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"Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit"

Kein deutschsprachiger Schauspieler verkörpert absturzgefährdete Charaktere so wuchtig und komplex wie Nicholas Ofczarek ("Der Pass"). Nun ist der 50-jährige Wiener als Schlüsselfigur der "Ibiza Affäre" zu sehen, über die 2019 die österreichische Regierung stürzte.

Über mehrere Jahre legten zwei sehr unterschiedliche Männer, ein Wiener Anwalt mit Migrationshintergrund und ein Privatdetektiv, Köder und Fallen aus, um 2017 jenes "Ibiza Video" aufzuzeichnen, in dem sich der österreichische Rechtspopulist Heinz-Christian Strache um Kopf und Kragen redete. Die "Fallensteller" schufen die Figur einer russischen Oligarchennichte. Sie gab vor, sehr viel Geld in Österreich investieren zu wollen. Mit freimütigen Angeboten in puncto verdeckter Parteienfinanzierung und heimlicher Übernahme unabhängiger österreichischer Medien redete sich der spätere österreichische Vize-Kanzler Strache ins Aus. Zwei Jahre nach der heimlichen Aufzeichnung des Videos veröffentlichen "Süddeutsche Zeitung" und "Spiegel" Straches Ibiza-Offenbarungen. In der Sky-Miniserie "Die Ibiza Affäre" (jeweils zwei Episoden am Donnerstag, 21. und 28. Oktober, 20.15 Uhr, auf Sky Atlantic, alle vier Folgen ab dem 21. Oktober "on demand" bei Sky Ticket oder Sky Q) spielt Nicholas Ofczarek die Figur des Privatdetektivs, der die Verführung Heinz-Christian Straches organisierte. Ein Gespräch über das "sinnliche" Nachdenken über Moral und das gegenwärtige Dilemma der Demokratie.

teleschau: "Die Ibiza Affäre" scheint Österreichs gigantischen Politskandal ziemlich detailgetreu nachzuerzählen. Gibt es auch Erfundenes und Spekulatives in der Serie?

Nicholas Ofczarek: Grundsätzlich hat die Serie einen realistischen, faktenbezogenen Ansatz. Was auch logisch ist, denn sie beruht auf dem Sachbuch der beiden Journalisten der "Süddeutschen Zeitung", die den Fall aufgedeckt haben. Trotzdem gibt es natürlich spekulative Szenen, denn die Kameras waren beim Geschehen ja nicht immer dabei. Gerade meine Figur des Privatdetektivs bleibt bis heute ziemlich mysteriös. Vor allem auch in der zentralen Frage, was seine Rolle im gesamten Fall betrifft.

teleschau: Der Privatdetektiv Julian H. wurde als mutmaßlicher Drahtzieher des Videos im Dezember 2020 verhaftet und steht derzeit vor Gericht ...

Ofczarek: Ja, aber nicht wegen der "Ibiza Affäre", sondern wegen angeblichen Kokain-Besitzes und Gründung einer kriminellen Vereinigung. Das ist eine schillernde Figur. Wichtig ist aber, dass keiner der Drahtzieher hinter dem Strache-Video wegen Planung und Organisation dieses Coups angeklagt wurde. Es war offenbar nicht strafbar, dem österreichischem Vizekanzler diese Falle zu stellen. Eine Falle, in der er seine moralischen Einstellungen offenbarte und sich um Kopf und Kragen redete. Weder gegen den Privatdetektiv noch den Anwalt - die beiden Köpfe hinter der Video-Idee - wurde Strafanzeige gestellt. Das ist für mich das Entscheidende.

"Moral rein intellektuell zu betrachten, wäre doch ein bisschen langweilig"

teleschau: Ist es ein erzählerischer Coup, die Serie aus Sicht der Fallensteller und nicht der Politiker zu erzählen?

Ofczarek: Ich glaube, die andere Perspektive wäre ziemlich uninteressant gewesen. Ich finde es zudem wichtig, dass die Serie nicht wertet. Man weiß nicht so recht, warum wenden diese beiden unterschiedlichen Männer - der seriöse Anwalt und der halbseidene Detektiv - so viel Zeit, Geld und Mühe auf, um den Strache und seine Leute dranzukriegen. Der Plan hatte etwas Besessenes. Wir wissen und erzählen nicht, wo die Energie dieser Leute herkommt. Vielleicht weiß es am Ende auch niemand. Jenes Geheimnis trägt viel zur Faszination der Serie bei, finde ich. Sie überlässt dem Zuschauer die Fantasie, sich selbst einen Reim darauf zu machen.

teleschau: In letzter Zeit ist es fast normal geworden, dass neben der Fiction-Serie über eine wahre Geschichte auch noch ein Dokumentarfilm produziert wird. Worin liegt der Vorteil, beides zu tun?

Ofczarek: Eine Dokumentation informiert, ein Film oder eine Serie unterhält. Im positiven Sinne fordert Unterhaltung zur sinnlichen Beschäftigung mit einem Thema auf. Wir erzählen eine Geschichte über Moral. Da finde ich es ganz wichtig, dass man über dieses Thema auch sinnlich "nachdenkt". Das Thema Moral rein intellektuell zu betrachten, wäre doch ein bisschen langweilig.

teleschau: Was haben Sie als Österreicher in jenem Moment gedacht, als die Bombe rund um Strache und das Ibiza-Video platzte?

