Bundesstraße statt Highway des Lebens

Sechs Jahre hat der ehemalige Tomte-Sänger, Schriftsteller und Bruce-Springsteen-Vorleser Thees Uhlmann kein Album mehr veröffentlicht. "Junkies und Scientologen", das dritte Solowerk des 45-Jährigen, strotzt vor Lebensweisheiten, aber auch Kampfeslust.

Die B73 führt südlich der Elbe über 100 Kilometer von Cuxhaven nach Hamburg. Wer öfter dort gefahren ist, weiß, dass die Straße ein zweischneidiges Vergnügen darstellt. Einerseits führt sie durch wunderbare Gegenden wie das "Alte Land". Anderseits kann man im Laufe der vielen Ortsdurchfahrten und angesichts der vielen A1-Ausweicher schon mal ziemlich im Stau versacken. Einer, der an dieser Straße aufgewachsen ist, heißt Thees Uhlmann. Auf "Fünf Jahre nicht gesungen", dem Eröffnungs-Song seines ersten Albums seit sechs Jahren, heißt es: "Das Leben ist kein Highway, es ist die B73". Wäre das geklärt. Mit 45 Jahren veröffentlicht der ehemalige Tomte-Sänger, der zuletzt den Roman "Sophia, der Tod und ich" (2015) schrieb und die Autobiografie seines Idols Bruce Springsteen als Hörbuch las (2016), nun zwölf neue Lieder, zusammengefasst unter dem Titel "Junkies und Scientologen".

Dass Uhlmann schon immer ein großes Sprachtalent, ja ein genialer Aphoristiker war, gepaart mit einem persönlichen Hang zu Zärtlichkeit und Exzess, machte ihn schon als jungen Mann zum geborenen Künstler. Die deutsche Indierock-Szene, heute längst in der Überalterung gelandet, war die emotionale Heimat des Norddeutschen, dessen erstes krachendes Kunst-Lebenszeichen eine äußerst launig geschriebene Reportage über seine Zeit als Roadie bei Tocotronic darstellte ("Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic Tourtagebücher", 2000). Nun ist Uhlmann etablierter Charts-Künstler, Labelbetreiber, getrennt lebender Vater und Mitte 40. Ziemlich viel "Bundesstraße" für den Rock'n'Roll-Highway, was aber für das Songwriting keine schlechte Voraussetzung sein muss. Schließlich sind auch die meisten Hörer mehr Bundesstraße als Highway, zumindest über weite Strecken ihres Alltags.

Uhlmann sorgt sich um Katy Perry

Musikalisch ist "Junkies und Scientologen" keine ganz große Überraschung. In den schnelleren Stücken, von denen es viele gibt, türmen sich die Gitarren gewohnt zum Himmel auf: Emocore auf Hamburgerisch. Kennt man schon. Was nicht heißen soll, dass die Songs öde seien. Nein, brachiale Statements wie "Fünf Jahre nicht gesungen", das textlich wunderbar schlaglichthafte, dylanseske Stück "Junkies und Scientologen" oder auch die Stephen-King-Hommage "Danke für die Angst" sind durchaus ordentliche Songs. Dennoch liegt Uhlmanns größte Stärke nach wie vor beim Textlichen.

Wie liebenvoll er die Magie Stephen Kings (ein zweites großes Uhlmann-Idol) aufzeigt, das vermutete Lebensdrama des jung verstorbenen Techno-Produzenten Avicii beschreibt ("Avicii") oder sich um Katy Perry ("Katy Grayson Perry") Sorgen macht, der er rät, zu seinem eigenen Label Grand Hotel van Cleef zu wechseln, das macht einfach Lust, diesem Mann über zwölf Stücke wie einem Rock-Barden zuzuhören. Wenn deutscher Rap in seiner Breite textlich nur halb so gut wäre oder die Radio-Pop-Texter etwa ein Drittel dieser Begabung über den Äther blasen würden, müsste man sich über das Niveau der Pop-Kunst in Deutschland keine Gedanken machen.

Thees Uhlmann - Avicii