Nicht einzigartig

Ein Profikiller im Ruhestand trifft auf sein jüngeres Ebenbild, das ihn aus dem Weg räumen soll: Ang Lees neue Regiearbeit "Gemini Man" schießt visuell aus allen Rohren, wirkt erzählerisch jedoch ein wenig abgestanden.

Welche Möglichkeiten die digitale Technik bietet, war zuletzt eindrucksvoll zu sehen in Jon Favreaus Disney-Neuverfilmung "Der König der Löwen". Die am Computer erzeugten Bilder der afrikanischen Savanne und der Tierwelt fielen derart realistisch aus, dass man sich fast in einer National-Geographic-Dokumentation wähnte. Mit dem futuristisch angehauchten Actionthriller "Gemini Man" beweisen Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain") und seine kreativen Mitstreiter nun, dass aus dem Rechner stammende Menschen ebenfalls völlig authentisch aussehen können und quasi nicht mehr von echten Schauspielern zu unterscheiden sind. Was das für die Zukunft des Filmschaffens bedeutet, ist eine spannende Frage, die einem während des Kinobesuchs ständig im Kopf herumspukt. Wird es womöglich irgendwann nur noch digital erschaffene Figuren geben, werden Schauspieler also überflüssig? Ein unheimlicher Gedanke, der beim Blick auf "Gemini Man" gar nicht mal so abwegig erscheint.

Revolutionäre Kraft besitzt Lees neues Leinwandwerk auch deshalb, weil er wie schon in seiner letzten Arbeit "Die irre Heldentour des Billy Lynn" auf die noch sehr umstrittene High-Frame-Rate-Technik setzt. Werden Filme traditionell mit 24 Bildern pro Sekunden gedreht und abgespielt, experimentiert der Oscar-Preisträger nun abermals mit einer deutlich höheren Bildwiederholfrequenz. Erreicht werden soll damit ein noch stärkeres Eintauchen des Zuschauers in den Film.

In der Tat liefert "Gemini Man" atemberaubende, gestochen scharfe Impressionen und vermittelt dem Publikum noch mehr das Gefühl, direkter Augenzeuge des Geschehens zu sein. Besonders in den Actionpassagen - etwa bei einer wilden Verfolgungsjagd durch die Straßen der kolumbianischen Metropole Cartagena de Indias - entwickelt der Film eine enorme Intensität. Zugleich ist die kristallklare Optik, die weniger glamourös als der typische Kino-Look daherkommt, aber sicher gewöhnungsbedürftig.

Optisch hui, erzählerisch bescheiden

Über das visuelle Konzept kann man in "Gemini Man" also immer wieder staunen. Auf Drehbuchebene geht es dafür keineswegs spektakulär zur Sache. Dreh- und Angelpunkt des Verschwörungsreißers ist der in die Jahre gekommene Profikiller Henry Brogan (Will Smith), der nach vielen erfolgreichen Einsätzen für den US-Geheimdienst DIA zunehmend von Gewissensbissen geplagt wird und sich daher in den Ruhestand verabschiedet. Seine früheren Auftraggeber wollen ihn jedoch lieber tot sehen. Clay Verris (Clive Owen), ein alter Bekannter und inzwischen Leiter eines rätselhaften Sonderprogramms namens "Gemini", hetzt Henry schließlich den Elitesoldaten Junior auf den Hals, der sich als jüngerer Klon Brogans entpuppt. Eben jener Junior wurde gänzlich am Computer erschaffen, lediglich seine Bewegungen und seine Gesten spielte Will Smith mittels Motion Capture selbst ein.

Die Grundidee von "Gemini Man" ist zweifelsohne spannend. Regisseur Lee und seine Autoren ziehen aus ihr aber bloß einen Standardplot, dem es an echten Überraschungen mangelt. Dank Smiths einnehmender Präsenz und einiger mitreißender Actionmomente kommt zwar keine große Langeweile auf; Henrys emotionaler Zustand und die in der Geschichte verankerten moralischen und psychologischen Fragen bekommen allerdings nie so viel Aufmerksamkeit, dass sich "Gemini Man" zu einem cleveren Thriller aufschwingen könnte.

Wie reagiert man, wenn man plötzlich von seinem Ebenbild gejagt wird? Wie beeinflusst die Begegnung den jungen Doppelgänger? Und sollte man Menschen zu bestimmten Zwecken reproduzieren dürfen? Ang Lee umkreist interessante Probleme und Überlegungen, traut sich letztlich allerdings nicht, die Popcorn-Schiene zu verlassen und wirklich tiefer zu bohren. Dass der Stoff bereits Ende der 1990er-Jahre durch die Hollywood-Studios geisterte, kann der Film leider nicht ganz verschleiern: In Zeiten von Drohnen, Künstlicher Intelligenz und hochleistungsfähigen Robotern fühlt sich die Idee der Klone als perfekte Krieger irgendwie überholt an. Was "Gemini Man" bei aller Kritik an den erzählerischen Versäumnissen dennoch sehenswert macht, ist seine optische Raffinesse, die man am besten in 3D auf sich wirken lassen sollte.

Trailer "Gemini Man"