Das langsame Sterben des Michael Jackson

Am 25. Juni 2009 starb Michael Jackson. "Nicht ganz unerwartet", wie seine Familie einer geschockten Weltöffentlichkeit kurz nach dem Tod mitteilte. Tatsächlich deutete sich das tragische Ende des größten Popstars der 80-er und 90-er über 15 Jahre an. Eine Chronik des Niedergangs.

Fans und Weltöffentlichkeit hatten sich bis zum Jahr 2009 längst daran gewöhnt, dass es vom mittlerweile 50 Jahre alten "King of Pop" vor allem skurrile Bilder und Nachrichten gab - mit seiner Musik sorgte Michael Jackson kaum noch für Schlagzeilen. Als aber der Tod des Musikers am 25. Juni 2009 in Los Angeles verkündet wurde, waren viele Menschen geschockt. Nicht nur die Fans jenes Mannes, der bis heute unfassbare 750 Millionen Alben verkaufte, konnten die Nachricht nicht fassen. Sie schien ebenso surreal wie das Leben des schwarzen Jungen aus einfachen Verhältnissen, der mit elf Jahren seinen ersten Nummer-1-Hit hatte.

Jacksons Tod sei "nicht unerwartet" gekommen, sagte der Anwalt der Familie, Brian Oxman, dem Sender CNN kurz nach "Jackos" Ableben durch Herzversagen infolge einer Überdosis Propofol. Bald wurde deutlich, dass der Künstler, der abstinent von Alkohol und Zigaretten lebte, unter langjährigem Medikamenten-Missbrauch litt. Der Niedergang Michael Jacksons war ein langsamer, der sich über Jahre hinzog.

Bereits Mitte der 90-er deutete sich an, dass es mit Michael Jackson bergabgeht. Damals kamen erste Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs gegen ihn auf. Anfang 2019 wurden sie - nach zwischenzeitlichen Prozessen, die mit Freispruch endeten - durch den Dokumentarfilm "Leaving Neverland" schwerwiegend vertieft. Zum zehnten Todestag läuft aber auch eine neue TV-Doku, die das Sterben des Künstlers als Kriminalfall aufarbeitet. Wohl noch nie fiel der Rückblick auf einen Megastar, der die Menschen mit seiner Kunst bewegte, so schwer wie bei Michael Jackson.

Nicht "Mann genug" für das konservative Amerika?

Schon kurz, nachdem die Nachricht von Jacksons Tod aus dem Ronald Reagan UCLA Medical Center in die Öffentlichkeit durchgesickert war, bezeichnete ihn der Nachrichtensprecher des Senders NBC als "eine der umstrittensten Figuren der amerikanischen Popkultur, wenn nicht der amerikanischen Gesellschaft überhaupt". Man muss sich das vergegenwärtigen: Gerade war der erfolgreichste Musiker des 20. Jahrhunderts verstorben - und jetzt schon so ein kritischer Nachruf? Doch Amerika hatte schon lange Probleme mit Jackson. Spätestens seit dem Prozess wegen sexueller Belästigung von Kindern, der sich durch die erste Jahreshälfte 2005 zog und mit einem Freispruch endete, war das Band zwischen dem Idol und seiner Heimat zerschnitten. Zu hartnäckig hielten sich die Gerüchte, es sei doch etwas dran an den Vorwürfen, und Jackson habe sich das Schweigen "seiner" Kinder und ihrer Familien erkauft.

Nach dem Prozess verließ Jackson seine zum Kinderparadies ausgebaute Neverland Ranch, gut 200 Kilometer nördlich von Los Angeles gelegen, und wurde mehr zum Luxus-Nomaden als je zuvor. Es gab kaum noch neue Musik und noch weniger Auftritte - und wenn es sie gab, dann waren es eher die Schlagzeilen eines Freaks. Ultradünn, ja zerbrechlich wirkte der Mann mit dem mittlerweile kalkweißen Teint. Eine Folge der Hauterkrankung Vitiligo, über die Jackson erstmals 1993 in einem TV-Interview mit Oprah Winfrey sprach.

Nach dem Durchbruch des ehemaligen Kinderstars mit der Familien-Band Jackson Five und dem Aufstieg zum größten Solokünstler der Geschichte mit dem Album "Thriller" (1982) hatte sich Jackson über ein Jahrzehnt immer mehr vom Mann zum Fabelwesen verwandelt: sensibler, entrückter, verrückter! Wer lebt schon mit einem Schimpansen im eigenen Vergnügungspark? War Michael Jackson nicht "Mann genug" für das konservative Amerika? Es wirkte wie ein interessantes Experiment, das da vor den Augen der Öffentlichkeit ablief. Der größte Popstar aller Zeiten testet die Grenzen dessen aus, was man einem (schwarzen) Kerl im Land der Kerle noch zugesteht.

Weniger Musik, mehr "Privates"

Nicht mehr zugestehen wollte man dem genialen Sänger, Songschreiber und Performer jedoch sein seltsames Nähebedürfnis zu Kindern. 1993 bereits gab es erste Missbrauchsvorwürfe. Damals schien rund um den sensiblen Michael Jackson, der zuvor von einem kommerziellen Rekord zum nächsten geeilt war, erstmals die Welt zu wanken. Seine "Dangerous"-Tournee musste, nachdem es in den Wochen zuvor in Asien schon viele verkürzte oder "entschärfte" Konzerte gegeben hatte, in Mexiko abgebrochen werden. Pepsi kündigte den Vertrag mit seinem Mega-Testimonial. Als offizieller Grund für den Tour-Abbruch wurde - fast ein schlechter Scherz - Dehydration genannt, also Flüssigkeitsmangel.

