Mit Fahrschulauto und 200 PS: Blinde und Sehbehinderte Menschen testen Fahrgefühl in Chemnitz

Ein Projekt der Villa Rochsburg und einer Chemnitzer Fahrschule ermöglicht blinden und sehbehinderten Menschen etwas, das sonst unmöglich scheint: selbst Auto fahren. Für mich als Redakteurin – und Tochter – ein bewegender Moment.

Rochlitz Chemnitz

Blind sein und Auto fahren - das klingt zunächst wie ein Widerspruch.

Und doch sitzt mein blinder Bonuspapa Wolfgang genau in diesem Moment hinter einem Lenkrad. In einem Mercedes-Elektro-Fahrschulauto mit rund 200 PS. Neben ihm Fahrlehrer Andreas Karl. Meine Mutter und ich sitzen auf der Rückbank.

Der Motor ist kaum zu hören. Aber man spürt die Kraft des Autos.

Bevor es losgeht, interessiert Wolfgang vor allem eines: die Technik. Wie weit kommt das E-Auto eigentlich? Wie lange halten die Batterien? Fahrlehrer Karl beantwortet die Fragen geduldig.

Wolfgang interessiert sich nicht nur für die Fahrt selbst - sondern für das Fahrzeug dahinter.

Dann geht es los. (Hier ein Video dazu)

 

200 PS und ein kurzer Adrenalinkick

Auf Anweisung gibt Wolfgang Gas.

Das Auto zieht sofort an. Die 200 PS sind deutlich spürbar. Für einen Moment fühlt es sich schneller an, als man erwartet hätte. Der Zaun des Verkehrsübungsplatzes scheint plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt.

Fahrlehrer Adreas Karl reagiert ruhig und tritt kontrolliert auf die Bremse.

Genau so war es geplant - und trotzdem ist der Moment voller Adrenalin.

Im Auto wird kurz gelacht. Die Anspannung löst sich.

Danach fährt Wolfgang ruhig weiter über den Platz.

Danach sitzt meine Mutter am Steuer

Als Nächste ist meine Mutter Martina dran.

Man merkt ihr die Mischung aus Aufregung, Vorfreude und Dankbarkeit an. Dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die so etwas möglich machen.

Meine Mutter ist sehbehindert, kann aber noch Kontraste erkennen - etwa Linien oder den Zaun des Verkehrsübungsplatzes..

Dann fährt sie los.

Sanft. Vorsichtig. Mit viel Gefühl.

Während ich auf der Rückbank sitze, denke ich: Wenn sie sehen könnte, wäre sie wahrscheinlich eine sehr einfühlsame Autofahrerin.

Wie fühlt es sich an, ein Auto zu steuern - ohne zu sehen?

Während das Auto über den Platz rollt, stelle ich mir vor, wie sich dieser Moment anfühlen muss.

Ein Fahrzeug mit 200 PS bewegen - und dabei nichts sehen. Oder nur einen Bruchteil.

Man verlässt sich komplett auf die Stimme des Fahrlehrers. Auf Geräusche. Auf das Gefühl für das Auto.

Jede Bewegung wirkt bewusst. Jeder Meter besonders.

 

Ein Projekt, das solche Momente möglich macht

Vom 16. bis 18. März findet auf dem Verkehrsübungsplatz in Chemnitz das Angebot "Blind sein und dennoch selbst Auto fahren" statt.

Organisiert wird es von der Villa Rochsburg und dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen e.V. Vier Fahrzeuge stehen heute dafür bereit. Teilnehmer dürfen selbst ans Steuer - begleitet von erfahrenen Fahrlehrern.

Unterstützt wird das Projekt von der Fahrschule Orgis, die Fahrzeuge und Fahrlehrer stellt.

Einer von ihnen ist Andreas Karl, der seit 1998 Fahrlehrer ist und mit viel Ruhe, Geduld und Einfühlungsvermögen jeden Teilnehmer begleitet.

Menschen, die sich mitfreuen

Am Rand des Platzes steht Jens Ruhnow, seit sechs Jahren Platzwart des Verkehrsübungsplatzes. Für ihn ist es bereits das dritte Mal, dass dieses Projekt hier stattfindet.

Er erinnert sich noch gut an einen Teilnehmer aus dem vergangenen Jahr, der sogar vor Freude laut jubelte.

"Das vergisst man nicht", sagt er.

Auch heute sieht man immer wieder diese Momente.

Engagement der Villa Rochsburg

Hinter der Idee steht die Villa Rochsburg, die Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen organisiert.

Auch Leiterin Peggy Kiolbassa ist an diesem Tag vor Ort. Während wir miteinander sprechen, schaut sie immer wieder zu den Autos hinüber.

Man merkt: Sie freut sich mit jedem Teilnehmer.

Solche Projekte entstehen nur, weil Menschen sich engagieren und daran glauben, dass besondere Erlebnisse möglich gemacht werden können.

Für mich mehr als nur eine Reportage

Für mich ist dieser Tag nicht nur eine Geschichte.

Meine Mutter kam 1952 als Frühgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt. Schon früh gab es Probleme mit ihren Augen. Durch Komplikationen im Brutkasten verschlechterte sich ihr Sehvermögen stark. Mit vier Jahren musste ihr wegen eines Tumors ein Auge entfernt werden.

Mein Bonuspapa Wolfgang konnte zunächst normal sehen. Doch eine genetische Erkrankung ließ sein Augenlicht immer weiter nach. Im Jugendalter erlosch es schließlich vollständig.

Heute sitzen beide hinter einem Lenkrad.

Ich begleite diesen Moment - als Redakteurin, aber vor allem als Tochter.

Dankbarkeit für diesen Tag

Während ich auf dem Verkehrsübungsplatz stehe, wird mir bewusst, wie viele Menschen zusammenarbeiten, damit so ein Erlebnis möglich wird.

Die Villa Rochsburg, die Fahrschule Orgis, die Fahrlehrer, die Helfer auf dem Platz.

Sie ermöglichen Momente, die sonst nie passieren würden.

Als Redakteurin schreibe ich darüber. Als Tochter bleibt vor allem ein Gefühl:

Dankbarkeit.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich