Allein, aber nicht einsam

Auf seinem vierten Album "After Hours" kombiniert The Weeknd die künstlerische Kühle seiner Karriereanfänge mit tanzbarer Radiotauglichkeit. Der Cyber-Pop des Kanadiers gehört fraglos zu den größten R'n'B-Highlights, die das Jahr 2020 bislang zu bieten hat.

Auf seinem vierten Album "After Hours" kombiniert The Weeknd die künstlerische Kühle seiner Karriereanfänge mit tanzbarer Radiotauglichkeit. Der Cyber-Pop des Kanadiers gehört fraglos zu den größten R'n'B-Highlights, die das Jahr 2020 bislang zu bieten hat.

Die Karriere von The Weeknd lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen: in eine Vor- und in eine Nach-"Can't Feel My Face"-Ära. 2015 veröffentlichte er den besagten Durchbruchs-Disco-Tune. Als The Weeknd vor neun Jahren als gesichtsloses Mysterium eine Mixtape-Trilogie ("House Of Ballons", "Thursday" und "Echoes Of Silence") veröffentlichte, waren Auskenner und Kritiker sich schon einig, hier einen echten R'n'B-Hoffnungsträger emporsteigen zu sehen. Rätselhaft, mythisch aufgeladen und ungewohnt experimentierfreudig: Der damals 21-Jährige prägte die Neuerfindung des Genres Anfang der 10er-Jahre - später geisterte diese Musik unter dem Namen Future-R'n'B durchs Feuilleton.

Doch während Wegbegleiter wie Drake, Frank Ocean oder Kelela zu stilprägenden Künstlern heranwuchsen, widmete sich The Weeknd lieber einem profitableren, radiofreundlicheren Ansatz. Ein Flirt mit Star-Produzent Max Martin (Lady Gaga, Ed Sheeran, Backstreet Boys) führte zu "Beauty Behind The Madness", seinem 2015er-Album, 2016 erschien dann der LP-Nachfolger "Starboy". Noch immer gab es enigmatische Texturen in seinem Schaffen, aber eben auch seichte Pop-Affinität. The Weeknd war und ist eine Figur des Transits - ein künstlerischer Grenzgänger und zugleich Dancefloor-erprobter Hedonist. Die zwei Gesichter des Abel Makkonen Tesfaye, so sein bürgerlicher Name, finden auf dem neuen Album "After Hours" in einer großformatigen Cyber-Pop-Fusion zusammen.

Während die Singles "Heartless" und vor allem "Blinding Lights" eher energetische Radiopleaser darstellten, ist es vor allem das Stück "Hardest To Love", eine synkopische Drum'n'Bass-Ballade über Vertrauensprobleme und zu Ende gegangene Liebe, mit dem The Weeknd ein exemplarisches Motiv für "After Hours" formuliert. "What we had is dead inside / You're actin' like it's still alive", heißt es hier. Bestimmend, sanftmüdig und gleichzeitig rastlos schwebt der typische Falsettgesang des Kanadiers über die getriebenen 80er-Keyboards und HipHop-Percussions - ein wenig wie eine musikalische Nebelschwade.

The Weekend ist intim und ungewohnt detailreich in seinem Songwriting, auch wenn sich der Handlungsstrang des Albums, die Selbstfindungsphase nach einer Trennung, eher wie klassischer Reißbrett-R'n'B-Output liest. So erfährt man unter anderem, dass er eine 20 Millionen Dollar teure Villa in den berühmten Hidden Hills nahe Hollywood besitzt, in der er noch nie geschlafen hat.

Es sind aber in erster Linie die futuristischen Genre-Hybrid-Arrangements von unter anderem Metro Boomin und Illangelo, der The Weeknd schon bei "House Of Ballons" musikalisch unterstützte, die "After Hours" lebhaft machen. Das Spiel mit Kontrasten aus seichter Pop-Produktion, schwer-verdaulichem Inhalt, sanfter Performance und wankelmütigem Überbau betrieb The Weeknd schon auf früheren Veröffentlichungen.

"After Hours" hat allerdings das Unterkühlte aus The Weeknds Mixtape-Tagen und die Überbeleuchtung der letzten Alben reduziert, um einen Künstler abzubilden, der sich und seine Emotionen zwar nur schwer erträgt, sie aber als Teil von sich akzeptiert. "Time hasn't been kind to me, I pray / When I look inside the mirror and see someone I love", singt The Weeknd in "Faith". In die Zeit von Ausgangssperren und "Social Distancing" passt dieses Album eigentlich ganz gut: The Weeknd ist allein, aber nicht einsam.

The Weeknd - Blinding Lights