"Wir tragen Verantwortung für unsere Zeit"

April/Chemnitz Justin Sonder wurde die Ehrenbürgerschaft der Stadt Chemnitz verliehen

Die Ehrenbürgerwürde ist die höchste Auszeichnung, die eine Stadt vergeben kann. Sie ehrt damit Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise um das Wohl der Bürger oder Ansehen des Ortes verdient gemacht hat. Der Schriftsteller Stefan Heym, die Eiskunstlauftrainerin Jutta Müller oder der langjährige Oberbürgermeister Peter Seifert reihen sich unter anderem in die Riege der Chemnitzer Ehrenbürger ein. Im April wurde diese Auszeichnung auch Justin Sonder zuteil, der neun Jahre zuvor bereits den Ehrenpreis des Chemnitzer Friedenspreises erhalten hatte.

Er entschied sich dafür, zu reden

Der 24. Ehrenbürger der Stadt überlebte während der Zeit des Nationalsozialismus 17 Selektionen im KZ Auschwitz und zwei Todesmärsche. 22 seiner Verwandten wurden ermordet. "Ich hatte viel Glück", betont der Zeitzeuge stets, obwohl er über den Holocaust ursprünglich nie wieder sprechen wollte. Doch die Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes verschweigen, das konnte der heute 92-Jährige auch nicht.

So begann er in den 90er Jahren seine Geschichte zu erzählen und berichtet seitdem als einer der letzten Zeitzeugen insbesondere an Schulen über die Verfolgung der Juden. "Nachfolgenden Generationen vermittelt er auf anschauliche Weise das Ausmaß des Menschheitsverbrechens und die kaum vorstellbare, perfide Maschinerie des Mordens. Zugleich thematisiert er die Verantwortung des Einzelnen innerhalb eines solchen Systems", hieß es in der Begründung der Vorlage, die der Stadtrat im Januar beschlossen hatte.

Die Geschichte wird weitergegeben

"Damit legt Justin Sonder nicht nur immer wieder Zeugnis ab, sondern bezeugt mit seinem Beispiel, dass Frieden und Demokratie zu allen Zeiten das Mittun der Menschen erfordern." Er habe erlebt, welche grausamen Folgen es haben kann, wenn Ausgrenzung, Hass und Antisemitismus gesellschaftsfähig werden. Schüler der 11. Klasse des Georgius-Agricola-Gymnasiums erinnerten sich zur Verleihung an den Besuch Justin Sonders im Jahr 2015 im Unterricht der damals 9. Klasse: "Das Geschehene in dieser Zeit kann nicht rückgängig gemacht werden, aber wir haben verstanden, dass wir die Verantwortung für unsere Zeit tragen, dass menschenverachtende Systeme keine Chance haben dürfen."

Justin Sonder sei ein Mensch, der Hoffnung macht, sagte zudem Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees in seiner Laudation. Der Ehrenbürger selbst wünschte seiner Heimatstadt "zu allererst Frieden". Es dürfe kein Platz sein für Hass, Gewalt und Antisemitismus.