Der Anti-Teen-Pop-Star

Die jüngst 17 Jahre alt gewordene US-Sängerin Billie Eilish konnte mit fragilen elektronischen Pop-Songs und gruseligen Musikvideos einige Vorschusslorbeeren sammeln. Jetzt erscheint ihr Debütalbum mit dem tiefsinnigen Titel "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?".

Billie Eilish kleidet sich nicht wie ein Teen-Pop-Star, sie drückt sich nicht so aus, und sie macht auch keine Teen-Pop-Musik. Da sind keine Bubblegum-Refrains, keine Party-Stimmung, dafür Störgeräusche und dröhnende Bässe. Der Gesang wird auf "Ilomilo" von Effekten zerhackt und erinnert an dekonstruierte Club-Musik. Eilish möchte nicht klar und deutlich klingen. Stattdessen singt die sie auf "All The Good Girls Go To Hell" rauchig und ausdrucksstark wie Lana Del Rey. Auf "Xanny" changiert sie zwischen Raubtier-artig verzerrten Vocals und butterweichem Jazzgesang; auf "Bury A Friend" gibt sie ein paar angewiderte Geräusche von sich, die auf den eigenen Text zu reagieren scheinen. Was sich in den Singles andeutete, wird mit dem Debütalbum "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" zur Gewissheit: Mit 17 Jahren ist Billie Eilish bereits eine echte Ausnahmekünstlerin.

Die Düsternis ihrer Texte ist durchaus ein Faszinosum. "The friends I had to bury / They keep me up at night", singt sie zum Beispiel. Von begrabenen oder zu begrabenden Freunden ist an mehreren Stellen auf dem Album die Rede. Der Song "Bury A Friend" (98 Millionen Aufrufe bei YouTube) war Ausgangspunkt für die inhaltliche Ausrichtung von "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?", wie Eilish im Rahmen der Albumankündigung erklärte, und ist aus der Perspektive des "Monsters unter ihrem Bett" erzählt. Das Cover zeigt sie dementsprechend auf einem Bett, in einem kleinen Lichtkegel, mit Kontaktlinsen, die ihre Augen weiß und pupillenlos erscheinen lassen.

Keine Pop-Marionette

Obwohl es nicht überraschend sein sollte, dass eine Teenagerin sich für düstere Bildwelten interessiert, ist diese Art der Inszenierung Eilishs Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu der Pop-Musik, die andere Künstlerinnen und Künstler ihres Alters veröffentlichen. Auf dem Album wird dieser Effekt dadurch verstärkt, dass zwischen Songs zum Beispiel nicht abgeschnitten ist, wie sie nach einem abgeschlossenen Take auf die Aufnahmespur lacht. Im Intro ist zu hören, wie sie ihre Zahnspange vom Kiefer löst.

Man könnte vermuten, dass eine 17-Jährige, die mit einer Plattenfirma wie Universal Music zusammenarbeitet, beim Songwriting unterstützt wird. Wird sie auch: von Finneas O'Connell, ihrem nur vier Jahre älteren Bruder, mit dem sie schon seit ihrem erstem Soundcloud-Hit aus dem Jahr 2015 ("Ocean Eyes") zusammenarbeitet. Auch das unterscheidet Billie Eilish von vielen Jungstars, die einige Jahre nach ihren ersten Erfolgen nur noch Klatschzeitschriften mit traurigen Meldungen füllen: Sie ist allem Anschein nach keine Marionette irgendwelcher Manager, Promoter oder Label-Vertreter. Das zahlt sich aus, denn ihr Debütalbum höhlt eine Nische aus, die irgendwo zwischen Post-Party-Depression und Abschiedsbrief liegt und in keinem Moment nach herkömmlichem Teen-Pop klingt. Keine Frage: Billie Eilish ist eine der interessantesten Musikerinnen und ohne Zweifel eine der interessantesten Teenagerinnen, die das Pop-Geschäft in jüngerer Vergangenheit hervorgebracht hat.

Billie Eilish - Bury A Friend