Er kümmert sich um ein Grab mit Geschichte

Pflege Senior Wolfgang Günzel pflegt Soldatengrab von 1945

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Foto: Andrea Funke

Chursdorf. Ein älterer Mann steht an einer Lichtung im Chursdorfer Wald. Er hält ein Gesteck mit Tannenzweigen und weißen Blumen in der Hand. Dann legt er es behutsam auf dem Boden vor ein hölzernes Kreuz ab. Er ist ganz in Gedanken versunken, zupft am Immergrün, das das ganze Grab bedeckt. Es ist Wolfgang Günzel aus Mühlau, der 86-Jährige kümmert sich seit 2006 um das Grab eines unbekannten Soldaten. Der passionierte Schnitzer fertigte damals ein neues hölzernes Kreuz an und brannte die Zahlen 1939 und 1945 ein sowie den Schriftzug "Nie wieder Krieg". "Ich bin auf das Grab bei meinen Spaziergängen aufmerksam geworden. Es war einfach gestaltet mit einem Holzkreuz. Ich brachte in Erfahrung wer es pflegt", berichtet der Mühlauer.

Eine persönliche Verbindung

Wolfgang Günzel setzte sich damals mit dem Wittgensdorfer Heinz Lindner in Verbindung, der die Grabstelle seit 1945 pflegte und bot dem 90-Jährigen an sich künftig darum zu kümmern. "Ich denke dabei an meinen Vater, der bei Stalingrad seit 1943 vermisst wird. Er war erst 32 Jahre alt. Ich wuchs als Halbwaise auf. Ich pflege das Grab in Gedenken an ihm und hoffe, dass er in der Fremde auch eine würdige Ruhestätte bekommen hat", sagt er mit leiser Stimme. Bei dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge holte er sich dafür die Genehmigung ein. Jedes Frühjahr bepflanzt er die Grabstelle, säubert sie und hält sie in Ordnung. Zum Totensonntag legt er ein Gebinde nieder.

Ehrentafel für das Grab mit Geschichte

Die Grabstätte wurde inzwischen mit einer Ehrentafel versehen. Ab und zu findet er Gestecke und Blumen, traf aber noch nie jemanden dabei an. Er freute sich über die Recherchen von Heimatfreund Roland Albrecht aus Penig, der etwas über den Soldaten in Erfahrung brachte. Es soll sich dabei um einen noch nicht Zwanzigjährigen deutschen Gefreiten gehandelt haben. Es war im April 1945 als die Amerikaner Chursdorf erreichten und sich in der Schule einquartierten. Auf dem Friedhof war das frische Grab des Soldaten, den Einwohner kurz zuvor im Wald gefunden hatten. Der Amerikaner ließ das Grab wieder öffnen und den Leichnam untersuchen. Dabei kam auch die Kennmarke zum Vorschein, die der amerikanische Offizier aber leider nicht zur Identifizierung weitergab, so dass kein Name ermittelt werden konnte.

Der Leichnam wurde mit einem Pferdekutschwagen nach Penig auf den Friedhof transportiert, dort weigerte sich der Pfarrer den Toten zu beerdigen und veranlasste ihn wieder nach Chursdorf zu bringen, an die Fundstelle im Wald. So erfolgte schließlich dort eine feierliche Beisetzung. Die Grabstelle im Wald ist ein Ort des stillen Gedenkens an die vielen unsinnigen Opfer des 2. Weltkrieges.