Nach Tiger-Ausbruch bei Carmen Zander: Warum die Lage in Dölzig eskalieren musste

Der Tiger-Ausbruch in Dölzig sorgt bundesweit für Entsetzen. In diesem Kommentar schildert BLICK.de-Redakteurin Anika Weber ihren Besuch bei Tiger-Queen Carmen Zander – und warum die Situation aus ihrer Sicht eskalieren musste.

Schkeuditz / OT Dölzig

Nach mehreren objektiven Berichten über die Tigerhaltung von Carmen Zander auf BLICK.de schildert dieser Kommentar nun die subjektiven Einschätzungen zum Thema von Redakteurin Anika Weber, die Carmen Zander im vergangenen Jahr vor Ort besucht und vier Stunden mit ihr gesprochen hat:

Artgerecht ist nur die Freiheit. Diesen Satz verstehe ich erst seit etwa vier Jahren in seiner Gänze. Meine Gedanken über Wildtierhaltung in Zoos und Zirkussen haben sich gewandelt. Deshalb hat mir ein außergewöhnlicher Termin im Frühling 2025 so viel journalistische Professionalität abverlangt, wie selten zuvor. Auch selten zuvor habe ich mich über so einen langen Zeitraum mit der Recherche zu einem einzigen Thema befasst. Über drei Wochen lang führte ich Gespräche mit verschiedenen Personen von Behörden, Tierschutz und auch der Betroffenen selbst.

Tigerausbruch in Sachsen

Tiger-Queen Carmen Zander ist im Schkeuditzer Ortsteil Dölzig vor einigen Jahren gestrandet und hält dort (bis vor Kurzem waren es 10 Stück) in einem Gewerbegebiet mehrere Tiger in Zirkuswagen und Käfigen. Am Sonntag, 17. Mai 2026, ist es dann passiert. Der ausgewachsene Kater Sandokan ist ausgebrochen und hat einen der Helfer (72) vor Ort schwer verletzt. Seitdem kocht das Thema wieder hoch. Das ist auch gut so, denn obwohl mein Artikel im vergangenen Jahr über 300.000 Aufrufe generierte und sachsenweit für starkes Aufsehen sorgte, flachte das Thema nach einigen Wochen wieder ab und vor Ort passierte nichts.

(Über die Hintergründe, warum Carmen mit den Tigern hier lebt, lest ihr in diesem ausführlichen Artikel zum Thema)

Erst im April 2026, also vor knapp vier Wochen, habe ich mit den Behörden zum aktuellen Stand rund um die Tigerhaltung gesprochen, ungeahnt, dass das Thema bald deutschlandweit im Fokus stehen sollte. Die Mühlen im Bürokratie-Deutschland malen langsam, weshalb sich noch nichts vor Ort großartig in den letzten zwölf Monaten geändert hatte.

Die reale Lage vor Ort

Um mir ein Bild von der Gesamtsituation vor Ort zu machen, habe ich eines Abends Anfang März 2025 ein zweistündiges Telefonat mit Carmen Zander geführt. Sie erklärte mir ihre verzwickte Lage und lud mich und meinen Fotografen ein, uns vor Ort objektiv selbst ein Bild der Situation zu machen. Also fuhren wir nach Dölzig. Es zeigte sich eine Frau, die ihre Tiger über alles vergöttert, aber auch eine Frau, die sämtliche Verantwortung für ihre missliche Lage von sich wies.

Sandokan, das ausgewachsene Männchen lief in einem kleinen Käfig mit einem leeren Wasserbecken am Zaun stereotypisch auf und ab. Währenddessen präsentierte Carmen uns die "süßen" männlichen Tigerbabys. Denn die weiße Tigerin Saphira war im Dezember 2024 Mutter von vier kleinen Jungs und einem Mädchen geworden. Sie habe sich, nach Angaben der Dompteurin, "einfach vor den Kater geworfen". Das habe sie sonst nie gemacht. Angeblich habe Carmen Zander ohne Erlaubnis die Tiere vermehrt, sie bestreitet das. Bereits ein Jahr zuvor kam Tigerin Imana zur Welt und wurde von ihrer Mutter verstoßen, sodass Carmen sie mit der Hand aufzog. Auch sie stellte sie uns vor und gab der knapp über ein Jahr alten Tigerin für die Fotosession die Milchflasche.

Meine Beobachtungen und Gedanken

Ich musste durchatmen. Die Tiger seien im guten Gesundheitszustand, behauptete Carmen und drückte mir ein Gutachten, was sie selbst in Auftrag gegeben hatte, von einer Tierärztin, in der Hand. Ja, diese bekundete schriftlich, dass die Tiger gesundheitlich wohl auf waren. Das Verhalten von Sandokan wirkte jedoch nicht "gesund" auf mich. Solches stereotypische Hin- und Herlaufen bedeutet eigentlich Stress, Unterforderung, Langeweile oder fehlende Beschäftigung. Die Dompteurin mit meinen Gedanken konfrontieren wollte ich in dem Moment nicht. Ich hörte heraus, wie schlecht sie auf die Presse eigentlich zu sprechen war und hatte die Befürchtung, sie würde den Termin sonst vorzeitig beenden. Wir wollten uns aber ein Gesamtbild der Situation machen.

Probleme über Probleme, doch keine Lösungen

In jedem Fall habe ich das Gefühl gehabt, dass die Tiere hier nicht hingehören und viel mehr Platz brauchen. In der freien Natur durchstreifen Tiger Gebiete, die mehrere hundert, manchmal sogar tausend Quadratkilometer groß sind. Egal, wie viele Erweiterungen der Käfige Carmen anbauen will, es ist und wird niemals vergleichbar sein mit der Natur oder zumindest einem größeren Gehege im Grünen. Ich halte auch nichts von Wildtieren in Zoos, aber selbst hier sind die Gehege meistens besser, als in Dölzig.

