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"Chaos ist ja auch ein Stück Freiheit"

In der ZDF-Dramedy "Nestwochen" spielen Bettina Lamprecht und Matthias Koeberlin getrennte Eltern, die im Sinne ihrer beiden Kinder das "Nestmodell" praktizieren: Die "Jungen" bleiben im Haus, während die Eltern im Wochenwechsel "einfliegen". Kann so etwas funktionieren - als Film und im Leben?

Bettina Lamprecht kann Familie. Damit ist nicht nur gemeint, dass die Schauspielerin mit Mann und achtjährigem Sohn echte Lebenserfahrung in Filme wie die Dramedy "Nestwochen" (Donnerstag, 19. August, 20.15 Uhr, ZDF) einbringen kann, sondern auch, dass die 44-Jährige auffällig oft für Familienfilme und in Mütterrollen besetzt wird. Dies mag mit einem gewissen Lebensalter zu tun haben, aber auch mit dem humorvollen und präzisen Schauspiel, mit dem Bettina Lamprecht beispielsweise an der Seite Jürgen Vogels in einer der besten deutschen Familienserien der letzten Jahre agierte, dem VOX-Produkt "Das Wichtigste im Leben". Nach dem Motto: Wer die Lamprecht ("Pastewka", "Bettys Diagnose") im Cast hat, sorgt schon mal für eine ungeheuer warmherzige Authentizität, wenn es um Familie geht. Im Gespräch über ihren Trennungs- und Neuorientierungsfilm geht es um die Frage, ob das "Nestmodell" (Eltern bewohnen das gemeinsame Haus abwechselnd, die Kinder bleiben dort) nach dem Scheitern einer Beziehung mit Kinder wirklich funktionieren kann - und welche Zutaten es bracht, damit Filme mit Komik und Tiefgang gelingen.

teleschau: Kennen Sie jemanden, der das Nestmodell im echten Leben praktiziert?

Bettina Lamprecht: Ja, ein Schauspielkollege hat das mal eine Weile gemacht - und es damals als gute Sache beschrieben. Ich glaube nicht, dass es ein passendes Modell für alle Familien gibt, in denen sich die Eltern trennen. Familie ist immer etwas Individuelles - ebenso wie Partnerschaft und Trennung bei Paaren sehr unterschiedlich ablaufen können.

teleschau: Wer profitiert denn am meisten vom Nestmodell?

Bettina Lamprecht: Ich denke, die Kinder. Bei anderen Modellen müssten sie jede Woche oder sogar alle paar Tage ihren Rucksack packen und umziehen. Ich habe sogar von einer Familie gehört, in der die Kleinen jeden Tag umziehen. Wahrscheinlich ist das Nestmodell eine gute Idee, um Kindern in einer Trennungssituation mehr Stabilität zu geben. Allerdings könnte emotionale Stabilität noch entscheidender sein als räumliche.

" Ich bin eher der Part, den Matthias spielt - nur nicht so kleinkariert"

teleschau: Jeder getrennte Elternteil muss beim Nestmodell zwei Wohnungen unterhalten und für sich annehmen. Hätten Sie diese Flexibilität?

Bettina Lamprecht: Egal wie viel ich durch meinen Beruf unterwegs und auch daran gewöhnt bin, an verschiedenen Orten zu wohnen - ich liebe es, zu Hause zu sein! Will sagen, flexibel genug wäre ich, aber richtig schön stelle ich es mir nicht vor.

teleschau: Im Film sind Sie der chaotische Wohntyp, Ihr Spielpartner Matthias Koeberlin hingegen der ordnungsliebende Spießer. Trifft das die Realität?

