In seinem Kopf die anderen Leben

Javier Bardem trauert als demenzkranker Schriftsteller verpassten Chancen nach: "Wege des Lebens - The Roads Not Taken" ist ein depressiver Höllentrip durch Raum und Zeit.

Die Tage sind immer gleich für Leo (Javier Bardem). Der Schriftsteller dämmert in seinem kargen Appartement in New York City vor sich hin. Vor dem Fenster rattern die Züge vorbei, ansonsten ist ihm die Welt entrückt. Leo ist an Demenz erkrankt, das Leben spielt sich nur noch in seinem Kopf ab - und dort passieren bemerkenswerte Dinge. Die britische Regisseurin Sally Potter ("Orlando") schickt Leo auf eine Reise durch Zeit und Raum, lässt ihn Fragmente seiner Vergangenheit noch einmal erleben und zwingt ihn dazu, sich mit verpassten Chancen und falschen Entscheidungen auseinanderzusetzen.

Die Pfade sind verschlungen in Sally Potters Demenzdrama, man findet sich kaum zurecht. Dabei ist der durchaus hübsch anzusehende Roadtrip durch die Möglichkeiten des Lebens verstörend banal. Über Leo erfahrt man nur wenig und wenn, dann nur ein paar Fakten. Was in seinem Kopf passiert bleibt wirr, was ihn einst antrieb, ungeklärt. Und weil der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, taugt auch seine bisweilen hysterische Tochter Molly (Elle Fanning) nicht als Navigationssystem.

Leo hatte seine Tochter einst für ein Buch geopfert. Obwohl sie die wichtigsten Jahre ihres Lebens keinen Vater hatte, kümmert sie sich nun hingebungsvoll bis zur Selbstaufgabe um ihn. Wobei man auch vermuten könnte, dass Molly die Pflegebedürftigkeit ihres Vaters als Ausrede benutzt, um sich in ihrem eigenen Leben um die Entscheidung zu drücken, welchen Weg sie gehen will. Stattdessen hetzt sie mit ihrem Vater zum Zahnarzt, zum Augenarzt und - nach einem Malheur - in ein Kaufhaus.

Die Bilder rattern vorbei

Leo ist auf "The Roads Not Taken" - den Wegen, die er einst nicht eingeschlagen hat - auf sich allein gestellt. Der ehemalige Herr der Worte hat aufgrund seiner Krankheit die Sprache verloren; was er auf seinem depressiven Höllentrip erlebt, womit er sich auseinandersetzt, kann er nicht teilen. Javier Bardem spielt sein Martyrium mit stoischer Mine - es kommt niemand an ihn heran. Dabei ist der Film sehr persönlich: Sally Potter, die auch das Drehbuch schrieb und die Musik komponierte, verarbeitet hier die Erfahrungen, die sie bei der Pflege ihres 2013 verstorbenen Bruders machte, der an der neurodegenerative Pick-Krankheit litt.

Immerhin visuell hat Potter die assoziative Reise in Leos unterschiedliche Lebensrealitäten reizvoll umgesetzt. Das naturalistische New York City in seiner grau-beigen Beklemmung steht in scharfem Kontrast zur rosaroten Vergangenheit in Mexiko mit Leos Jugendliebe Dolores (Salma Hayek), als für eine kurze Zeit alles noch gut war. Dazwischen erstrahlt die scheiternde Sinnsuche in Griechenland in schimmernden Blautönen.

Doch den schönen Bildern in "Wege des Lebens" fehlen Ecken und Kanten, um sie wirklich interessant zu machen. Weil es keine Fixpunkte gibt, an denen sich der Geist festhalten kann, rattern sie einfach an den Augen des Betrachters vorbei. Die Frage "Was wäre wenn?", an der sich das Kino eigentlich vortrefflich abarbeiten kann, lässt einen hier ziemlich kalt.

Trailer "Wege des Lebens - The Roads Not Taken"