Ofczarek: Ich fand es unwirklich, ja geradezu unglaublich. "Das kann nicht wahr sein", war mein erster Gedanke. Tatsächlich erwartete ich, dass man auch dieses Ereignis planieren würde, also dass man einen Ausweg findet, das Ganze als nicht ganz so schlimm dastehen zu lassen. Dass Strache und der Regierung nichts anderes übrig blieb, als zurückzutreten, ist eigentlich logisch. Aber dass ich nicht wirklich davon ausging, zeigt auch ein bisschen, dass zumindest ich nicht mehr mit viel Anstand in diesen Zirkeln rechne.

"Die Zustimmungswerte der FPÖ in Österreich sind schon wieder am Steigen"

teleschau: Strache hat kurz nach seinem Rücktritt probiert, in öffentliche Ämter zurückzukehren. Zeigt dies, dass bei ihm wenig Reue oder Scham im Spiel ist?

Ofczarek: Strache hat Anfang 2020, also weniger als ein Jahr nach dem Skandal, versucht, mit einer neuen, eigenen Partei ins Wiener Stadtparlament einzuziehen. Er scheiterte allerdings an der Fünf-Prozent-Hürde. Seine politische Karriere scheint verbrannt und am Ende zu sein. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Wie er sein eigenes Handeln sieht, kann ich nicht sagen und möchte dies auch nicht kommentieren.

teleschau: Hatte die Strache-Affäre einen nachhaltigen Einfluss darauf, wie Österreicher und gerade die Anhänger der rechtspopulistischen Bewegung über die FPÖ denken?

Ofczarek: Die Politikverdrossenheit in Österreich hat eindeutig zugenommen. Wahrscheinlich auch die Ansicht, dass so etwas auch bei anderen Politikern oder Parteien vorkommen könnte. Die Strache-Affäre war kein Sieg über die Rechte, sondern vor allem eine Niederlage der Demokratie. Die Vorurteile vieler Menschen gegen "die da oben" haben sich verfestigt.

teleschau: Hat sich Österreich vom Skandal erholt oder ist es ein anderes Land geworden?

Ofczarek: Es gab infolge des Skandals einen Untersuchungsausschuss, der bis zum letzten Sommer an der Sache gearbeitet hat. Es ging darin auch um die Klärung der Frage, inwieweit politische Parteien bestechlich sind. Durch Parteispenden und andere Instrumente der Einflussnahme von außen. Fragen, die auch in Deutschland und in anderen Demokratien immer wieder mal untersucht wurden. Wie es aussieht, ist bei unserem Untersuchungsausschuss nicht viel herausgekommen. Dass es weitergeht wie bisher, fördert die Demokratieverdrossenheit. Österreich ist nach der "Ibiza Affäre" kein anderes, sondern eher ein zusätzlich desillusioniertes Land.

teleschau: Rechtspopulistische Parteien verfolgen in den meisten Demokratien das Ziel, die bestehende Ordnung zu zerstören. Kann man sagen, dass die "Ibiza Affäre" zwar zunächst Strache und der FPÖ schadete, letztendlich der Bewegung aber sogar geholfen hat?

Ofczarek: Da ist durchaus etwas dran. Man wird das Gefühl, in einer Gesellschaft nicht gehört und an den Rand gedrängt worden zu sein, durch eine solche Affäre nicht abtöten. Diese Leute werden dem nächsten Populisten auf den Leim gehen. Die Zustimmungswerte der FPÖ in Österreich sind schon wieder am Steigen. Dafür ist unter anderem die Pandemie verantwortlich, denn die Rechten haben sich - wie in anderen Ländern - auch hier zum Anwalt der Frustrierten hochgespielt.

"Man darf dieses Feld nicht den Populisten überlassen"

teleschau: Sehen Sie unsere Demokratie in Gefahr?

Ofczarek: Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob unser System so stabil ist, wie ich und die meisten das lange glaubten. Ich denke, die Gefahr von massivem Machtmissbrauch ist mittlerweile groß. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Das dachte ich schon vor der Pandemie. Corona hat unsere Erfahrungswelt diesbezüglich aber noch mal drastisch verändert. Die Pandemie hat alle Demokratien stark unter Druck gesetzt.

teleschau: Wie meinen Sie das genau?

Ofczarek: Demokratie bedeutet normalerweise Meinungs- und im Rahmen der Gesetze Handlungsfreiheit für den Einzelnen. Wegen der Gesundheitsschutz-Maßnahmen wurde und wird die Freiheit der Bürger massiv beschnitten. Egal, wie wir persönlich zu den Maßnahmen stehen, sie sind eine Belastungsprobe für die Demokratie. Der Staat hat durch die Pandemie sehr viel mehr Macht über die Menschen bekommen. Man muss sich also die Frage stellen: Welche Maßnahmen sind wie lange zulässig?

teleschau: Sie sprechen die Gefahr an, dass Bedrohungen jeglicher Art vom Staat als Mittel zur Verschärfung von Gesetzen eingesetzt werden.

Ofczarek: Die Angst vor dem Polizeistaat schwingt während solcher Krisen immer mit. Nach 9/11 wurde der Flugverkehr weltweit akribisch überwacht. Alle Reisenden wurden massiv durchleuchtet. Mit Terrorgefahr wurden zahlreiche Einschnitte in Privatheit und Datenschutz legitimiert. Die Frage der Demokratie lautet immer: Wann werden solche Maßnahmen zurückgefahren? Wenn dies nicht passiert, wird die Freiheit des Einzelnen immer mehr eingeschränkt. Dass man Corona-Maßnahmen kritisch diskutiert, ist deshalb unabdingbar - gerade als überzeugter Demokrat. Man darf dieses Feld nicht den Populisten überlassen.