegen. In dieses Wien, das nun nicht mehr Hauptstadt eines Kaiserreichs ist, sondern einer Republik, kehrt der Kriminalbeamte Peter Perg (Murathan Muslu) nach Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Die neue, alte Heimat ist ihm fremd, und sie ist nicht minder brutal als der Krieg selbst. Denn ein Serienmörder versetzt die Menschen in Angst und Schrecken, tötet auf bestialische Weise und ist einfach nicht zu fassen. Der junge Kommissar Paul Severin (Max von der Groeben) und die Gerichtsmedizinerin Theresa Körner (Liv Lisa Fries) sind also auf Pergs Hilfe angewiesen, um die Bestie dingfest zu machen.

Mit "Hinterland" hat der österreichische Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher", "Narziss und Goldmund") einen auf der Handlungsebene reichlich konventionellen Thriller gedreht, eine Art "Babylon Berlin" in der Donaumetropole. Was "Hinterland" so anders macht als andere Genre-Vertreter ist der unbedingte Wille zum Experimentieren: Gedreht wurde nicht an Originalschauplätzen, sondern fast ausschließlich vor einem Blue Screen und am Computer erstellten Hintergründen. Entstanden ist so eine unwirkliche und unwirtliche, expressionistisch-verzerrte Stadtlandschaft - eine Herangehensweise, die man durchaus gewöhnungsbedürftig finden darf.