Im Jammertal der Existenz

Luis Buñuel lässt grüßen: "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" erfordern einen starken Magen und die Bereitschaft, der Wirklichkeit ein Eigenleben zuzugestehen.

"Möchten Sie meine Lebensgeschichte hören?" - Was soll man machen, wenn man mit dieser Frage konfrontiert wird und in einem Zug sitzt? Weglaufen ist schlecht möglich, also muss man zuhören. Helga (Pilar Castro) lässt sich also auf "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" ein und hört dem Mann (Ernesto Alterio) zu, der ihr gegenüber Platz genommen. Er stellt sich als Psychiater vor und wirkt schließlich vertrauenerweckend. Aber das ist ein Trugschluss.

So wie ziemlich vieles ein Trugschluss ist in dem surrealen Wahnsinnstrip des spanischen Regisseurs Aritz Moreno, der Helga in ein surreales Labyrinth schickt, in dem Wahn und Wirklichkeit selten zu unterscheiden sind. Der Psychiater im Zug jedenfalls beginnt von seinen Patienten zu erzählen, darunter auch Helgas Mann. Den hat sie aufgrund einer plötzlichen Faszination für die eigenen Exkremente in einer Anstalt untergebracht, woran sie nicht ganz unschuldig ist. Die Kacke ist in ihrem Leben sozusagen am Dampfen.

Frau wird Hund

In immer unübersichtlicheren Verzweigungen und mit großer Lust am Fabulieren schickt Moreno seine Figuren durch die Jammertäler menschlicher Existenz. In seinem Sammelsurium an Absurditäten geht es um Kroketten als Wurfgeschosse, Kinderhandel bei Nato-Missionen, eine Frau, die sich zum Hund erziehen lässt, und die komplette Überwachung der Menschheit durch Müllmänner.

Obgleich die Lüge und die freie Interpretation der Realität in diesem Abstieg in die düsteren Albtraumwelten der Psyche zum Standardrepertoire gehören, ergibt das alles Sinn. Moreno erzählt eine bild- und wortstarke Fabel über Einsamkeit, Angst, Verzweiflung und Abhängigkeiten. "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" erweitert alle Vorstellungskraft und ist vor allem stilistisch ein kleines Meisterwerk. Für das man freilich auch einen starken Magen braucht.