Ihnen gehört die Zukunft

Ein Berlin-Film aus Hildesheim: Der Teddy-Award-Gewinner "Futur Drei" erzählt von einer Liebe zwischen einem Deutschiraner und einem Flüchtling.

Man versteht schon ein bisschen, warum sich die Eltern von Parvis hier nicht wohlfühlen. Hier, in dieser Neubausiedlung am Stadtrand von Hildesheim, wo alles noch neu ist, wo die dicken Autos vor weiß gestrichenen Häusern stehen und die Bäume noch klein sind. Vor 30 Jahren waren sie aus dem Iran nach Deutschland gekommen, hatten sich hochgearbeitet und Tag und Nacht geschuftet, jetzt leiten sie einen Edeka-Supermarkt, tragen sich aber mit dem Gedanken, wieder zurückzugehen in die alte Heimat.

Parvis (Benjamin Radjaipour) aber ist hier heimisch, sagt er, obwohl er überhaupt nicht so wirkt, als würde er in diese Spießeridylle passen. Parvis ist jung, hat gefärbte Haare, trägt bunte Klamotten, ist schwul. Aber er schafft es eben auch, selbst in Hildesheim einen Hauch von Großstadt zu finden. Deutlich trister geht es in dem Flüchtlingsheim zu, in dem er arbeitet. Parvis macht das allerdings nicht freiwillig, er wurde zu 120 Sozialstunden verurteilt, weil er bei einem Diebstahl erwischt worden war.

Berlin in der Provinz

Parvis soll als Übersetzer aushelfen und merkt dabei schnell, wir knallhart der deutsche Staat sein kann, wenn es um Abschiebungen geht. Als eine Frau aus dem Iran das Land verlassen soll, lügt er die Polizisten kurzentschlossen an. Die Frau, übersetzt er mehr als frei, sei schwanger. Im Flüchtlingsheim lernt er auch die iranischen Flüchtlinge Amon (Eidin Jalali) und dessen Schwester Banafshe (Banafshe Hourmazdi) kennen. Die drei ziehen durch die Stadt, trinken, feiern. Und Amon und Parvis verlieben sich ineinander.

"Futur Drei", auf der letzten Berlinale mit dem Teddy-Award ausgezeichnet, ist ein Film über Selbstfinden, und das gleich in doppelter Hinsicht. Während Parvis seine Sexualität völlig frei lebt, hadert Amon mit seinem Schwulsein. Parvis hingegen ist auf andere Weise noch auf der Suche: als einer mit sogenanntem Migrationshintergrund, der in Deutschland geboren wurde, dem die Deutschen aber immer wieder zu verstehen geben, dass er nicht wirklich dazugehört. "Es ist schon schwer genug, man selbst zu sein", sagt der Flüchtling Amon einmal. "Und dann auch noch auf Deutsch ..."

Eigentlich spielen Filme wie "Futur Drei" immer in Berlin. Regisseur Faraz Shariat, Jahrgang 1994, hat sein Spielfilmdebüt aber in Hildesheim angesiedelt, weil er in der 100.000-Einwohnerstadt selbst gelebt hat und weil "Futur Drei" autobiografisch geprägt ist. Ihm ist es gelungen, einen Provinzfilm zu drehen, der schillert und glitzert wie ein Großtadtmelodram. "Futur Drei" ist rasant, knallig, wunderschön und von drei wahnsinnig sympathischen Hauptdarstellern getragen. Manchmal liegt Berlin eben auch in der deutschen Provinz, man muss es nur suchen.

Trailer "Futur Drei"