Kurven über Kurven

Den Namen Michael Angelo Covino sollte man sich merken: Der New Yorker wird die Filmlandschaft auf eine charmante und sonderbare Weise mitprägen. Den Anfang macht "The Climb".

Der 36-jährige New Yorker Michael Angelo Covino ist ein Universaltalent: In "The Climb", seinem Spielfilmdebüt, tritt er als Hauptdarsteller, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur in Erscheinung. Ein echter Selbermacher also, und einer mit einem Händchen für den gelungenen Einstieg.

Sein Film beginnt mit einer Entschuldigung zwischen Freunden. Das Vergehen indes ist nicht so leicht zu verzeihen. Was sagt man, wenn der beste Freund eine irgendwie länger geartete Affäre hatte mit der Frau, die man heiraten möchte? Schwamm drüber? Eher problematisch. Kyle (Kyle Marvin) hat Schwierigkeiten, überhaupt irgendetwas zu sagen. Denn sein durchtrainierter Kumpel Mike (Covino) wartet auf der gemeinsamen Radtour durch Frankreich bis zum Anstieg für sein Geständnis. Und entblödet sich nicht, dem Sandkastenfreund Techniktipps zu geben, während der sich wutentbrannt den Hügel hinauf quält. Dass Mike im Anschluss verprügelt wird, ist irgendwie nur fair. Diese ausgefeilte Szene zum Auftakt ist bereits Hinweis auf einen besonderen Film, in den Michael Angelo Covino und Kyle Marvin einiges von ihrer wirklichen Freundschaft gesteckt haben.

Zeit spielt hier keine Rolle, Ironie schon. Ironie, Sarkasmus und Slapstick ringen nicht um Aufmerksamkeit, sondern passieren ganz unausweichlich. Auf den ersten Blick ist Mike der attraktivere, auf den zweiten werden seine destruktive Ader sichtbar und Kyles Gutmütigkeit. Kyles Familie kümmerte sich schon immer um Mike, dem man eine ambitionierte Sportkarriere zutraute, im sozialen Leben jedoch eher wenig. Auch für den Zuschauer bröckelt seine Fassade merklich.

Nicht alles nach Plan

Die Tour durch Frankreich mutet als klassischer Höhepunkt an, doch "The Climb" nimmt einen ähnlich unberechenbaren Verlauf wie die Tour de France für Hobbyradler. Denn im Leben verläuft nicht alles nach Plan und mit Happy End. Über weite Strecken überrascht das Drehbuch immer wieder mit seiner natürlichen Art und seiner unvorhersehbaren Entwicklung. So seltsam die Ereignisse auch anmuten, so selbstverständlich werden sie hier dargeboten.

"The Climb" ist einerseits einfach nur eine Geschichte über eine Männerfreundschaft, andererseits aber wunderbar neu erzählt. Dabei schaffen es die beiden Hauptdarsteller, den Zuschauer bei der Stange halten, ihm die Überzeugung zu nehmen, dass man eine derart zerrüttete Freundschaft nicht aufrechterhalten sollte.

In Cannes feierte "The Climb" in vergangenen Jahr Weltpremiere, gewann einen kleinen Preis und zog dann weiter durch die Festivals, von München bis nach Sundance, um von seiner Überzeugung zu berichten, dass Freundschaft aus mehr Tiefen denn Höhen besteht. Dem einen oder anderen wird beim Abspann so manches durch den Kopf gehen. Mag sein, dass die viel zu seltenen Filme über Freundschaft ebenso Geschmackssache sind wie alle anderen Produktionen auch. Doch für alle, die hinschauen und zwischen den Zeilen lesen, ist dieser Film mindestens gute Unterhaltung - wenn nicht mehr.

Trailer "The Climb"