Sechs Monate Leben: Lucas und die Nacht, in der Fremde zu seinem sicheren Ort wurden

Immer mehr Kinder brauchen Schutz – trotz sinkender Geburtenzahlen. Ein Bericht aus der Sicht eines Kindes und über die Menschen, die in ihrer schwersten Stunde zur Stelle sind.

Mittelsachsen

Ich heiße Lucas. Ich kann noch nicht sprechen – aber ich spüre, wenn ich sicher bin. Als ich vor kurzem zu Jana und Heiko gekommen bin, war ich sechs Monate alt. Hier fühlt es sich ruhig an. Warm. Beständig. Stimmen kommen und gehen, immer freundlich. Eine weiche Decke liegt bereit, ein Becher steht auf dem Tisch, ein Licht bleibt an, auch wenn es draußen längst dunkel ist.

Wenn Zuhause plötzlich kein Schutz mehr ist

In Mittelsachsen passiert es immer häufiger: Kinder können nicht mehr dort bleiben, wo sie geboren wurden. Manchmal, weil Erwachsene überfordert sind. Manchmal, weil es gefährlich wird.

Im vergangenen Jahr wurden über 3000 mögliche Kindeswohlgefährdungen gemeldet. Bei 107 Kindern war die Lage so ernst, dass sie sofort in Obhut genommen werden mussten.

Das sind Zahlen. Aber hinter jeder Zahl steht ein Kind. So wie ich. Ausgeliefert. Schutzlos. Auf Hilfe angewiesen, um überleben zu können...

Ein Zuhause auf Zeit – in der schwersten Stunde

Jana und Heiko wussten nicht, dass ich komme. Niemand kündigt ein Baby an, das dringend Schutz braucht. Das Telefon klingelt – manchmal mitten in der Nacht – und dann muss es schnell gehen. Sie sagen Ja. Ohne zu wissen, wie lange ich bleiben werde.

Ich bin ihr 20. Pflegekind...

Sie sind Bereitschaftspflegeeltern. Das bedeutet: Sie fangen Kinder auf, wenn alles andere wegbricht. Sie geben Sicherheit, wenn nichts mehr sicher ist. Und sie lassen wieder los, wenn der nächste Schritt gefunden ist.

Warum es immer mehr Kinder wie mich gibt

Eigentlich werden weniger Kinder geboren. Und doch brauchen immer mehr Schutz. Warum das so ist, lässt sich nur vermuten. Vielleicht schauen Menschen heute genauer hin. Vielleicht melden sie eher, wenn etwas nicht stimmt.

Sicher ist: Die Zahl der Kinder in Bereitschaftspflege wächst – und auch die Zeit, die sie dort verbringen.

Vor zehn Jahren lebten 28 Kinder insgesamt 2263 Tage in solchen Familien. Heute sind es 53 Kinder mit rund 6800 Betreuungstagen im Jahr.

Die Familien, die helfen, sind fast immer ausgelastet.

Was es bedeutet, da zu sein – Tag und Nacht

Jana hat für diese Aufgabe viel verändert. 35 Jahre lang arbeitete sie als Chemielaborantin. Dann entschied sie sich, aufzuhören, um auch Säuglinge aufnehmen zu können – Kinder wie mich. Bereut hat sie das nie.

Hier gibt es einen festen Rhythmus. Arme, die tragen. Hände, die trösten. Einen Platz, an dem ich schlafen darf, ohne Angst. Ich lerne schnell. Nähe. Stimmen. Lächeln. Und Jana und Heiko wissen: Diese Beziehung wächst – auch wenn sie wissen, dass sie irgendwann wieder loslassen müssen.

Abschied gehört dazu

Manche Kinder bleiben nur wenige Wochen. Andere Monate. Ein Kind war sogar anderthalb Jahre hier. Die Abschiede sind schwer. Für die Kinder. Und für die Erwachsenen.

„Von jedem Kind bleibt etwas“, sagt Heiko. Vielleicht ist es ein Blick. Ein Lächeln. Oder einfach das Wissen, da gewesen zu sein, als es am wichtigsten war.

Was ihr mitbringen solltet, wenn ihr helfen möchtet

Bereitschaftspflege braucht keine perfekten Menschen. Sie braucht Zeit, Stabilität und ein offenes Herz. Gesundheit, ausreichend Wohnraum und sichere Lebensverhältnisse sind wichtig. Und vor allem: die Bereitschaft, da zu sein, wenn ein Kind euch braucht – manchmal ganz plötzlich.

Voraussetzung ist außerdem, dass keine einschlägigen Vorstrafen vorliegen. Bei Bereitschaftspflege sollte mindestens eine Person keiner geregelten Arbeit nachgehen – weil Hilfe oft sofort gebraucht wird, auch mitten in der Nacht.

Die meisten Bereitschaftspflegeeltern sind über 50 Jahre alt. Manche begleiten Kinder noch weit über das Rentenalter hinaus. Für Kinder wie mich zählt nicht euer Alter. Es zählt, dass jemand da ist.

„Solange wir können, machen wir weiter.“

Jana und Heiko Moßig haben sich kein Ende gesetzt. Sie machen weiter, solange sie gebraucht werden. Solange Kinder wie ich einen Ort brauchen, an dem sie sicher schlafen dürfen.

Vielleicht nur für eine Nacht. Vielleicht für Monate. Aber genau dann.

Möchtet ihr mehr erfahren?

Das Jugendamt Mittelsachsen sucht fortlaufend Familien, Paare oder Einzelpersonen, die sich vorstellen können, ein Pflegekind aufzunehmen – in der Bereitschafts- oder Dauerpflege.

Infoabende:

  • 5. Februar, Landratsamt Mittweida, 17 Uhr, Zimmer 503
  • 21. April, Landratsamt Döbeln, 17 Uhr, Zimmer 304
  • 11. Juni, Landratsamt Freiberg, 17 Uhr, Zimmer 003
  • Pflegekinderdienst: 03731 799-6497 oder -6290
  • Mehr Infos unter [email protected]

Immer da, wenn es zählt

„Unsere Familien, die Bereitschaftspflege anbieten, sind immer ausgelastet.“ Das sagt Andreas Köhler, Leiter des Referats Besondere Soziale Dienste im Landratsamt. Und doch sind es immer wieder Menschen wie Jana und Heiko Moßig, die genau dann bereitstehen, wenn Hilfe am dringendsten gebraucht wird.

Ein Schritt in eine neue Zukunft

Etwa ein Drittel der Kinder, die in Bereitschaftspflege aufgenommen werden, kommt später in eine Dauerpflegefamilie. In dieser Zeit sichert das Jugendamt den Lebensunterhalt des Kindes ab. Für den erzieherischen Einsatz erhalten Pflegeeltern zusätzlich eine monatliche Anerkennung.

Solange das Herz und die Gesundheit reicht

Jana und Heiko Moßig sind heute 55 und 61 Jahre alt. Sie sagen, sie machen weiter – solange es geht. Und jedes Kind, das bei ihnen ankommt, bekommt nicht nur ein Bett und eine Mahlzeit. Sondern einen echten Anfang.

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