Bettina Lamprecht: Nein, gar nicht (lacht). Ich bin eher der Part, den Matthias spielt - nur nicht so kleinkariert, hoffe ich. Ich liebe tatsächlich Ordnung in meinem Zuhause. Ich atme auf, wenn alles sauber ist. Voll nervig für die anderen (lacht). Ich fand es aber natürlich spitze, in "Nestwochen" den anderen Part zu spielen. Schließlich ist Chaos ja auch ein Stück Freiheit.

teleschau: Sie haben mit Jürgen Vogel bereits in der sehr guten, aber leider abgesetzten VOX-Familienserie "Das Wichtigste im Leben" das Elternpaar gespielt. Warum fällt es vielen Filmen und Serien schwer, das Lebensmodell Familie realistisch darzustellen?

Bettina Lamprecht: Eigentlich sollte es nicht außergewöhnlich schwierig sein, Familie im Film darzustellen. Die meisten Menschen und damit auch Filmschaffende haben ja Erfahrung damit. An "Das Wichtigste im Leben" haben wir damals etwa ein halbes Jahr gedreht - was ein großer Vorteil war. Wenn man so lange jeden Tag zur Arbeit geht, wird die Drehfamilie immer mehr zu einer Art echten Familie. Es sind eben die Leute, die man jeden Tag sieht und mit denen man sehr vertraut ist. Zuallererst braucht es aber wie überall gute Drehbücher, um ein spannendes, realistisches Szenario herzustellen. Da hatten wir mit dem Autorenteam Senft, Kropf, Janssen echtes Glück. Gute Drehbücher sind immer das Wichtigste.

"Das Schwere aufhellen ist doch das, was Humor tut ..."

teleschau: Ist "Nestwochen" für Sie überhaupt eine Komödie?

Bettina Lamprecht: Der Film ist eher auf eine warmherzige Art melancholisch statt krachend komisch, würde ich sagen.

teleschau: Muss man sehr viel lachen können, damit ein Format als Komödie bezeichnet werden darf?

Bettina Lamprecht: Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, was als Komödie bezeichnet werden darf und was nicht. Ich selbst schaue gar nicht viel Komödie, obwohl ich selbst in vielen Formaten gespielt habe, die man als komisch bezeichnen würde. Ich freue mich einfach wahnsinnig über intelligenten Humor. Das Genre ist mir da ziemlich egal.

teleschau: Ihren Worten entnehme ich, dass Sie auch keine Comedians oder Comediennes studieren?

Bettina Lamprecht: Nein, das tue ich nicht. Ich kenne mich auch nicht besonders gut aus in der Szene. Komisches spielen zu können oder zu wollen, hat für mich vor allem mit Lebenshaltung zu tun. Wenn man ein Mensch ist, der negativen Ereignissen im Leben immer auch etwas Komisches abgewinnen kann oder muss, bringt man das auch als Farbe mit in den Schauspielberuf. Das Schwere aufhellen ist doch das, was Humor tut und warum er so wichtig ist.

"Es wird halt wahnsinnig viel hergestellt derzeit"

teleschau: Welche Art Filme und Serien schauen Sie, wenn Sie zu Hause sind?

Bettina Lamprecht: Es gibt Monate, da schaue ich gar nichts. Ich bin auch ein bisschen satt von den üblichen Streamern, muss ich leider sagen. Die letzte Serie, die ich da geguckt habe und dir mir echt gut gefallen hat, war "Mare of Easttown" mit Kate Winslet. Das war gigantisches Schauspiel. Meist ziehe ich mich aber auf Arthouse-Plattformen zurück und erfreue mich an Filmkunst.

teleschau: Sie nehmen aber nicht am Serienboom als engagierte Konsumentin teil?

Bettina Lamprecht: Dass Serien mittlerweile ein großes und vor allem internationales Geschäft sind, sieht man vielen Produkten an. Da wird ein bestimmter "Look" etabliert, der einem oft schon irgendwie bekannt vorkommt - und auch die Plots wirken auf mich immer öfter austauschbar und vorgefertigt. Es wird halt wahnsinnig viel hergestellt derzeit. Ich freue mich riesig, wenn dann doch mal wieder was Besonderes, Originäres dabei ist. Dann bin ich auch engagierte Konsumentin. Ansonsten lese ich lieber ein Buch.