Bayerischer Aznavour trifft Gitarren-Hero

In diesem Krimi steckt Musik: Michael Fitz und Alexander Held sprechen im Doppelinterview über den kuriosen neuen "München Mord"-Fall.

"Leben und Sterben in Schwabing": Schon der Titel der neuen Episode der stets sehenswerten ZDF-Krimireihe "München Mord" (Samstag, 18. Mai, 20.15 Uhr) evoziert die passende Emotion: Der Münchner Stadtteil Schwabing, er steht seit jeher für eine ganz besondere Lebensart. Die Frage ist nur, was davon noch übrig ist. In Zeiten von Gentrifizierung und Immobilienwahnsinn haben rund um die Münchner Freiheit die Hipster längst die Schickeria abgelöst. Jedenfalls muss man heute schon sehr genau hinsehen, um im Schwabinger Nachtleben noch Altschwabinger Originale wie den Altrocker "Türken-Rudi" zu entdecken. Jener Musiker wird vom ehemaligen "Tatort"-Ermittler Michael Fitz (60) gespielt, der sich bekanntlich selbst als Songwriter verdingt. Dass aber auch Alexander Held (60), der Darsteller des "MM"-Ermittlers Ludwig Schaller, einen musikalischen Background nebst kurzer Punkrock-Vergangenheit hat, dürfte manchen überraschen. Im Doppelinterview reden beide Stars über ihren Bezug zur Musik zur Stadt München.

teleschau: Gentrifizierung ist ein Thema, das gerade alle interessiert. Aber wie realistisch ist ein Krimi wie "München Mord" wirklich?

Alexander Held: Würden wir realistisch arbeiten, müssten wir seitenlang Berichte tippen. Das will wirklich keiner sehen. Deshalb sind wir noch lange nicht unrealistisch ... Auch Schaller bleibt durchaus realitätsbezogen, etwa wenn er dem "Türken-Rudi" sein Handy in die Hand drücken will, um Fingerabdrücke zu bekommen.

Michael Fitz: Hier wird aber nicht so die momentan gängige Mainstream-Denke bedient: Wenn jemand erst in der zehnten Minute einschaltet, muss er der Handlung noch folgen können. In deutschen Krimis wird unheimlich viel erklärt. Auch das ist hier die Ausnahme - dass nicht so viel erklärt wird. In Deutschland wird der Zuschauer einfach unterschätzt. Mich hat an dem Buch (von von Altmeister Friedrich Ani und Ina Jung, d. Red.) das Lokalkolorit gereizt. Das gab's früher auch im "Tatort", das ist jetzt aber untergegangen. Ich war wohl der letzte Vertreter, der das ein bisschen hochgehalten hat. Das ist schade. Außerdem beschäftigt die Münchner das Thema der Gentrifizierung, die ja vor keinem Viertel mehr Halt macht. Nach Schwabing ist jetzt der Schlachthof dran.

teleschau: Sie spielen einen Schwabinger Musiker. Wie sehr kennen Sie sich dort noch aus?

Fitz: Ich kann mich schlecht orientieren und habe mit der Schwabinger Szene nicht wirklich was am Hut gehabt die letzten 30 Jahre. Ich bin mit 27 aus München weggezogen aufs Land. Ich kenne nur die Münchner Musikszene und weiß, dass das alles sehr am Sterben ist - die ganze Kleinkunstszene, weil sich die Läden nicht mehr die Stadtlage leisten können.

Held: Ich erinnere mich noch an ein Haus in der Hans-Sachs-Straße. Der Besitzer wollte damals unbedingt ein Theater haben. Es fanden herausragende Inszenierungen statt, Dieter Hildebrandt und Co. kamen zu den Premieren. Vor drei Jahren bei einem "München Mord"-Dreh standen Maske und Garderobe in dem ehemaligen Theater, und der neue Besitzer kam, fand alles fürchterlich und versprach, dass das Theaterzeug rausgerissen und das Haus renoviert würde. Mir wurde da klar, dass es Theater schwer haben wird.

Fitz: Es gibt aber immer wieder Neueröffnungen von Bühnen, auch im Lehel, die sich mit viel Onlinewerbung halten können. Da findet aber auch eine Gentrifizierung der Kunst statt. Tycoone, die für jedes Kunstsegment, von Folk bis HipHop, einen eigenen Laden hinstellen und den dann vollballern mit Programm. Das scheint zu funktionieren mit dem entsprechenden Publikum. Ich habe selbst drüber nachgedacht, einen eigenen Laden aufzumachen. In München könnte ich es mir nicht leisten.

"Nur vereinzelt ist es so geblieben"

teleschau: Sie leben ja beide ländlich. Die Nöte der Städter kennen Sie eher aus der Zeitung ...

Held: Wir sind hier alle Zaungast und leben auf dem Land, ja. Ich bin aber hier aufgewachsen und sehe, wie sich die Dinge gewandelt haben. Nur vereinzelt ist es so geblieben, wie ich es von früher kannte.

teleschau: Was auffällt: "München Mord" bietet immer abgeschlossene Fälle und erzählt nicht horizontal ...

Held: Der abgeschlossene Fall hat seine Qualität. Da wird sonst zu viel erwartet.

Fitz. Es gibt ein modernes, neues Serienpublikum. Wenn man drin ist und das am Stück anguckt, da komme auch ich mit folgenübergreifenden Handlungssträngen zurecht. Wenn ich zwischen durch zwei Wochen unterwegs bin, freu' ich mich aber über jeden Vorspann, der mir die Handlung erklärt.

teleschau: Machen Sie eigentlich auch Musik, Herr Held?