Bei unserem Besuch erzählte die Tiger-Queen dann, dass sie sich für die Tiger hoch verschuldet hat, um das Futter und die Unterbringung sowie Tierarztkosten zu bezahlen. Wieder fragte ich mich, wie man denn dann zusätzlich mit den Tigern züchten kann. Da der Tiger vom Aussterben bedroht ist, rechtfertigte Carmen die Geburt der Babys mit einem "Wunder". Mir schien, sie konnte den Ernst der Lage nicht erblicken. Meine Gedanken gingen eher in die Richtung, dass zehn Tiger noch mehr Platz, Futter und Tierarztbesuche benötigen, als fünf und Carmen kaum noch Möglichkeiten hat, die Käfige zu vergrößern. Die Wiese nebenan könnte womöglich mit viel Glück noch genutzt werden, aber das war im vergangenen Jahr nicht geplant. Außerdem sind Tiger Einzelgänger und sobald die Tigerjungen in die Pubertät kommen (Geschlechtsreife setzt zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr ein), was nun knapp 1,5 Jahre nach der Geburt bald der Fall sein könnte, könnte es ebenfalls schwierig auf so engem Raum werden. Die Tiere können sich nicht aus dem Weg gehen. In der Natur würden sie um ihr Revier kämpfen.

(Tigervideo aus dem Frühjahr 2025)

 

Selbstmitleid und die Frage nach der Verantwortung

Alles in allem war und ist Carmen davon überzeugt, dass jeder ihr die Tiere wegnehmen will, sie verstand und versteht bis heute aber nicht, wieso. Tierschützer wöllten die Tiger als Trophäen für die Öffentlichkeit und ihr Prestige nutzen, was meiner Ansicht nach etwas aus den Wolken gegriffen ist und den Diskurs verschiebt. Es geht schließlich weder um die Tierschützer noch um Carmen, es geht um die Tiere und eine vernünftige Unterbringung, die den Tieren gerecht werden kann. Carmen träumte im vergangenen Jahr noch von einem großen Hof, auf dem sie mit ihren Tieren leben könnte, mit großen Gehegen, doch selbst finanzieren könne sie das nicht. Sie hoffe auf Spenden. In jedem Fall beteuerte die gebürtige Karl-Marx-Städterin aber, keiner wolle ihr wirklich helfen. Außer zwei Mitarbeitende, die sie unterstützen, die Tiger täglich zu versorgen. Einer der Helfer sei ein Rentner (72). Er war es auch, der am Sonntag schwer von Sandokan während der Fütterung verletzt wurde.

Carmen Zander äußert sich kurz zum Vorfall

Carmen Zander war während des Vorfalls am Sonntag nicht vor Ort in Dölzig. Als sie dazu kam, musste sie psychologisch betreut werden und gab der Presse gegenüber nur ein kurzes Statement: "Ich habe nichts falsch gemacht. Meine Helfer sind zu 100 Prozent instruiert. Ich verstehe nicht, was hier passiert ist. […] Ich kenne meine Anlage in- und auswendig. Ich werde regelmäßig durch die Behörden kontrolliert. Das hier ist alles sehr sicher." Für mich entstand erneut der Eindruck, dass sie ihre Fehler nicht einsehen möchte. Das war schon bei meinen Gesprächen im vergangenen Jahr mit ihr der Fall. Es kommt für mich so rüber, dass sie wenig Verantwortung bei sich selbst sieht. Natürlich hat nicht sie Sandokan freigelassen, aber ihr ganzes Quartier in Dölzig ist der Grund für den Vorfall am Sonntag.

"Für mich ist im Moment das ganz große Ziel, meine Tiere nicht zu verlieren."

Carmen Zander hoffe, dass der verletzte Helfer nun schnell wieder gesund werde. Nur er wisse, was vorgefallen sei. "Nur er kann mich entlasten", sagte sie. "Für mich ist im Moment das ganz große Ziel, meine Tiere nicht zu verlieren." Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen eingeleitet. Der schwer verletzte 72-Jährige war nach dem Unglück zunächst nicht vernehmungsfähig gewesen.

Ein behördliches Verfahren läuft schon länger gegen die Tiger-Queen

Aktuell befindet sich Carmen Zander bereits in einem behördlichen Verfahren des Landratsamtes. Das bestätigte mir ein Sprecher vor knapp fünf Wochen. Nun kommt das Ermittlungsverfahren dazu. Tierschützer fordern, dass die Tiger in eine Auffangstation gegeben werden. Das befürworte ich, da die Gehege von Carmen Zander einfach zu klein sind. Auswildern kann man die Tiger nicht. Die Gründe habe ich in meinen beiden Artikeln zum Thema bereits dargelegt.

Behörden sind gefragt

Nicht nur, dass die Menschen und Tiere der Nachbarschaft in Dölzig in großer Gefahr am Sonntag waren und der Rentner schwer verletzt wurde - der Tiger Sandokan, der eigentlich gar nichts dafür kann, wurde erschossen.

Die Abwärtsspirale geht also immer weiter und hat mit dem Tiger-Ausbruch am Sonntag vielleicht ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Die Behörden müssen jetzt endlich handeln - und auch Carmen Zander sollte sich ehrlich die Frage stellen, ob die Haltung der Tiere in Dölzig noch verantwortbar ist. Wie viele Jahre soll diese Misere noch so weitergehen?

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