Tödliche Tränen

Im Langfilmdebüt von Michael Chaves hat es der Geist einer weinenden Frau auf die Kinder einer Sozialarbeiterin abgesehen. "Lloronas Fluch" basiert auf einer Schauermär, die vor allem in Südamerika für Grusel sorgt.

Es wächst und gedeiht. Gemeint ist das sogenannte "Conjuring"-Universum, eine Reihe von Horrorfilmen, die - mal mehr, mal weniger direkt - mit den Fällen der real existierenden Geisterjäger Ed und Lorraine Warren zusammenhängen. Neben den beiden Hauptwerken "Conjuring - Die Heimsuchung" und "Conjuring 2" erschienen in den letzten Jahren mit "Annabelle", Annabelle 2" und "The Nun" zudem mehrere Ableger. Als sechster Teil entpuppt sich nun überraschenderweise der Gruselthriller "Lloronas Fluch", den man lange für ein komplett eigenständiges Werk halten musste. Durch das Auftauchen eines Priesters schlägt der Film allerdings einen Bogen zu "Annabelle" und fügt sich damit in den "Conjuring"-Erzählkosmos ein.

Nach einem sonnendurchfluteten, in Mexiko spielenden Prolog entführt "Lloronas Fluch" das Publikum ins Los Angeles des Jahres 1973, wo die engagierte Sozialarbeiterin Anna (Linda Cardellini) so gut es eben geht versucht, den Tod ihres Ehemannes zu verarbeiten. Als sie einer Frau namens Patricia Alvarez (Patricia Velasquez) wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung einen Besuch abstatten muss, macht Anna eine erschreckende Entdeckung: In einem seltsam verzierten Wandschrank findet sie die eingesperrten Söhne von Patricia. Die beiden Jungs werden in ein Krankenhaus gebracht, wo sie mitten in der Nacht einem bösen Geist begegnen; nur wenig später werden ihre Leichen aus einem Fluss gezogen. Patricias kryptische Warnungen vor La Llorona, der weinenden Frau, klingen für die Sozialarbeiterin zunächst wie Hirngespinste. Doch schon bald beschleicht Anna das Gefühl, dass eine unheimliche Macht auch ihre Kinder ins Visier genommen hat.

Wo bleibt das Besondere?

"Lloronas Fluch" basiert auf einer Legende aus der lateinamerikanischen Folklore. Es ist allerdings ernüchternd, wie Regisseur und Spielfilmdebütant Michael Chaves und das Autorengespann Mikki Daughtry und Tobias Iaconis mit der vor allem in Mexiko weit verbreiteten Schauermär um die weinende Frau verfahren. Das Besondere an La Llorona arbeitet der Film nie zufriedenstellend heraus. Soll heißen: Der Fluch und seine Ursprünge bleiben austauschbare Aufhänger für eine letztlich arg vertraut daherkommende Spukgeschichte. Spätestens im Schlussdrittel veranstalten die Macher konventionellen Budenzauber, bei dem natürlich auch ein in überweltlichen Dingen bewanderter Experte (Raymond Cruz) nicht fehlen darf.

Dass "Lloronas Fluch" auf Handlungsebene eine eigene Note vermissen lässt, ist ärgerlich. Die ordentliche Inszenierung und die gefällige Retro-Ausstattung gleichen manche Schwächen aber aus. Statt von Anfang an auf laute Schockmomente zu setzen, bemüht sich Regisseur Chavez in der ersten Hälfte um atmosphärische Akzente und taucht seinen regenverhangenen Handlungsort Los Angeles in schillernd-düstere Farben. Dem Trend zum knallig-lauten Buh-Effekt eifert er mit zunehmender Dauer allerdings stärker nach - und erreicht auf diese Weise oftmals bloß das Gegenteil.

Einen Schauer über den Rücken jagen einem vor allem jene Momente, die nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen. Die den Holzhammer beiseite lassen und sich auf die Panik, die Angst der Protagonisten konzentrieren. Schade nur, dass es davon nicht genügend gibt, um "Lloronas Fluch" zu einem erinnerungswürdigen Spukereignis zu machen.

Trailer "Lloronas Fluch"