Die Ausgangslage ist angespannt, das Thema emotional. In der Gemeinde Erlau steht die mögliche Schließung der Kindertagesstätte im Ortsteil Schweikershain zur Diskussion. Doch bevor über Zahlen, Geburtenrückgänge und Haushaltszwänge gesprochen wird, sorgt ein anderes Detail für Irritationen:
Die Gemeindeverwaltung hatte im Vorfeld angekündigt, die Presse von einer Einwohnerversammlung auszuschließen, die am Mittwochabend im Ortsteil Crossen stattfand.
Einlass trotz Verbot
Dieses Verbot blieb nach Angaben des parteilosen Bürgermeisters Peter Ahnert formal bestehen, wurde vor Ort jedoch nicht umgesetzt. „BLICK.de“ wurde trotz vorheriger Ablehnung eingelassen. Ahnert erlaubte die Teilnahme mit dem Hinweis: „Das Verbot besteht weiterhin und wird auch so ins Protokoll aufgenommen.“ Film- und Fotoaufnahmen blieben jedoch untersagt.
Unklarheit bei Belegungszahlen
Unabhängig davon entwickelte sich die Versammlung selbst sachlich, wenn auch mit spürbarer Spannung. Im Mittelpunkt stand die Zukunft der Kita in Schweikershain. Unklarheit besteht unterdessen bei den tatsächlichen Belegungszahlen der Einrichtungen.
Ein Gemeinderat hat gegenüber „BLICK.de“ für die Kitas in Milkau eine Auslastung von 60 von 68 Plätzen, in Schweikershain von 19 von 44 Plätzen und in Erlau von 57 von 79 Plätzen angegeben. Die Elterninitiative hingegen geht nach eigenen Angaben von anderen Werten aus. Ihr zufolge sind in Milkau 40 von 68 Plätzen, in Schweikershain 19 von 28 Plätzen und in Erlau 41 von 79 Plätzen belegt. Diese Zahlen seien der Initiative mündlich mitgeteilt worden und stünden unter dem Vorbehalt ihrer Richtigkeit.
Versammlung mit spürbarer Spannung
Gemeinderat Markus Ahnert verwies auf einen deutlichen Rückgang der Einwohnerzahlen seit 1990 von etwa 3850 auf aktuell 3096. Parallel dazu seien die Geburtenzahlen stark gesunken – von 36 in den Jahren 2017/2018 auf nur noch 15 im Zeitraum 2025/2026.
Gleichzeitig seien die Kosten für die Kinderbetreuung erheblich gestiegen: von 1,02 Millionen Euro im Jahr 2012 auf inzwischen 2,12 Millionen Euro – eine Steigerung um 108 Prozent. Die Kommune trage rund die Hälfte der Betreuungskosten, was mehr als 4000 Euro pro Kind und Jahr entspreche.
„Niemandem hier macht das Freude“
Der Haushalt lasse sich zunehmend nur noch durch den Verzicht auf notwendige Investitionen ausgleichen. „Wir würden das Thema nicht anfassen, wenn uns nicht die Umstände dazu zwingen würden. Niemandem hier macht das Freude“, so Bürgermeister Ahnert.
Als möglicher Effekt einer Schließung wird eine Einsparung von mehr als 100.000 Euro pro Jahr genannt. Gleichzeitig müssten bei einer Aufgabe der Einrichtung anteilig Fördermittel in Höhe von rund 10.000 Euro aus einer Baumaßnahme von 2021 zurückgezahlt werden.
Elterninitiative mobilisiert Widerstand
Die Elterninitiative, die sich gegen die Schließung stellt, sieht die Situation deutlich anders. Rund 20 Mitglieder und Unterstützer engagieren sich derzeit für den Erhalt aller drei Einrichtungen. „Es geht uns nicht darum, eine Kita zu retten und dafür eine andere zu schließen“, macht Julia Polster deutlich.
Vielmehr gehe es um die langfristige Entwicklung der Gemeinde, um Bildungsangebote und um eine bessere Vorschulerziehung.
Mehr als 1.600 Menschen unterschrieben eine Petition
Mehr als 1600 Menschen haben nach Angaben der Initiative eine Petition unterschrieben, die während der Versammlung an den Bürgermeister übergeben wurde. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die geplante Schließung selbst, sondern auch gegen die Art und Weise des Umgangs mit dem Thema. Der zunächst angekündigte Ausschluss der Presse wurde von Beteiligten als „unterste Schublade“ bezeichnet. „Wovor hat man Angst?“, fragten Vertreter der Initiative.
Sorge um Attraktivität des Ortsteils
Auch inhaltlich widersprechen die Eltern der Argumentation der Verwaltung. Kurzfristig seien die Zahlen nachvollziehbar, langfristig jedoch sende eine Schließung ein falsches Signal. „Wenn die Attraktivität der Gemeinde steigt, steigt auch die Verwurzelung junger Menschen“, sagte eine Vertreterin. Dazu gehöre auch eine wohnortnahe Kita. Besonders deutlich wurde dies in persönlichen Beiträgen. Kati Heidenreich berichtete, dass sie selbst schon den Kindergarten in Schweikershain besucht habe. Ihre ältere Tochter geht dort bereits hin, die jüngere soll ab dem kommenden Jahr folgen.
Attraktivität geht verloren, wenn Kita schließt
Auch Andreas Neubert ist ein zugezogener Familienvater. Er schilderte, dass die Entscheidung für den Wohnort auch wegen der Kita im Ort mit kurzen Wegen und fußläufiger Erreichbarkeit gefallen sei. Auch aus der Bürgerschaft kamen kritische Stimmen. „Wenn die Kita schließt, bleibt Schweikershain an Attraktivität noch das Pflegeheim und der Friedhof“, sagt etwa Waltraud Weigl. Albrecht Bemmann stellte die Datengrundlage infrage: „Die vorgelegten Zahlen beweisen gar nichts. Die kann man auch anders interpretieren.“
Gemeinderat ringt um Entscheidung
Selbst im Gemeinderat ist die Lage nicht eindeutig. Fabian Wehner (AfD) erklärte: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen.“ Einerseits sehe er die schwierige finanzielle Situation, andererseits die Bedeutung der Einrichtung für die Attraktivität des Ortsteils. „Man muss alles versuchen, um die Einrichtung offen zu halten.“
Die Elterninitiative verweist zudem auf frühere politische Zusagen. Vor der ersten Amtszeit des Bürgermeisters seien Ziele wie die Steigerung der Attraktivität der Gemeinde und der Erhalt von Kindertagesstätten formuliert worden. Auch innerhalb des Gemeinderates erwarten die Initiatoren, dass sich insbesondere Vertreter des „Bürgerbündnisses der Gemeinde“ an entsprechende Wahlversprechen erinnern.
Entscheidung vorerst vertagt
Eine endgültige Entscheidung ist jetzt vorerst vertagt. Während der Diskussion in der Einwohnerversammlung wurde der Tagesordnungspunkt zur Beschlussfassung über die Kita-Schließung gestrichen. Stattdessen folgten Gemeinderat und Bürgermeister einem Vorschlag der Elterninitiative zur Bildung eines Arbeitskreises. In diesem sollen Vertreter des Gemeinderates, der Eltern, der Kita-Leitung sowie weitere Interessierte gemeinsam nach Lösungen suchen, um alle drei Einrichtungen zu erhalten. Erste Ergebnisse werden für April oder Mai erwartet, anschließend soll erneut beraten werden.
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