Der Baum an der Wand

Heiligabend Das Leben schreibt eigene Geschichten

Ganz klar: ein Weihnachtsbaum muss sein. Mir kommt nur ein echter, natürlich gewachsener ins Haus. Diesmal war wieder einer aus dem Garten dran. Opa hatte ihn natürlich schon abgesägt und als ich ihn sah - den Baum - fragte ich mich, ob es tatsächlich der war, den ich haben wollte. Aufgrund beengter Platzverhältnisse waren die meisten Äste in eine Richtung gewachsen, einige sogar nach unten und dort, wo man welche erwartete, hatte er keine. "Ein rechter Kriepel", sagte ich. "Das hättest Du Dir denken können, wenn die Bäume so dicht bei einander stehen", wurde mir beschieden. Also fuhr ich ihn heim, schleppte ihn die Treppen hoch, packte ihn aus und wollte den Baum in den Ständer stellen.

An dieser Stelle ist einzufügen, dass der Baum ein Exemplar der in Mitteleuropa beheimateten Gemeinen Fichte war. In den nächsten Minuten wurde mir auch ohne Wikipedia klar, warum der so heißt. Der Ständer hatte sich in den zurückliegenden Jahre stets bewährt, doch diesmal konnten die Krallen das dünne Stämmchen einfach nicht fassen. Die Fichte wankte, und kippte um. Das müsste ich jetzt fünf Mal schreiben.

Bei einer dieser Gelegenheiten bemerkte ich: Der Baum konnte gar nicht gerade stehen, er war schlicht krumm gewachsen. Was ich bei dieser Feststellung dachte, ist nicht jugendfrei. Aber dass ich der Verzweiflung nah war und sogar überlegte, einen anderen auf dem freien Markt zu erwerben, sei zugegeben. Dann zog ich blindlings einen Stuhl heran. Laut zerbrach der Übertopf des Blumenstocks, den ich dabei vom Regal riss, auf dem Boden hinter meinem Rücken. Der Baum stand jetzt, gestützt vom Stuhl und gehalten von einem Strick, den ich um den Stamm gewunden hatte. Aber wie nun weiter? Da fiel mir ein, dass ich zwar nicht über großartige handwerkliche Fertigkeiten verfüge, aber immerhin einen Hammer bedienen kann. Und ich nagelte diese gemeine Fichte mit der Krone an die Dachschräge.

Zunächst wollte ich bis zum nächsten Morgen warten, ob der Nagel den Baum hält - aber meine Geduld hielt nicht. Ich putzte das Ding an und machte aus einem hässlichen Entlein eine weihnachtliche Schönheit. Genau, auch dieser Baum hatte es verdient, im Glanz der (echten!) Kerzen zu strahlen.