Es folgte die kurze, kinderlose Ehe mit Elvis-Tochter Lisa Marie Presley (1994 bis 1996) und die weitaus weniger glamouröse Verbindung zu Krankenschwester Debbie Rowe, mit der Jackson die Kinder Prince Michael (1997) und Paris (1998) hatte. Später, 2002, als Rowe und Jackson längst wieder getrennt waren, kam noch Baby Blanket dazu, dessen Mutter unbekannt blieb - und das vor allem deshalb früher "Ruhm" ereilte, weil es mit neun Monaten von seinem Vater mit wackelig wirkenden Händen über einen Berliner Hotelbalkon gehalten wurde. Einer von vielen merkwürdigen Auftritten Jacksons in seinen letzten zehn Lebensjahren.

Letzter Comeback-Versuch

2005, nach dem Freispruch in einem viel beachteten Gerichtsverfahren, zog Michael Jackson - auch darauf muss man erst einmal kommen - auf Einladung des Prinzen nach Bahrain. Etwa 350 Millionen Euro Schulden plagten den exzentrischen Superstar zum Zeitpunkt seines Todes. Ein paar Jahre zuvor war dessen finanzielle Lage sicher nicht viel besser gewesen. Der damalige Deal mit Bahrain lautete: Jackson nimmt ein Album für das Label des Herrschersohnes auf, ein Musical sollte es als Zugabe geben, und der anspruchsvolle Lebensstil des Gastes würde "finanziert". Doch Jackson verschwand ohne Gegenleistung aus der Wüste. Später einigte man sich außergerichtlich.

Kurz vor seinem Tod schienen Jackson und sein Umfeld jedoch einen ernsthaften Versuch zu unternehmen, der siechenden Karriere des fast 50-Jährigen noch einmal eine Wende zu geben. Amerika, das Comeback-Geschichten liebt, hätte vielleicht Spalier gestanden. Anfang 2009 zog Jackson für etwa 74.000 Euro Monatsmiete in eine Luxusvilla im noblen Stadtteil Bel Air in Los Angeles. Dort bereitete er sich auf eine Reihe mit 50 geplanten Comeback-Konzerten in London vor, die innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren. Bilder tauchten im Netz auf, die Jackson bei den Proben zeigten. Hätte er dem Druck standgehalten, wäre ein grandioses Comeback durchaus möglich gewesen. Stattdessen glitt der Musiker wohl immer mehr in eine Medikamentenabhängigkeit ab. Seit einem Unfall während des Drehs eines Werbespots im Jahr 1984, bei dem Teile von Jacksons Gesicht und Kopfhaut verbrannten, soll der Sänger auf Schmerzmittel angewiesen gewesen sein.

Der Kriminalfall Michael Jackson

Die Dokumentation "Killing Michael Jackson", die am Donnerstag, 4. Juli um 20.15 Uhr in deutscher Erstausstrahlung beim Spartensender TLC zu sehen sein wird, erzählt detailliert von Jacksons letzter Lebensstation. Darin wird der "Kriminalfall" Jackson noch einmal aufgerollt, indem die drei den Todesfall untersuchenden Detectives sich zehn Jahre später noch einmal treffen und von ihren Untersuchungen erzählen. Es werden Einzelheiten der traurigen Lebensumstände des Künstlers in seinem letzten Heim ausgebreitet, wirklich neue Erkenntnisse gibt es aber nicht. Im Zentrum der Ermittlungen stand seinerzeit der Privatarzt Conrad Murray, der für einen fürstlichen Lohn mit diversen Sedativa Jacksons Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe befriedigte. Die bittere Doku erzählt, wie Murray seinen schwer angeschlagenen Patienten auch mal für längere Zeit zwischen den Spritzen aus den Augen ließ. Conrad Murray wurde 2011 wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Haft verurteilt.

Entscheidender für das Erbe des Künstlers ist jedoch der Anfang 2019 veröffentlichte, viel beachtete Dokumentarfilm "Leaving Neverland" (verfügbar bei Maxdome), in der zwei heute erwachsene Männer ihr Verhältnis zu und den Missbrauch durch Michael Jackson während ihrer Kindheit derart intensiv und glaubhaft schildern, dass im Nachklang eine große öffentliche Debatte darüber entbrannte. Auch darüber, ob Radiosender und Privatleute überhaupt noch Musik des Künstlers spielen dürften.

Wie sehr darf man die Kunst eines Menschen lieben und feiern, der privat womöglich Widerwärtiges getan hat? Im Falle von Michael Jackson gibt der wie immer moralfreie Markt eine klare Antwort: Michael Jackson, in seinen letzten Lebensjahren vom finanziellen Exitus bedroht, geht es als Unternehmen blendend. Seit seinem Tod hat er laut dem US-Magazin "Forbes" 1,8 Milliarden Euro verdient - genauso viel wie zu Lebzeiten.