Die heiße Liebe zur Musik

Menschen Nicht nur sonntags am Musizieren: Kantorin Christiane Sander - Eine Reportage von Ellen Schulze

Die Bauarbeiten zur Sanierung der Orgel sind in vollem Gange. Bis Dezember sollen sie abgeschlossen sein. Foto: Ellen Schulze

Mittweida.Musik begegnet uns tagtäglich. Wir hören sie im Radio, im Fernsehen oder in unserer Wohnung, wenn der Nachbar die Boxen wieder mal zu laut aufgedreht hat. Aber es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben der Musik widmen. Nicht auf der Bühne oder in Clubs, sondern in der Kirche. Kantoren sind die Menschen, die für die Musik in den Gemeinden verantwortlich sind. Es sind Kirchenmusiker wie Christiane Sander, in denen das heiße Feuer der Leidenschaft für die Musik brennt.

Sie muss die Heizung noch andrehen, das darf sie nicht vergessen. Sonst hat es der Chor heute Abend kalt. Auch Anfang Mai muss noch geheizt werden, es wird sonst einfach nicht warm in der Kirche. Für Christiane Sander gibt es viel zu tun, auch wenn die Orgel der Stadtkirche gerade saniert wird. Sie ist die Kantorin in Mittweida, viele Leute hören sie im Gottesdienst an der Königin der Instrumente, der größten Orgel Mittelsachsens. Aber was macht ein Kantor eigentlich, wenn es nicht Sonntag ist?

Die Antwort kommt in Form eines Kinderschwarms in den Gemeindesaal gestürmt. Hier ist es im Gegensatz zur Kirche warm. Ein Stuhlkreis ist aufgebaut, das Klavier wartet auf seinen Einsatz. Es sind drei Jungen, sechs Mädchen, eine bunte Mischung vom Vorschulalter bis zur 3. Klasse. Die Zeiger der Uhr stehen auf halb vier, damit ist es wie jeden Mittwoch Zeit für die Kurrende. Die Kinder singen gemeinsam, lernen unter Christianes Anleitung neue Lieder, die sie dann auch im Gottesdienst vortragen können. Sie sind voller Energie und nicht allzu leicht zu bändigen. Aber sobald Christiane beginnt, einige Akkorde auf dem Klavier zu spielen, wird es ruhiger und die Kinder beginnen zu singen. In den Liedern sind viele Bewegungen eingebaut, damit die jungen Sänger nicht die ganze Zeit still sitzen müssen. Eine Stunde ist für die Kurrende angesetzt. Sie vergeht wie im Flug. Nach der Kurrende hat Christiane heute noch den Flötenkreis und den Chor auf dem Plan stehen. Da kann der Arbeitstag schon einmal bis 21:30 Uhr dauern.

Keine Langeweile für Kantoren

In der Kantorei ist für Christiane Sander immer viel zu tun. Sei es die Kurrende, Proben mit einem der Chöre oder eben die simple Aufgabe, die Heizung aufzudrehen. "In dem Beruf geschieht viel unsichtbare Arbeit", erklärt sie. Zu dem Job eines Kantors zählt eben doch mehr als nur der Gottesdienst. Vor allem viel Organisation. Bei Konzerten gilt es, die Künstler und deren Proben zu koordinieren. Auch Noten und Material müssen vorbereitet werden und zuletzt muss Christiane Vertretungen finden, wenn sie selbst einmal bei Konzerten außerhalb der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde mitwirkt. "Das ist ähnlich, wie wenn ein Lehrer seine Stunden vorbereitet. Nur ohne Korrektur", sagt sie schmunzelnd. Zum Proben gehören natürlich auch Auftritte. Wenn viele Leute aus den Chören dann absagen, muss Christiane Alternativen suchen. Langweilig findet sie ihren Beruf nicht. Nur ermüdend manchmal, wenn die Zahl der Sänger nicht zum Singen reicht und sie umdisponieren muss. Dann ist sie von den Ehrenamtlichen abhängig, denn zwingen kann sie und will sie natürlich niemanden. Ein Kollege von ihr, sagt sie, hat das einmal sarkastisch, aber treffend auf den Punkt gebracht: "Wir müssen Stroh zu Gold spinnen."

Herausforderungen können auch ganz plötzlich und unerwartet auftauchen. Vor kurzem erst musste Christiane improvisieren, als bei einer Beerdigung die Orgel ausfiel. Mitten im Gottesdienst musste sie mit Spielen aufhören. Ein kurzer Schock für die Kantorin. Ein Ton der Orgel war die ganze Zeit zu hören, man nennt das einen Heuler. "Ich musste dann weiter singen. Und zum Auszug habe ich ein leises Register (sind die verschiedenen Klangfarben der Orgel, Anm. d. Autors) genommen, damit wenigstens noch einmal die Orgel erklingt", erinnert sie sich und gibt zu, dass die Orgel in der Friedhofskapelle auch schon etwas altersschwach ist. Die Orgel ist das Instrument für einen Kantor. Aber wenn sich Christiane entscheiden müsste, was das schönste an ihrem Beruf ist, schlägt ihr Herzblut für das Klavier. "Wenn ich am Instrument sitze, bin ich hundertprozentig auf mich allein angewiesen. Was da rauskommt, ist einzig und allein meine Sache. Ob es gut ist, ob ich genug geübt habe", sagt die Mittweidaer Kantorin, "Das Klavier ist meine heiße Liebe, schon seit der Schulzeit und dem Klavierunterricht."

Ein Leben voller Musik

Dass Christiane Musik studieren wollte, war schon früh klar. In der 10. Klasse fing sie an, Orgelunterricht zu nehmen, mit dem Ziel, Kantorin zu werden. Ihre Lehrerin in der Musikschule riet ihr damals jedoch von einem Klavierstudium ab. Es sei zu schwer, einen Studienplatz und einen Fuß in die Tür zu bekommen. Aber Christiane hat es geschafft. Sie studierte in Halle an der Saale an einer kleinen Hochschule mit gerade mal 60 Studenten, machte nach 6 ½ Jahren ihren Abschluss als Kantorin und begann ihre erste Stelle in Burgstädt. Aber als Kantorin bleibt sie nicht ihr Leben lang an einem Ort. Ein Stellenwechsel ist oft mit einem Ortswechsel verbunden. Nach Burgstädt und Chemnitz kam die Kirchenmusikerin 2010 nach Mittweida. Wenn man die gewohnte Umgebung verlässt, ist das immer eine Umstellung. Viel Zeit zum Nachdenken blieb jedoch nicht. "Ich kam am 2. November mit dem Umzugswagen in Mittweida an und hatte am 3. November schon die erste Chorprobe", erinnert sich Christiane, "Da standen noch 80 Kisten in meiner Wohnung, aber es ging Schlag auf Schlag."

Auch heute noch ist der Beruf für sie spannend. Jeder Tag ist anders, keine Woche wie die vorige. Die Kurrendekinder wird Christiane aber auch nächste Woche wiedersehen. Für heute ist aber erst mal Schluss. Die Kleinen verlassen den Raum so schnell wie ein Wirbelwind. Auch die Kantorin muss jetzt los. Schließlich muss sie in der Kirche immer noch die Heizung andrehen.