Held: Ich war bei den Regensburger Domspatzen. Ich war in der Zeit des Missbrauchs dort. Die Ausbildung war schon hart. Der eigentliche Skandal ist, dass es so lange gedauert hat, bis der Missbrauch publik wurde. Ich habe es weder mitbekommen noch erfahren, aber das heißt ja nichts. Ein Junge, der ein schreckliches Erlebnis hat, rennt nicht zu uns.

teleschau: Warum haben Sie vor dem Abitur abgebrochen?

Held: Wir Schüler wollten in der Turnhalle mal andere Musik machen. Damals waren wir hinter der Zeit her, hatten kein Fernsehen und kein Radio. Dann haben aber von dem Musical "Hair" erfahren. Das wollten wir 1970 auch machen. TV wurde uns gestrichen, weil wir für "Hair" probten. Da habe ich zu meinen Eltern gesagt: Wenn man hier für Kreativität bestraft wird, bin ich falsch am Platz. Am nächsten Tag war ich weg. Aber ich profitiere heute noch.

teleschau: Inwiefern?

Held: Ich habe dort viel gelernt - auch was Genauigkeit angeht. Das musikalische Gespür wurde gefördert. Das kommt mir als Schauspieler heute zugute fürs Timing, das ist manchmal auch Musik. Ich denke nicht in Ärger und Gram an diese Zeit zurück.

teleschau: Wie viel Fitz steckt in der Rolle des "Türken-Rudi", Herr Fitz?

Fitz: ich hing schon immer ein wenig zwischen den Stühlen. Ich bin Jahrgang '58. Die richtigen Rockgeschichten waren vor meiner Zeit und dann kam Punk. Ich habe als Junger schon ganz viel Folk-Musik gemacht, Dylan nachgesungen und bald selber geschrieben. Mich hat's musikalisch Richtung Deutschrock gezogen. Ich bin rausgekommen zu Zeiten von Grönemeyer, zog meinen ersten Major-Deal bei einer Plattenfirma an Land. Letztlich bin ich der Zeit immer ein wenig hinterhergelaufen. Ich war nie am richtigen Punkt. Erst 2001 habe ich ein sehr erfolgreiches Album gemacht. Aber ich hab mich fast totgearbeitet und viel von meinen guten Schauspielergagen reingesteckt. Damit wurde ich nicht glücklich. Ich hab fünf Jahre pausiert. Dann ging es ganz langsam los mit Mundart, mit kleinen Liedern. Seit 2008 bin ich ganz allein unterwegs, hab' jetzt meine Nische gefunden. Das hat mit "Türken-Rudi" nichts zu tun. Mir könnt ihr "Sweet Home Alabama" auf den Bauch binden. Ich höre inzwischen viel Klassik und Minimal Music und Singer/Songwriter.

teleschau: Was treibt Sie dabei an?

Fitz: Ich liebe den Kontakt mit Publikum, die Leute in Emotionen zu führen. Da bin ich daheim. Diese Rock'n'Roll-Haltung im Film hat mir nichts zu tun und ist ein Anachronismus. Das ist so tot wie nix sonst auf der Welt. Auch das Männerbild dahinter ist mausetot. Klar: Leute wie Dylan wirken bis heute nach. Ich hätte "All Along The Watchtower" lieber wie Dylan interpretiert. Das Fingerpicking auf der Gitarre im Film habe ich übrigens selbst eingespielt.

Held: Wir sind ein Jahrgang. Diese Punkgeschichte habe ich damals aber eher verpasst. Ich wusste über Beatles mehr als über die Sex Pistols. Diese Musik machte damals Harry Kulzer ...

Fitz: Ein Freund von mir.

Held: Bei United Balls, seiner Band, habe ich auf der Bühne den Bass gespielt. Harry Kulzer hat mir das beigebracht. Mir war aber auch klar, dass das weniger mein Ding war. Ich bin beim Chanson hängengeblieben. Manches höre ich gern. Manches interessiert mich null. Letztlich - um auf den Schaller wieder zu kommen: Ich könnte mir auch Aznavour auf Bairisch vorstellen. Wäre schön, wenn wir uns mit den Autoren darüber austauschen könnten.

Fitz: Ich habe mich nach Django Reinhardt erkundigt. Im Film wird gezeigt, wie er das Zeug spielt. Schon krass. Einen Film zu machen, wo man als Instrumentalist gefragt ist, das würde mich reizen. Durchs viele Solo-Spielen bin ich ein leidlicher Gitarrist geworden. So einen Gitarristen zu spielen, so einen Bluesmann wie Rory Gallagher, Irish Celtic Sachen - das wär's.

teleschau: Sie beide sind prägnante Schauspieler. Wie nimmt man sich gegenseitig wahr?

Fitz: Er sagt zu mir im Film: "Du glaubst deinem eigenen Pressetext." - Ich habe dem privat noch nie geglaubt. Ich glaube, der Augenblick definiert alles.

Held: Wir ziehen hier beide an einem Strang. Das ist etwas, was ich bei vielen erfahren habe. Die, von denen man eine Bugwelle erwartet machen, die nicht.

Fitz: Ich habe mit Bruno Ganz gespielt. Das ist so eine Marke. Das war ein total lieber netter Kerl, der gut arbeitet.

Held: Genau. Ich habe mit ihm sieben Wochen in St Petersburg den "Untergang" gedreht. Sehr nett und charismatisch. Oder die Solidarität, die ich von Ben Kingsley und Co. erfahren habe, als ich zu einer Sprechprobe kommen sollte und er nicht. Der meinte: Alex ist unser Partner. Der hat uns beim Spielen zugesehen. Da würden mir hier ein paar Leute einfallen, die würden eher Feierabend machen.