Wenn ein Tag ein Leben verändert

Lesung Thomas Raufeisen schildert ein deutsch-deutsches Schicksal

Limbach-Oberfrohna. Der 22. Januar 1979 begann für Thomas Raufeisen als ganz normaler Tag: Er ging zur Schule und als er nachmittags heimkehrte, erwartete er das Mittagessen auf dem Tisch. Doch dazu kam es nicht. Der damals 16-Jährige Hannoveraner musste mit seinen Eltern Hals über Kopf an die Ostsee reisen, weil sein dort lebender Großvater angeblich schwer erkrankt war. Was Thomas Raufeisem zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Er würde nicht mehr zu seiner Heimat Hannover zurückkehren können.

Der Berliner Autor stellte letzte Woche in der Stadtkirche sein Buch "Der Tag, an dem uns Vater sagte, dass er ein DDR-Spion sei" vor. Aufgewachsen in Westdeutschland, gegen seinen Willen in die DDR verschleppt und schließlich von der Stasi inhaftiert, schilderte er sein tragisches Schicksal anhand von Auszügen aus seiner Biographie und bewegenden Originalberichten. "Ich frage mich manchmal, warum ich nicht freigekauft wurde, warum da nichts ging. Ich hatte ja nichts Besonderes an mir. Außer den Vater", sagt Thomas Raufeisen. Die Besucher der Stadtkirche waren interessiert an der DDR-Vergangenheit des Schriftstellers und stellten während der Lesung viele Fragen. Ob Thomas Raufeisen nach vier Jahren Gefängnis in der DDR und insgesamt fünf Jahren Abwesenheit von seiner damaligen Heimat heute mit seinem Vater Frieden geschlossen habe, interessierte eine Bürgerin. "Jetzt wo, ich selbst Vater bin, muss ich sagen, dass es unverzeihlich ist, was damals passierte", antwortete der Autor.