Zwischen Katastrophe und Chance: Das DOK.fest findet in diesem Jahr online statt

Online statt im Kino: Deutschlands größtes Dokumentarfilmfestival zeigt, wie man kreativ mit der Corona-Krise umgeht.

Online statt im Kino: Deutschlands größtes Dokumentarfilmfestival zeigt, wie man kreativ mit der Corona-Krise umgeht.

Als Bong Joon-ho im Februar auf der Bühne des Dolby Theatre in Los Angeles stand, um den Regie-Oscar für seinen Film "Parasite" in Empfang zu nehmen, setzte er zu einer emotionalen Dankesrede an. Sein Kollege Martin Scorsese kam darin vor, Quentin Tarantino auch. Jene aber, die seinem Film das allererste Forum gegeben hatten, vergaß Bong inmitten seines Überschwangs: Seine Weltpremiere hatte "Parasite" in Cannes gefeiert, und ohne das Festival im Süden Frankreichs und die Goldene Palme hätte es der kleine Film aus Südkorea wohl kaum zum Indie-Liebling des Jahres und schließlich bis zu den Oscars geschafft. In wenigen Tagen hätte an der Croisette eigentlich die 73. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnen sollen, doch wegen Corona wird nicht daraus. Eine Verschiebung, teilte Festivalchef Thierry Frémaux vor ein paar Wochen mit, komme ebenfalls nicht infrage.

Dem Kino, das nach der Corona-Krise so dringend auf neue und gute Filme angewiesen ist, ihm könnten in diesem Jahr wichtige Schaufenster fehlen. Das Münchner Filmfest wurde abgesagt, auch auf der Piazza Grande in Locarno werden in diesem Jahr keine Filme gezeigt. In Berlin hatte man noch Glück, das Festival fand kurz vor den weltweiten Lockdowns statt; und in Venedig macht man sich noch Hoffnungen, Ende August Filmfans und Fachbesucher aus aller Welt empfangen zu können. Wie es in Cannes weitergeht, ist derweil noch offen. Eine reine Online-Ausgabe, erklärte Festivalchef Frémaux bereits, könne er sich auf jeden Fall nicht vorstellen.

Für Daniel Sponsel hingegen, Leiter des DOK.fest München, ist genau das die Rettung in der Krise. Deutschlands größtes Dokumentarfilmfestival wird in diesem Jahr nur online stattfinden. Festival@Home lautet das Motto vom 6. bis 24 Mai, und dass ein Filmfestival daheim, vor den Computerbildschirmen der Zuschauer, besser ist als gar kein Filmfestival, davon ist Sponsel überzeugt. Zwar sei es natürlich "eine Katastrophe", dass das Filmfestival nicht in gewohnter Form stattfinden könne, sagt Sponsel im Gespräch mit der Nachrichtenagentur teleschau. Man sei schließlich schon sehr weit gewesen mit der Planung, als die Corona-Krise zuschlug. Einen Großteil des Programmes könne man nun aber online präsentieren. "Das setzt ein Zeichen, dass Kultur trotzdem stattfinden kann. Jetzt können die Filme, die in Deutschland sonst gar nicht gesehen werden würden, dennoch gesehen werden", freut sich Sponsel.

Natürlich habe man überlegt, das Festival ganz abzusagen. Das sei aber "die schlechteste aller Optionen". Und eine Verschiebung sei nicht möglich gewesen, aufgrund des vollen Festivalkalenders in Deutschland. "Das würde auch teurer werden, weil man das Personal länger beschäftigen müsste." Nun also online, und das mit einem vollen Programm. Ursprünglich habe man 159 Filme zeigen wollen, nun seien es immerhin noch 121, darunter 21 Welt- und 69 Deutschland-Premieren. Auch alle Reihen und Wettbewerbe könnten wie geplant stattfinden.

Festival-Atmosphäre in den eigenen vier Wänden

Eine "Eintrittskarte" kostet 4,50 Euro, 24 Stunden hat man dann Zeit, den Film anzuschauen. Wer will, kann freiwillig noch einen Euro extra zahlen - als Unterstützung für jene Kinos, die das DOK.fest eigentlich ausrichten sollten und die derzeit geschlossen sind. Er sei gefragt worden, ob das DOK.fest trotz der Solidaritäts-Aktion die Kinos nicht im Stich lasse, sagt Festivalchef Sponsel. "Ich finde, das ist nicht die richtige Frage. Wenn wir nicht stattfinden würden, würde das aktuell auch nichts ändern. Da hat niemand etwas davon."

Es sei nicht einfach gewesen, ein komplettes Festival auf einmal in den virtuellen Raum zu verlegen, erklärt Sponsel. Mit jedem der Rechteinhaber der Filme habe man neu verhandeln müssen, außerdem musste in wenigen Wochen eine neue, digitale Infrastruktur auf die Beine gestellt werden. "Das haben wir gut gemeistert", freut sich Sponsel. Die Rückmeldung der Zuschauer sei überwiegend positiv, sagt er. Und überhaupt: So ein Online-Festival, das habe durchaus auch seine Vorteile. Man werde zwar sicher einige Zuschauer verlieren. Aber: "Wir gehen davon aus, dass viele unsere Zuschauer, die wir sonst in die Kinos locken, auch den Weg ins Netz mit uns gehen. Und dass dazu sogar auch neue Zuschauer gewonnen werden können."

Eine richtige Festival-Atmosphäre auch online zu erzeugen, sei freilich schwierig. "Die vollen Säle, wo 350 Leute gemeinsam lachen oder auch mal stumm sind, das lässt sich online natürlich nicht umsetzen", weiß Sponsel. Nun aber sei es immerhin einfacher als bislang, Filmgespräche zu führen - die Regisseure und Protagonisten müssten nicht mehr teuer eingeflogen werden, stattdessen diskutiert man eben über Video-Chat. "Das ist der Gewinn der Online-Edition: Das wir jetzt Filmgespräche führen können, die vorher nicht möglich gewesen wären."

Der Blick hinaus in die Welt, seit jeher der Anspruch des DOK.fests, ist heute wohl so wichtig wie selten zuvor. Man müsse in diesen Zeiten auch Geschichten erzählen, die nichts mit Corona zu tun haben, findet Sponsel. "Denn die sind ja nicht verschwunden." Einen Film hat er aber dann doch im Programm, der von der Pandemie erzählt. "Corona-Chroniken" heißt der 60-Minüter von Elke Sasse, der am 7. Mai Weltpremiere feiert und dann sogar für einen Tag kostenlos zu sehen ist. Der Film biete einen "sehr intimen und nahen Einblick auf Corona-Geschichten aus der ganzen Welt", verspricht Sponsel. Und noch eines verspricht er: Nach der Krise werde das DOK.fest zurückkehren - dann aber in die Kinos, auf die ganz großen Leinwand.