Endlich bin ich auch mal an der Reihe

Durchblick

Endlich darf ich ich sein. Und das per oberstem Wille der Europäischen Kommission. Ich mein, so ein paar kleine Aufträge nebenher, die hatte ich immer. Mal was für die Krankenkasse: Ob jemand tatsächlich krank ist oder nur blau feiert? Oder für das Jobcenter: Ob einer der Hartzer schwarz hinzuverdient? Aber es war eben immer halblegal. Und richtig leben konnte ich davon auch nicht. Doch seit letzter Woche drückt die EU ihren Subventionsschwamm mal an der Stelle aus, unter der ich stehe. Auf das sich warmer Geldregen über mich ergieße.

Und Anerkennung, endlich darf ich auf Anerkennung meiner Profession hoffen. Mein Handwerk hat eine lange Familientradition. Bereits Urgroßvater versorgte den Kaiser mit Informationen. Der Adolf, der Walter und der Erich, alle haben sie von unserer Familie profitiert. Aber als ich dann an der Reihe war, galten informelle Mitarbeiter plötzlich als Spitzel. Welch hässliches Wort! Über zwanzig Jahre hat es gedauert, bis die EU den Wert von Informanten begriff. Auch wenn es nur um Wirtschaftskriminalität geht. Aber es ist ein Anfang. Der sich sicher später ausweiten lässt. Also, ich suche jetzt einen Job in einem möglichst großen Unternehmen. Da, wo ausreichend Potenzial vorhanden ist. Entlohnung spielt keine Rolle, ich habe ja die Nebeneinnahmen. Hauptsache, ich komme an Informationen.

Wobei ich sicher einiges lernen muss. Allein das Abfassen der englischen Berichte ist eine Herausforderung. Da sollte ich Grammatik und Betriebswirtschaftslehre schon gut beherrschen, um möglichst detailliert zu beschreiben, wie mein Arbeitgeber Steuern hinterzieht oder Wettbewerbsabsprachen trifft. Auch die Frage der Sozialversicherung ist zu klären. Muss ich auf meine Prämien Krankenversicherungsbeiträge entrichten? Sind die Prämien zu versteuern? Und gibt es so etwas wie eine Diensthaftpflicht? Doch das sind Nebenfragen. Wichtig ist, dass es wieder los geht. Und ich endlich der sein darf, der ich schon immer sein mochte.