Zwischen Kreißsaal, Praxis und Bürokratie: Eine Hebamme aus Mittelsachsen erzählt

Wunder, Verantwortung und wachsendem Druck – Was es heute bedeutet, Familien rund um Schwangerschaft und Geburt verlässlich zu begleiten

Frankenberg/Sa.

Es beginnt oft lange vor der Geburt. Manchmal mit einem Anruf am späten Vormittag. Eine Frau ist schwanger, der errechnete Termin liegt noch Wochen entfernt. Die Frage klingt vorsichtig: Gibt es noch Kapazitäten?

Solche Gespräche gehören zum Alltag von Hebammen. Auch für Anita Jagusch. Sie arbeitet in Mittelsachsen - einer Region, in der die Geburtenzahlen seit Jahren zurückgehen. Und doch reicht das Angebot an Hebammen vielerorts nicht aus.

Ein Widerspruch, der sich erst erklärt, wenn man hinter die Kulissen schaut.

Ein Weg, der aus Erfahrung gewachsen ist

Anitas beruflicher Weg begann in der Pflege. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester und nach zwei eigenen Geburten - eine davon herausfordernd - wurde ihr bewusst, wie prägend diese Erfahrungen sein können. Für Frauen. Für Familien. Für das ganze weitere Leben.

2007 absolvierte sie ihre Ausbildung zur Hebamme am Klinikum Chemnitz. Es war eine Entscheidung, die aus persönlichem Erleben entstand - und aus dem Wunsch, Frauen in dieser intensiven Zeit nicht allein zu lassen.

Geburt ist kein Zahlenwert

Geburten lassen sich statistisch erfassen. Begleitung nicht. Hebammenarbeit ist zeitintensiv, individuell und oft nicht planbar.

Auch wenn weniger Kinder geboren werden, heißt das nicht automatisch weniger Arbeit. Schwangerschaften dauern gleich lang, Nachsorge braucht Zeit, Gespräche lassen sich nicht verkürzen.

Anita erlebt immer wieder, dass Frauen lange suchen müssen, bis sie eine Hebamme finden. Trotz sinkender Geburtenzahlen. Trotz scheinbar ausreichender Versorgungsstrukturen.

Begleitung von Anfang an

Die Betreuung beginnt für Anita Jagusch meist schon in der Schwangerschaft. Es geht um Vorbereitung, Vertrauen, um das Gefühl, gesehen zu werden.

Sie begleitet (zum Teil) die Geburt und ist bis zum Ende der Stillzeit ein sicherer Hafen für alle Fragen danach.

Jede Familie bringt ihre eigene Geschichte mit. Manche voller Vorfreude, andere mit Unsicherheiten. Was sie verbindet: der Wunsch nach einer verlässlichen Begleitung.

Ein Ort für Familien

Als freiberufliche Hebamme leitet Anita eine Hebammenpraxis. Dort entsteht Raum für Bewegung, Austausch und Orientierung. Sportkurse in der Schwangerschaft und zur Rückbildung gehören ebenso dazu wie Stillvorbereitung, Babykrabbelgruppen, Erste-Hilfe-Kurse für Säuglinge, Babymassage und Beikostberatung. Gemeinsam mit Kolleginnen bietet sie ein breites Angebot für Familien an.

Für viele Eltern ist diese Praxis ein wichtiger Anlaufpunkt - besonders in einer Region, in der Wege oft weiter und Angebote begrenzter sind.

Zwischen Kreißsaal und Nachsorge

Neben der freiberuflichen Arbeit ist Anita weiterhin im Kreißsaal in Mittweida tätig. Dort begleitet sie Frauen während der Geburt, eingebettet in ein erfahrenes Team.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus geht die Arbeit weiter. In den ersten Wochen zu Hause unterstützt sie Familien in der Nachsorge. Gerade diese Zeit ist sensibel - körperlich und emotional. Zudem ist es eine Veränderung im Alltag - welcher sich mit neuen Herausforderungen gestellt werden muss.

Ein Beruf unter Spannung

Die Rahmenbedingungen für Hebammen sind angespannt. Der bürokratische Aufwand ist hoch. Mit dem Hebammenhilfevertrag ab November 2025 sind weitere Anforderungen hinzugekommen.

Zwar wird die freiberufliche Arbeit inzwischen stärker nach dem tatsächlichen Zeitaufwand vergütet, doch das ändert wenig an der grundsätzlichen Belastung.

Auch wenn der neue Hebammenhilfevertrag einige Schwierigkeiten mit sich bringt, ist es wichtig, dass sich für die Frauen in der Betreuung nichts ändern wird.

"Wir können als Hebammen weiterhin im vollen Umfang unsere Familien begleiten und du Abrechnung erfolgt, wie auch vorher, über die Krankenkassen", erklärt die Hebamme.

In ländlichen Regionen wie Mittelsachsen zeigt sich das besonders deutlich: Weniger Geburten, aber nicht genug Hebammen, um alle Familien zuverlässig zu begleiten.

Warum dieser Widerspruch sichtbar werden muss

Anita Jagusch ist eine von vielen Hebammen. Doch ihre Geschichte steht für einen strukturellen Konflikt: Geburtshilfe lässt sich nicht allein an Zahlen messen.

Hebammen begleiten Anfänge. Leise, nah, verantwortungsvoll. Dass diese Begleitung nicht überall selbstverständlich verfügbar ist, betrifft nicht nur Hebammen - sondern jede Familie.

Aber ganz egal, wie schwierig es manchmal ist, so sehr liebe ich meinen Beruf. Und bin dankbar, dass ich all meine wunderbaren Familien in dieser so besonderen Lebensphase begleiten darf!", wertschätzt Anita Jagusch.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich