Sensationssieg von Helga Steudel auf dem Sachsenring heute vor 60 Jahren

Die „Rennamazone aus dem Vogtland“ gewann vor den Augen der Weltöffentlichkeit

Sachsenring

Die Erinnerungen an den Motorrad Grand Prix von Deutschland 2025 auf dem Sachsenring sowie an den klassenübergreifend zwölften Sachsenring-Sieg von Marc Marquez sind noch frisch, da möchten wir an einen geschichtsträchtigen Tag heute vor 60 Jahren erinnern. Seit dem 17. Juli 1965 nimmt Helga Steudel (verheiratet Heinrich) einen besonderen Platz in der Sachsenring-Historie ein.

Die „Rennamazone aus dem Vogtland“ war eine der ganz wenigen Frauen, die sich erfolgreich im Motorradsport versuchten und doch wegen der früher die Frauen diskriminierenden FIM-Regularien nie zeigen durfte, was sie im Vergleich zu Männern wirklich zu leisten im Stande war. Wenngleich man somit über ihr tatsächliches Leistungspotenzial nur mutmaßen konnte, hatte sie viele beachtliche Erfolge gegen die Herren der Schöpfung erzielt und heute vor genau 60 Jahren jenen ganz besonderen Moment, der ihr und zahlreichen Fans bis heute noch in bester Erinnerung ist.

Geschichtsträchtiger 17. Juli 1965

Man schrieb also das Jahr 1965. Die am 4. Mai 1939 geborene Helga Steudel, wie sie unter ihrem damaligen Mädchennamen hieß, hatte 1959 ihre Rennfahrerkarriere mit einer 350er-Jawa in der Serienklasse begonnen und war bereits im darauffolgenden Jahr in die 125-ccm-Ausweisklasse des DDR-Rennsports ein- bzw. aufgestiegen. 1963 wurde sie DDR-Juniorenmeister(-in) sowie Gesamtvierte, sodass sie den sportlichen Nachweis erbracht hatte, in die Lizenzklasse aufsteigen zu dürfen. Gemäß der FIM-Statuten blieb ihr dies allerdings verwehrt.

1965 rückte die 125-ccm-Ausweisklasse mit einem „Sonderlauf der Junioren“ erstmals ins (Rahmen-)Programm des Motorrad-WM-Laufes „Großer Preis der DDR“ auf dem Sachsenring. Nach den Trainings eröffnete am Samstag, dem 17. Juli, die Klasse bis 350 ccm den Rennreigen. Nach den Ausfällen der Favoriten Mike Hailwood und Giacomo Agostini gewann Jim Redman auf Honda vorm MZ-Werksfahrer Derek Woodman und dem Tschechen Gustav Havel auf Jawa.

Schon im Training eine Klasse für sich

Danach waren die DDR-Junioren inkl. der einen besagten Juniorin an der Reihe. Im Training war die mittlerweile 25-jährige Helga Steudel auf trockener Bahn die mit Abstand schnellste Trainingszeit, 6,3 sec. schneller als die des Zweitplatzierten Thomas Heuschkel, gefahren. Mit 3:56,3 min blieb sie als Einzige unter vier Minuten und hätte damit selbst im 125er-WM-Feld im hinteren Mittelfeld Aufstellung genommen. Und das mit der für Ausweis-Rennen unverkleideten MZ-RE 125!

Helgas Start ins Regenrennen war wegen eines tropfenden Vergasers allerdings eher suboptimal. Ein weiteres Problem bestand in ihrer beschlagenen Rennbrille. Dennoch überholte sie zügig einen Konkurrenten nach dem anderen. „Die Sicht war so schlecht, dass ich keine Boxenzeichen gesehen habe. Ich hatte zu tun, mich zwischen den beiden weißen Linien zu halten und dabei möglichst flott und gleichmäßig zu fahren“, erinnerte sie sich noch vor wenigen Jahren an ihren großen Tag.

Und weiter: „Nachdem ich einige Fahrer überholt hatte, glaubte ich, dass ich nun wohl ganz gut liegen müsste. Da immer wieder ein Fahrer vor mir auftauchte, dachte ich, wenn ich den noch kriege, könnte vielleicht sogar noch ein Podestplatz herauskommen. Schließlich wurde das Rennen abgewinkt und ich wurde von allen Seiten beglückwünscht. Ich selbst war mit meiner Leistung auch zufrieden, haderte aber noch mit dem Start. Erst ein paar Augenblicke später registrierte ich, dass ich gewonnen hatte, was ich erst gar nicht so recht glauben wollte.“

Sieg auf den letzten Metern

Tatsächlich hatte Helga Steudel im von geplanten sechs auf fünf Runden verkürzten Rennen auf den letzten Metern noch den bis dahin führenden Klaus Langfritz überholt und das Rennen mit dem hauchdünnen Vorsprung von 0,7 Sekunden gewonnen. Der Drittplatzierte Bernd Malsch hatte derweil schon fast eine Minute Rückstand.

Die Freude über Helgas besonderen Sieg war riesengroß. Jeder wollte sie beglückwünschen oder ihr auf die Schulter klopfen. Einer der ersten Gratulanten war Mike Hailwood, der ihr spontan seine persönliche Weltrangliste kundtat: „Best drivers of the world: first Helga Steudel, second Agostini and third Hailwood.“ Helga war gerührt und bezeichnete diesen Sieg stets als den schönsten ihrer Karriere. „Einmal auf dem Sachsenring zu gewinnen, ist der Höhepunkt eines jeden Rennfahrers.“

Nach zwei Rädern auch auf vier Rädern erfolgreich

Nachdem sie sich vier Mal den Vizetitel der DDR-Juniorenmeisterschaft gesichert hatte und doch nicht in die Lizenzklasse aufsteigen durfte, hängte sie Ende 1967 den Helm frustriert an den berühmten Nagl. Nach ihrer Heirat mit Dieter Heinrich und dem Begehren von Heinz Melkus, einen seiner neuen RS 1000 zu fahren, feierte sie 1970 ihr Comeback, nun allerdings im Automobilrennsport der DDR.

Über die Spider-Klasse kam sie schließlich in den Formelrennsport, wo sie auf Grund ihrer Erfolge endlich auch die internationale Lizenz erhielt. 1980 war sie dann in der Rennwagenklasse B8, der Formel 1 des Ostblocks, angekommen, doch da nach vielen Erfolgen bei Bergrennen und in der sogenannten LK II, auch wegen ein paar Ungereimtheiten mit der Technik, die erhofften Spitzenresultate ausblieben und sie feststellen musste, dass sie entgegen der Absprachen materialmäßig nicht gleichbehandelt wurde, kehrte sie dem aktiven Rennsport Ende 1983 endgültig den Rücken.

Untätig war sie danach aber nicht, denn neben Ski fahren und surfen bis ins hohe Alter, war sie noch viele Jahre bei Klassik-Veranstaltungen immer wieder ein gern gesehener Gast. Über ihr bewegtes und bewegendes Leben erschien 2007 ein Buch mit dem Titel „Helga Heinrich-Steudel – die Rennamazone aus dem Vogtland“, welches längst vergriffen ist und nicht noch einmal neu aufgelegt wurde.

Heutzutage lebt Helga zurückgezogen in einem Altersheim im Vogtland.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich