Kläger über NSU-Prozess: eine Endlos-Pannenserie

Hochschule Anwalt gibt in Mittweida Einblick in seine Arbeit

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"Einige Morde des NSU hätten verhindert werden können" - Der Münchner Anwalt Yavuz Narim (Bildmitte) sprach am Mittwochabend in Mittweida über den NSU-Prozess. Foto: Dennis Heldt.

Mittweida. Als der Anwalt Yavuz Narim im Frühjahr 2011 den Fall des im Münchner Westend erschossenen Griechen Theodoros Boulgarides übernahm, konnte er noch nicht erahnen, dass er wenig später Teil des bislang größten Strafgerichtsprozesses in der Geschichte der Bundesrepublik werden sollte. Seit beinahe vier Jahren laufen die Verhandlungen im NSU-Prozess (Nationalsozialistischer Untergrund) vor dem Oberlandesgericht in München. Mehr als 330 Verhandlungstage sind seither verstrichen, zahlreiche Ermittlungsfehler und Ungereimtheiten durch die Medien gegangen.

Yavuz Narim gab am Mittwochabend Einblicke in seine Arbeit als Nebenkläger der Witwe des Ermordeten im NSU-Prozess. "Wenn ich ausführlicher über die Pannen sprechen müsste, würden wir bis in die Nacht hier sitzen", sagte der Anwalt aus München zum überwiegend studentischen Publikum an der Hochschule in Mittweida. Organisiert haben den Abendvortrag die beiden Professoren Christian Hummert und Dirk Labbude. Seit etwas mehr als zwei Jahren bilden sie in Mittweida digitale Forensiker aus, einen bundesweit einzigartigen Studiengang. "Wir wollten den Studenten einen interessanten Fall aus der Praxis präsentieren. Was würde sich da besser anbieten als der NSU?", sagte Christian Hummert. Yavuz Narim referierte 90 Minuten über fehlerhafte, blinde Ermittlungen, fragwürdige Polizeiarbeit und Probleme mit dem Verfassungsschutz: "Die Ermittler gingen von Anfang an von einer türkischen Mafiabande aus, alle anderen Optionen wurden ausgeblendet, auch der von Personen aus dem Milieu vermutete Verdacht auf Rechtsterrorismus. Einen solchen gebe es in Deutschland nicht, so die Polizei damals", führte Narim in seinem Vortrag aus. Dem Anwalt zufolge wäre man mit einer besseren Ausstattung und mit besser ausgebildeten Sachverständigen dem NSU viel früher auf die Schliche gekommen.

"Wenn ich etwas jünger wäre, ich würde mich hier in Mittweida einschreiben. Die Ausbildung ist Gold wert, in der Praxis fehlen uns solche Leute, gerade im NSU-Prozess", sagte Narim. Auch deshalb sei er nach Mittweida gekommen, um die Studenten zu ermutigen, dranzubleiben und alles kritisch zu hinterfragen. Gegen April wird ein Urteil im NSU-Prozess erwartet. Die nach dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verbliebene Beate Zschäpe muss sich wegen Mittäterschaft an zehn Morden, drei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen verantworten.